Alain Tanner: Cineast.

6. Dezember 1929 –

Aufgenommen am 15. September 2006 in Genf

http://www.plansfixes.ch/films/alain-tanner/


> Alain Tanner beim Erzählen zuzuschauen bedeutet reines Vergnügen. Erstens ist sein Denken aussergewöhnlich wohl strukturiert; das zeigt sich an der Bewegung der Augen, am Ausdruck des Gesichts und an der Zuhilfenahme der Hände, mit denen er die Inhalte formt und in den Raum stellt. – Zweitens gibt er sich den Zuhörern rückhaltlos hin. Das macht die Begegnung mit ihm spannend. <


Alain Tanner gehört zum Typus der Ausnahmemenschen. Gemeinsam ist ihnen, dass man nicht müde wird, die Zeit mit ihnen zu verbringen: «Ich konnte mich an ihm nicht satt sehen», schrieb Johann Peter Eckermann 1823 nach der ersten Begegnung mit Goethe. «Das Gesicht so kräftig und braun und voller Falten, und jede Falte voller Ausdruck. Und in allem solche Biederkeit und Festigkeit, und solche Ruhe und Grösse! Er sprach langsam und bequem, so wie man sich wohl einen bejahrten Monarchen denkt, wenn er redet. Man sah ihm an, dass er in sich selber ruhet und über Lob und Tadel erhalten ist.» Dasselbe Bild bietet nun, mutatis mutandis, Alain Tanner in den «Plans Fixes».

«Es war mir bei ihm unbeschreiblich wohl», fuhr seinerzeit Eckermann fort. Heute geht es dem Betrachter mit Tanner nicht anders. Und warum? Weil der Mann, der, ins Sofa gelehnt, Red und Antwort steht, so lesbar ist. Das Denken passiert bei ihm in den verschiedenen Partien des Gesichts, in den Augen und in den Händen. Man weiss in jedem Moment, woran man mit ihm ist: Wo er steht, was er will, was er fühlt. Darum war es für die Filmcrews bei seinen Projekten auch so leicht, ihm zu folgen und seine Vorstellungen umzusetzen.

«Ebendeshalb ist es ein Lob, wenn man einen Autor naiv nennt», erklärt dazu Arthur Schopenhauer, «indem es besagt, dass er sich zeigen darf, wie er ist.» Viele Leute können das nicht. Voraussetzung für die unverstellte Selbstpeisgabe ist nämlich, «dass man etwas zu sagen habe: oh, damit kommt man weit!» – Daneben «sehn wir», fährt der Philosoph fort, «jeden wirklichen Denker bemüht, seine Gedanken so rein, deutlich, sicher und kurz wie nur möglich auszusprechen. Demgemäss ist Simplizität stets ein Merkmal nicht allein der Wahrheit, sondern auch des Genies gewesen.»

 

Diese besondere Form der genialen Simplizität aber ist ein Zeichen der Reife. In seinem kleinen Handbuch über «101 Things I learned in Architecture School» führt Matthew Frederick aus:

 

«EINFACHHEIT ist die Weltsicht des Kindes oder des uninformierten Erwachsenen, der sich voll und ganz seinen eigenen Erfahrungen überlässt und in fröhlicher Unbekümmertheit ignoriert, was unter der Oberfläche der unmittelbaren Wirklichkeit liegt.

 

KOMPLEXITÄT charakterisiert das gewöhnliche Weltbild des Erwachsenen. Sie ist gekennzeichnet durch ein Bewusstsein für komplexe Systeme in Natur und Gesellschaft, aber durch die Unfähigkeit, klärende Muster und Zusammenhänge zu erkennen.

 

WOHLBEGRÜNDETE EINFACHHEIT ist eine aufgeklärte Sicht der Wirklichkeit. Sie beruht auf der Fähigkeit, klärende Muster in komplexen Gemengelagen zu erkennen oder zu schaffen. Mustererkennung ist eine entscheidende Fähigkeit für einen Architekten, der inmitten konkurrierender und oft nebulöser Entwurfsüberlegungen ein hoch geordnetes Gebäude schaffen muss.»

 

Was für den Architekten gilt, gilt auch für den Cineasten. Beide müssen, wie Napoleon, einen aufgeräumten Kopf haben. Der Feldherr sagte von sich: «Mein grosses Talent besteht darin, dass ich in allem klar sehe. Auch meine eigentümliche Art von Beredsamkeit beruht darauf, dass ich das Wesentliche einer Frage von allen Seiten betrachte. – In meinem Kopf sind die verschiedenen Sachen themenweise geordnet wie in einem Schrank. Wenn ich eine unterbrechen will, so schliesse ich das Schubfach und öffne das einer andern. Sie geraten nie durcheinander, sie verwirren mich nicht und ermüden mich nicht durch ihre Vielfältigkeit. Will ich schlafen, so schliesse ich alle Schubfächer und bin sofort eingeschlummert.»

 

Für die Typenpsychologen fällt Alain Tanner, um die Ausdrucksweise von Stefanie Stahl und Melanie Alt zu übernehmen, ins Kapitel «Beziehungs­minister»: Sie «können sich mühelos in ihr Gegenüber einfühlen, sie sind hervorragende Menschenkenner. Ihre intuitive Wahrnehmung lässt sie ein sehr gutes Gespür für das Potenzial ihrer Mitmenschen entwickeln, und wenn sich die Möglichkeit bietet, machen sie es sich zur Aufgabe, dieses zu fördern. Mit ihrem Fingerspitzengefühl können sie oft das Beste aus anderen herausholen. Sie lieben es, Menschen zusammenzubringen und Verbindungen zu stiften.»

 

Demgemäss berichtet Alain Tanner mit Begeisterung von seinem letzten Film, soeben abgeschlossen mit 17 Absolventen der Kunsthochschule, in die er alle verliebt war – und sie in ihn. Zum Dank haben sie dem Cineasten das schönste Geschenk gemacht, das er sich vorstellen konnte: einen Olivenbaum. «Der wird noch in tausend Jahren da stehen», sagt Alain Tanner. «So alt werden nämlich diese Bäume.»

 

«Neben ihrer Menschenfreundlichkeit kennzeichnet die Beziehungsminister eine grosse Sprachbegabung, sie sind die geborenen Kommunikatoren», erklären die Psychologinnen. «Beziehungsminister können überzeugen und begeistern, manche verfügen über eine geradezu charismatische Ausstrahlung. Zumeist sind sie amüsante Unterhalter und oft mitreissende Geschichtenerzähler, nicht zuletzt, weil es ihnen leicht fällt, ihr Inneres zu offenbaren. Dadurch werden ihre Erzählungen sehr lebendig.»

 

Nun aber ist Alain Tanner nicht nur Beziehungsminister, sondern auch Künstler. Er steht, gerade als Cineast, in seiner Zeit und spricht zu seiner Zeit. Unübertrefflich hat Egon Friedell den Sachverhalt beschrieben: «Die Rede, dass der Künstler einsam und menschenfern schaffe, nur aus sich, nur für sich, einzig von seinem inneren Genius geleitet, unbekümmert um äusseren Erfolg und Widerhall, ist eine der vielen kuranten Unwahrheiten, die jedermann glaubt, weil niemand widerspricht. Der Künstler schafft nicht aus sich. Er schafft aus seiner Zeit: das ganze Gewebe ihrer Sitten, Meinungen, Liebhabereien, Wahrheiten und nicht zuletzt ihrer Irrtümer ist sein Nährmaterial; er hat kein anderes. Der Künstler schafft nicht für sich. Er schafft für seine Zeit: ihr Verständnis, ihre lebendige Reaktion ist seine Kraftquelle.»

 

Diese Tatsachen finden sich wieder, wenn man, des Französischen mächtig, das Gespräch mit Alain Tanner in den «Plans Fixes» verfolgt. Und in den Filmen sind sie aufgehoben für alle, die Augen haben zu sehen.

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