Dr. Jacqueline Porret-Forel: Allgemeinärztin – Ihre Begegnung mit Aloïse, Dubuffet, l’Art Brut.

4 Juli 1916 – 28. März 2014.

 

Aufgenommen am 28 Juli 1995 in Chigny (VD).

http://www.plansfixes.ch/films/dr-jacqueline-porret-forel/

 

> Es gibt eine Kommunikation unterhalb der Wörter. In ihrem Beruf als Ärztin hat sie Jacqueline Porret-Forel täglich betrieben. Damit erreichte sie die Patienten in einer Tiefe, zu der die Sprache nicht hinablangt. «Ich bin bei dir», sagte sie unterhalb der Wörter. «Ich lasse dich nicht allein.» <


Die Konsultationen begannen damit, dass sich die Patienten freimachen mussten. Für Jacqueline Porret-Forel gehörte es zur ärztlichen Routine, jedesmal Herz und Lunge ihrer Kranken abzuhören und den Körper abzutasten. Das Vorgehen hatte sie von ihrem grossen Vorbild gelernt, einem Waadtländer Chefarzt mit stupenden diagnostischen Fähigkeiten. «Man erfährt viel dabei», erklärt sie in der Aufnahme für die «Plans Fixes». «Die Krankheit verändert sich von Tag zu Tag. Und man tritt mit dem ganzen Menschen in Kontakt.»

 

Noch bevor das Wort «ganzheitlich» in Mode kam, praktizierte die Landärztin schon bei ihren Hausbesuchen in den Dörfern oberhalb des Genfersees den umfassenden Ansatz. So oft es ging, suchte sie die Kranken auf, anstatt sie in die Praxis kommen zu lassen: «Man versteht die Menschen besser, wenn man sie in ihrer Lebenssituation antrifft.» Jacqueline Porret-Forel nahm sich Zeit zum Plaudern. Auch Kleinigkeiten interessierten sie. So sahen sich die Patienten wahrgenommen als Mensch. Unter die Themen des Alltags aber, unter die Diagnose, das Rezept und die Therapie schob sich eine zweite Ebene: Die Verbindung von «Ich und Du».

 

Der jüdische Philosoph Martin Buber (1878–1965) hat sein Werk dieser Beziehung gewidmet. «Alles wirkliche Leben ist Begegnung», erklärte er. «Der Mensch wird am Du zum Ich.» Das Wesentliche ereigne sich für uns durch «die erlebten Beziehungen». Mit «Beziehungskraft» könne «der Mensch im Geist leben». Und wenn er im Geist lebe, sei er mehr als Materie, der Körper mehr als Hülle.

 

Was das bedeutet, hat der Schaffhauser Historiker Johannes von Müller (1752–1809) erlebt. In einem Brief an seinen Freund, den Berner Patrizier Karl Viktor von Bonstetten, verabschiedet er sich mit den Worten: «Nun adieu, ich wende mich zu den Maschinen, die in meiner lieben Vaterstadt vegetieren.» In der Munotstadt erfuhr Müller die Dürre des unbeseelten Austauschs, und sein Inneres darbte. Unter den Bürgern vermisste er die Grundbedingung des erfüllten Lebens: Geist. Und der bedeutet Austausch. Durch Beziehung aber werden Eigenmenschen zu Personen, legte Martin Buber dar: «Geist ist nicht Ich, sondern zwischen Ich und Du.»

 

Für die Familienärztin Jacqueline Porret-Forel realisierte sich der Austausch «zwischen Ich und Du» ein Leben lang jeden Tag. Sie übernahm die Patienten des Vaters, als der sich zur Ruhe setzte, und gab ihrerseits die Patienten an den Neffen weiter, als sie mit 69 die Praxis aufgab.

 

Die Aufrichtigkeit, mit der sich Jacqueline Porret-Forel den andern zeigte, machte den andern die Aufrichtigkeit leicht. Denn gleich bei der Kontaktaufnahme erfuhren sie, um nochmals Martin Buber zu zitieren: «Nach seinem Ichsagen – danach, was er meint, wenn er Ich sagt – entscheidet sich, wohin ein Mensch gehört und wohin seine Fahrt geht. Das Wort ‚Ich‘ ist das wahre Schibboleth [Erkennungszeichen] der Menschheit.»

 

Für Jacqueline Porret-Forel war Offenheit wichtig. Nur durch sie konnte das andere, das Fremde, das Ungesuchte, das Bereichernde, das Erweiternde und Weiterbringende in Erscheinung treten. Darum liebte sie es, Dinge nicht zum Abschluss zu bringen. Auf diese Weise konnten sie sich noch «von selbst» entwickeln – ein Konzept, das auch Brecht, sich selbst zur Warnung, niedergeschrieben hat: «nie ankommen!»

 

Konsequenterweise ereignete es sich auch «von selbst», dass Jacqueline Porret-Forel das Vertrauen der schizophrenen Klinikpatientin Aloïse gewann. Jacqueline begegnete ihr nicht als Ärztin, sondern als Freundin; und bald auch als Schwester. Die Welt, in die sie durch Aloïses Wahn Einblick bekam, hatte universelle Dimensionen. Für die Ärztin wurde diese Sicht immer faszinierender.

 

Wenn die Antike zwischen dem Dichter als Seher und dem Dichter als Intellektuellen unterschied (poeta vates versus poeta doctus), so lebte die geistesgestörte Aloïse das Sehen und Künden in der Malerei aus. Am Ende erhielt ihr Werk – über die Vermittlung von Jacqueline Porret-Forel – in Jean Dubuffets «Collection de l’Art Brut» in Lausanne einen eigenen Raum.

 

Und wieder zeigt sich: Es gibt eine Kommunikation unterhalb der Wörter. Im Gespräch mit Jean-Philippe Rapp für die «Plans Fixes» liebkosen die Hände der 79jährigen den Kopf eines Dackels, der auf ihrem Schoss ruht. Im selben Alter schrieb der Berner Medizinprofessor Hans Koblet in seiner Autobiografie das Kapitel: «Büseli, meine kleine Schwester»: «Sie kann mir alles kundtun, was sie mit eisernem Willen durchzusetzen gewillt ist. Kommt sie zu uns und wirft sich auf den Rücken, so heisst das: ‚Unterbrich jetzt dein unsinniges Treiben und wende dich endlich mir zu. Ich will etwas.‘ Sie ist unwiderstehlich. [...] Hinter Tieren steckt viel mehr, als wir uns in unserer arroganten und mörderischen Einfalt denken. Man beschäftige sich liebevoll mit ihnen, und der ganze Zauber ihrer Persönlichkeit kommt zum Ausdruck. Wir sind alle verwandt.» Hätte Jacqueline Porret-Forel das gelesen, sie hätte es wohl mitunterschrieben.

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