Josef Zysiadis: Der Genuss der andern.

17. April 1956  – 

 

Aufgenommen am 2. Mai 2016 in Saint-Sulpice VD.

http://www.plansfixes.ch/films/josef-zisyadis/

 

 

> Der Mann, den die „Plans Fixes“ im Jahr 2016 porträtiert haben, kommt zur Stunde gerade in den SRF-Informationen zu Wort. Anlass, ihn zu zu zitieren, bietet die Meldung: „Die Westschweizer entdecken das Biogemüse“. Alt Nationalrat Joesph Zysiadis kann das erklären. Denn er ist Direktor der Genusswoche und Präsident von Slowfood Schweiz. Darüber hinaus ist er auch bekennender Christ. Und Kommunist. <

 

Für Joesph Zysiadis bedeutet jede Mahlzeit eine Wahl zwischen dem einen oder andern System. Entweder man entscheidet sich für ein Produkt der Nahrungsmittelindustrie, das mit vielen anonymen, oft auch ausgebeuteten Arbeitskräften durch „Verarbeitungsprozesse“ zustandekam, oder man kauft das Grundmaterial zum Kochen vom Bauern und schenkt ihm dann die Zeit, die es für das Rüsten, das Garwerden und den Genuss verlangt.

 

Das Produkt des Bauern hat ein Gesicht, wie der Produzent auch. Teurer wird es dadurch nicht; bloss schmackhafter: „Hier am Genfersee verkauft Ihnen die Fischersfamilie das Kilo Felchen für 15 Franken“, ruft Zysiadis. „Und diese Leute sind nicht anonym. Sie lieben ihren See und kennen ihn seit Generationen.“ Mit der Rückeroberung des „Terroirs“ widersetzt sich Joseph Zysiadis der Enteignung und Anonymisierung unserer Lebenswelt durch „die Konzerne“.

 

Er weiss, was er sagt, wenn er von Verwurzelung redet. Denn er kennt auch das Gegenteil: die Entwurzelung. Der Vater war immer unterwegs. Bis nach Spanien und Portugal hinunter verkaufte er Uhren und Uhrenbestandteile. Daneben war er als Mensch, sagt Zysiadis, „ungleichmässig“. Kein Wunder: Das türkische Volk hatte ihm den Boden unter den Füssen weggezogen.

 

Vater Zysiadis gehörte zur griechischen Diaspora in Istanbul (die Griechen sprechen noch heute von Konstantinopel). Er betrieb einen Uhrenladen mit Verkauf und Reparatur. Doch nach dem Pogrom von 1955, das sich gegen die Griechen richtete (Zysiadis: „Man beginnt erst heute, davon zu sprechen.“), setzten sich die Mitglieder der bedrohten Minderheit in ihr Herkunftsland ab. Die Familie Zysiadis kam nach Athen und liess sich beim Hafen in einem Viertel nieder, wo sich schon viele Emigranten angesiedelt hatten.

 

Die Alteingesessenen indes gaben zum Ausdruck, dass sie die Rückwanderer nicht willkommen hiessen. Zysiadisʼ Uhrengeschäft kam, mangels Kunden, auf keinen grünen Zweig. Die Familie musste weg, und der Vater, in seiner Attitüde als orientalischer Pascha, entschied auch, wohin: „Nach Lausanne!“

 

„Wahrscheinlich erinnerte ihn die Lage am See, mit Evian gegenüber, an den Bosporus“, vermutet Joesph Zysiadis. Aber erklärt wurde das nicht. Es hiess einfach: Packen! Abfahren! Mit dem Orientexpress kam die Familie nach Lausanne. Von diesem Moment an hatte der Vater nichts mehr organisiert. Nicht einmal Papiere. Darum hiess es jetzt: „Wartet hier, bis ich uns eine Wohnung gefunden habe!“

 

Das „Hier“ war der Wartsaal im Hauptbahnhof, der damals noch durchgehend geöffnet war. Da mussten sich die Grossmutter, die Mutter, der drei- und der sechsjährige Sohn still halten: Kein Aufsehen erregen! Schön brav sein! Volle vier Tage lang. Mit dieser Lektion lernte die Familie gleich bei Ankunft auf Schweizer Boden Unauffälligkeit und tadellose Manieren. Dann kam der Vater zurück. Er hatte eine Wohnung gefunden. (Aus ihr zog Joseph erst mit siebzehn wieder aus.)

 

Die Mitglieder der Familie Zysiadis waren Sans-Papiers. Ziel des Vaters aber war das Maximum: nicht Duldung oder Assimilation, sondern Integration. Der Weg führte über die Religion. Weil der Kanton Waadt protestantisch war, besuchte die Familie konsequent alle kirchlichen Anlässe. Am Ende trat sie unter Ablegung des alten Glaubens (Mutter jüdisch, Vater orthodox) zum Protestantismus über. Währenddessen war dem zwölfjährigen Joseph auch schon klargeworden, was er werden wollte: Pfarrer.

 

Die Mutter ermöglichte den Besuch des Gymnasiums durch Schwarzarbeit in einem Warenhaus. An der Maturitätsschule wurden die Burschen nach dem Alphabet plaziert. Zysiadis kam neben Zwahlen ans Pult. Die Brüder Zwahlen waren Mitglieder der kommunistischen Jugend. Joseph schloss sich ihnen an und arbeitete sich hoch, in der Partei und an der Universität. Als Erwachsener liess er sich einbürgern, und nach dem Staatsexamen ging er für vier Jahre als Strassenpfarrer nach Paris. Auf dem Pflaster trat für sein Bekenntnis ein: „Ich bin Kommunist und Christ.“ Hinter beidem stand die Verpflichtung: Arbeite fürs Volk!

 

Zysiadis’ Einsatz war so glaubwürdig, dass er von den Waadtländer Stimmberechtigten in die kantonale Exekutive gewählt wurde. Dann kam er in den schweizerischen Nationalrat. Heute ist er Direktor der Genusswoche und Präsident von Slow Food Schweiz. Und der Röstigraben? Der besteht für Joseph Zysiadis darin, dass man in der Westschweiz die Bio-Lebensmittel anders anschaut als in der Deutschschweiz: „Für die Romands ist der Genuss beim Essen wichtig. In der Deutschschweiz isst man Bio, weil es gesund ist; in der Romandie, weil Bio-Lebensmittel mehr Geschmack haben.“

 

Joseph Zysiadis ist, das merkt man aus diesen Worten, nicht ideologisch, sondern engagiert. Das ist nicht dasselbe. Bei der Ideologie geht es um Trennung, Abgrenzung. Beim Engagement aber um Vereinigung, Integration. Wenn Zysiadis Menschen zur Tafel lädt (und damit zum Austausch), wird das gemeinsame Essen zu einem politischen Akt.

 

Jesus Christus hat dieses Miteinander vorgelebt. Joseph Zysiadis vollzieht es nach. Denn er weiss: Konvivialität ist der Kern von Freude und Menschlichkeit. Im Film lebt er diese frohe Botschaft vor, indem er am Schluss der Aufnahme für sich und den Interviewer eine Weissweinflasche entkorkt, so, als ginge es ihm mit dieser Gebärde darum, an die Verheissung zu erinnern: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommet her zum Wasser! Und die ihr nicht Geld habt, kommet her, kaufet und esset; kommt her und kauft ohne Geld und umsonst beides, Wein und Milch!“ (Jesaia 55,1)

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