Joseph Voyame: Gerechtigkeit und Toleranz.

3. Februar 1923 – 7. Februar 2010.

 

Aufgenommen am 19. Dezember 2000 in Saint-Brais.

http://www.plansfixes.ch/films/joseph-voyame/

 

> Für die Typenpsychologinnen gehört Joseph Voyame zu den Strategen. „Man sagt ihnen eine gewisse Genialität nach“, sagen Stefanie Stahl und Melanie Alt. „Sie sind hervorragende Analytiker abstrakter und vielschichtiger Sachverhalte. Das macht sie zu sehr erfolgreichen Problemlösern, und zwar immer dort, wo es um die Erfassung und Verbesserung von komplexen Systemen und Konzepten geht.“ <

Die Psychologinnen erklären: „Die Strategen legen durch ihre exzellenten Fähigkeiten eine schwungvolle Karriere hin.“ Joseph Voyames Biographie liefert den Beleg: Gleich nach der Diplomierung zum bernischen Fürsprech (sic!) 1947 (damals der Adelstitel in der Schweizer Jurisprudenz) wurde der Eisenbahnersohn im Alter von 24 Jahren auch schon Gerichtsschreiber am bernischen Obergericht. Nach fünf Jahren wechselte er in gleicher Funktion ans Bundesgericht. Neun Jahre später (also mit 39) wurde er Direktor des eidgenössischen Amts für geistiges Eigentum. Dann, mit 46, Vizedirektor der soeben gegründeten Weltorganisation für geistiges Eigentum. Fünf Jahre später holte ihn Kurt Furgler als Direktor ans eidgenössische Amt für Justiz. Diesen Posten versah er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1988. Danach präsidierte er das UN-Komitee gegen die Folter. Daraufhin wurde er von der rumänischen Regierung für ein Jahr nach Bukarest berufen mit dem Auftrag, dem Staat bei der Umsetzung der Menschenrechte zu helfen. Und schliesslich war Joseph Voyame in Strassburg Co-Präsident der europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz.

Parallel zu diesen Aktivitäten unterrichtete Joseph Voyame auf Hochschulebene Jus in Bern, Lausanne und Genf. 1977 verfasste er die jurassische Kantonsverfassung. 1994–2000 leitete er als Co-Präsident die Assemblée interjurassienne. 1987 erhielt er vom Europarat eine Ehrenmedaille, 1988 den Dr. h.c. der Universität Neuenburg und 1994 den selben Titel von der Universität Bern. Die Welt kam offensichtlich um den „hervorragenden Analytiker abstrakter und vielschichtiger Sachverhalte“ nicht herum. All diese Karriereschritte werden nun im Porträt abgehandelt, das die „Plans Fixes“ mit 77jährigen aufgenommen haben – aber mehr nicht.

 

Mit gleichmässiger Stimme rapportiert Voyame die Fakten seines äusseren Lebens. Dabei bleiben die Hände ineinander verschränkt. Es wird fast etwas langweilig, ihm zuzuhören. Denn bei dem, was er sagt, merkt man ihm keine Beteiligung an. Er unterdrückt das Gebärden- und Mienenspiel. Doch die Zurückhaltung gehört zum Typ des Strategen, erklären die Psychologinnen: Er lässt sich auf „Diskussionen nur dann ein, wenn er sein Gegenüber als würdigen Gegenspieler anerkennt. Ansonsten geht er davon aus, dass man seine Gedankengänge sowieso nicht begreift und behält sie für sich. – Da Strategen jedoch ziemlich unabhängig sind, legen sie ohnehin nicht so viel Wert auf Sympathie.“

Man muss schon genau hinschauen, um hinter den Ritzen des freundlichen Erklärers die lebendige Person wahrzunehmen. Man erkennt sie am ehesten, wenn ein Lächeln der Befriedigung über  Voyames Gesicht huscht; etwa wenn er sagt, er sei stolz auf die jurassische Kantonsverfassung. Er schrieb sie in sechs Tagen unter einem Baum im Garten seiner Schwester. „Am Morgen des siebenten Tages um fünf Uhr in der Früh war sie fertig. Aber dann konnte ich ich nicht ruhen. Stattdessen musste ich mit zwei Neffen auf eine Bergwanderung. Dabei liess ich mich etwas ziehen, denn ich hatte nicht geschlafen. Aber an den folgenden Tagen hielt ich wieder mit.“

 

Durch Bewegung kam Joseph Voyame auf Gedanken. Darum war er zeitlebens ein grosser Wanderer. Beim Gehen bestätigte sich ihm die Erfahrung des Genfer Mathematikers Jean Trembley (ab 1794 ordentliches Mitglied der Preussischen Akademie der Wissenschaften in Berlin; ab 1807 Ehrenmitglied). Trembley hatte die Differenzial- und Wahrscheinlichkeits­rechnung vorangebracht und sagte immer, einen grossen Teil seines Geistes verdanke er den Beinen.

 

Wenn Joseph Voyame von seiner ersten Auslandsreise spricht, verändert sich der Blick. Und die Stimme wird etwas gedehnter. Damals, er war 24, fuhr er mit zweihundert Franken, die er vom Vater ausgeliehen hatte, nach nach Neapel. In Mailand sah er die Scala und besuchte „Don Carlos“. In Rom „Rigoletto“. Die Aufführungen haben einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Man sieht es durch die Ritzen seiner Augen. Im übrigen aber könnte man, wenn man Joseph Voyame zuhört, fast zur Meinung kommen, in seinem Leben sei nichts Besonderes vorgefallen, so bescheiden weiss er sich zu geben ... wie es sich eben gehört für den Sohn eines gläubigen katholischen Stationsvorstands, der zwischen Delsberg und Pruntrut seinen Dienst nach der Uhr versah.

 

Hinter Ritzen taucht zuweilen auch Joseph Voyames geistiges Leben auf. Zum Zeitpunkt der Aufnahme trifft sich der 77jährige wöchentlich mit jenen drei Schulkollegen, die sechzig Jahre zuvor mit ihm die Griechisch-Matur abgelegt haben. Im Griechischzimmer ihres alten Schulhauses lesen sie miteinander die antiken Autoren im Original.

 

Bei diesem Setting verrät sich der Sinn fürs Spielerische, mit dem Joseph Voyame die Menschen, die er liebte und schätzte, zu beglücken verstand. Etwa die Studenten, die er in seinen Vorlesungen nicht durch das Ablesen von Geschriebenem, sondern durch sokratischen Dialog voranbrachte. Die Anerkennung kam 1968 zum Ausdruck, lange vor Einführung der sogenannten „studentischen Lehrevaluation“. Joseph Voyames Vorlesung war damals die einzige, die während des Aufstands an der Berner Jus-Fakultät nicht boykottiert wurde. Beim Erzählen huscht wieder ein Lächeln übers Gesicht.

 

Ausserhalb des Films – auch nur durch eine Ritze – bekam ich selber Einblick in Voyaumes Schalk. Ich besuchte Roland und Anne Donzé. Das Ehepaar war durch die Herkunft aus dem Jura, die Gleichaltrigkeit und die Lehrtätigkeit an der Universität Bern seit Jahren freundschaftlich mit Joseph Voyame verbunden. „Und jetzt schauen Sie, was er uns für einen Streich gespielt hat!“ Der Esszimmertisch ist ausgezogen. Ein Set von Ansichtskarten ist darauf ausgebreitet. „Die sind in den letzten Tagen in verschiedenen Staffeln bei uns eingetroffen, mit verschiedenen Absendeorten und verschiedenen Datumsstempeln. Die Wörter ergeben keinen Sinn. Jetzt ist Anne auf die Idee gekommen, dass wir die Karten in eine bestimmte Reihenfolge bringen müssen. Daran haben wir eben gearbeitet, als Sie kamen, und schauen Sie, nun können wir die ersten Wörter hintereinander lesen, dann die zweiten – und nun ergibt sich ein langer, fesselnder Reisebericht.“

 

Für Joseph Voyame und Roland Donzé, die beiden Ausnahmeprofessoren, war das Spielerische ein Zentralbegriff. „Etwas Spiel“, erklärte Donzé, finde sich bei allem, das funktioniert: Ein Uhrwerk, ein Motor, eine Maschine könnten nicht laufen, hätten sie nicht „etwas Spiel“. Oder anders gesagt: Ohne „Spiel“ geht nichts. Das allzu satte Anziehen murkst die Bewegung ab, führt zu Reglosigkeit und Erstarrung.

 

Durch das Spiel fanden Donzé und Voyame auch den Gegensatz von freiem und unfreiem Denken definiert, wie er sich an der Universität zeigt. Da gibt es die Professoren, die ihre Beine brauchen zum Gehen, links, rechts, links, rechts, „step by step“ ... Und die andern (gibt es sie noch?) verwenden ihre Beine zum Tanzen und machen dadurch Bewegung zur Kunst. Damit aber haben sie alle „gegen sich“, die (in der Sprache der alten Griechen) „nicht ihresgleichen“ sind, also die Sitzen- und Stehengebliebenen, die Erstarrten, die Erlahmten, die Ernüchterten, die Ermüdeten, die Verbrauchten – und auch die Pragmatiker, die, „insofern sie dem geistigen Mittelstande zugehören, die eigentlich grossen Probleme und Fragezeichen gar nicht in Sicht bekommen“ (Nietzsche).

 

Die Pragmatiker sind zwar noch unterwegs, kennen aber als Art der Fortbewegung nur das reglementarische Gehen von A nach B – also das Marschieren – und haben dabei nur eines im Blick: das Messbare. „Comme s’il suffisait de pouvoir mesurer pour comprendre“, seufzte Jeanne Hersch. (Als ob es ausreiche, messen zu können, um zu verstehen.) Und Nietzsche: „Dass allein eine Welt-Interpretation im Rechte sei, die Zählen, Rechnen, Wägen, Sehn und Greifen und nichts weiter zulässt, das ist eine Plumpheit und Naivetät, gesetzt, dass es keine Geisteskrankheit, kein Idiotismus ist.“

 

Auch Joseph Voyame schliesst die Filmaufnahme mit nachdenklichem Blick: „Heute frage ich mich ernsthaft, ob die kulturellen Werte und die Solidarität, die über die Gesetze des Dschungels hinausgeht, nicht gefährdet sind durch die Vorherrschaft der Marktes, welche die politische Macht und die Sorge ums Gemeinwohl verdrängt.“

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