Pierre Estoppey: Maler.

29. Juni 1911 – 20. Dezember 2006.

 

Aufgenommen am 14. Juli 1989 in Lausanne.

http://www.plansfixes.ch/films/pierre-estoppey/

 

> Je länger der Film dauert, desto unerträglicher wird der Zwiespalt: Verlassen oder dranbleiben? Als Befrager tut Bertil Galland alles, ein substantielles Gespräch zu verhindern. Auf der anderen Seite ist Pierre Estoppey dermassen faszinierend, dass einem die Begegnung mit ihm das Herz wärmt. Also dranbleiben. <

 

Bern ab 14:04 Uhr. Gleis 3: Intercity nach Genf. Die erste Klasse ist schwach besetzt. Ein älterer Herr sitzt in einem Viererabteil und blättert versonnen in einem grossen Kunstkatalog. Die Einzelsitze nebenan stehen auf der richtigen Seite: Nach Puidoux-Chexbres wird das Genferseepanorama hinter den Wagonfenstern in Erscheinung treten. Bis dahin steht einer genussvollen Lektüre nichts im Weg.

 

Doch ab Freiburg ist es mit dem Lesen vorbei. Mit lautem, erstauntem Gruss hat sich ein Bekannter zu dem älteren Herrn gesetzt. Die beiden haben sich, so scheint es, eine Zeitlang nicht gesehen. Offenbar hat der Zugestiegene im Ausland gelebt. Jetzt erkundigt er sich hastig nach den Verhältnissen in der Heimat, bevor er in Lausanne aussteigt.

 

Viele Namen fallen. Einzelne betreffen, dem Anschein nach, obskure Privatpersonen. Andere haben einen bekannten Klang: Gustave Roud – war das nicht ein Dichter? Und Charles Apothéloz – spielte der nicht eine Rolle im Westschweizer Theater?

 

Ohne dass man’s will, beginnt man der Konversation zu folgen. Das Buch liegt offen auf dem Fensterbrett, der Bleistift im Falz. Hinter der Scheibe zieht die grüne, gewellte Landschaft des Freiburger Hinterlands vorbei. Im Nebenabteil fällt der Name «Place Saint-François». «Die ist vollkommen verunstaltet worden», erklärt der ältere Herr, «mit Banken, Postgebäuden. Grässlich. Dabei war der Ort ursprünglich ein Belvedere. Aber Lausanne hat nach dem Zweiten Weltkrieg vieles zerstört.»

 

Der Befrager hüpft zum nächsten Thema: «Haben Sie nicht auch komponiert?» «Ach nein», wehrt der Befragte ab. «Das habe ich nie gelernt. Was ich als junger Mensch zu schreiben versucht habe, war reine Stümperei.» «Aber gemalt haben Sie?» «Ja. Aber wissen Sie: Mit 18 hat jeder Talent. Es braucht nicht viel, damit ein Bild zustande kommt.»

 

Jetzt sprechen die beiden von einem Westschweizer Architekten. Für den Horchenden beginnt sein Name mit V. (In Wirklichkeit handelt es sich, wie die Recherche ergibt, um Alphonse Laverrière). Seinerzeit soll er viel errichtet haben. Es fallen die Namen verschiedener Bauten. Das Reformationsdenkmal wird erwähnt. Der sachkundige ältere Herr findet die Gestaltung des Ortes mutig, ja revolutionär für die Zeit. «Man hat Laverrière gern den Vorwurf gemacht, er stehe noch im 19. Jahrhundert. Dabei war er ein Mann des Übergangs. – Auf dem Gebiet der Kunst ist ohnehin nur die Qualität ausschlaggebend.»

 

«Haben Sie nicht auch geschrieben?» «Ja, mehrere Aufsätze. Das hat sich so ergeben.» «Und Bühnenbilder?» «Ja, für das Théâtre des Faux Nez. Mehrere Jahre.» Der faszinierende älterer Herr, der auf so vielen Gebieten beschlagen ist, kommt nicht dazu, sich auszubreiten oder ein Thema zu vertiefen. Denn der Befrager muss in Lausanne aussteigen, und bis dahin will er noch viel Verschiedenes wissen: «Warum interessiert Sie die Kunst des Barock? ... Und kann man sagen, wie X (es fällt der Name eines den beiden Männern Bekannten) behauptet hat, der Barock sei streng gewesen?» «In Bezug auf den Tod gewiss.»

 

Schon kommt der Tunnel. Jetzt weitet sich unter der grandiosen Reblandschaft die blaue, sanft gekrümmte Spiegelfläche des Sees. Einzelne Hodler-Wölkchen schweben über den Savoyer Gipfeln. Gleichwohl schweift der Blick immer wieder von der Landschaft hinüber auf das faszinierende Gesicht des älteren Herrn. Gleich, wie in der Lavaux jedes einzelne Haus fest und wohlproportioniert aufs Erdreich gesetzt wurde, stellt er seine eigenständigen, wohlbegründeten Ansichten in den Raum, soweit ihm das vom Stakkato des Befragers erlaubt wird.

 

Was für eine Reise! Der Zufall hat es gefügt, dass ein lebender Anachronismus zum Reden gebracht wurde. Der alte Herr strahlte den gleichen Charakter aus, mit dem die jungen Engländer Goethe in den letzten Jahren seines Lebens imponiert haben: «Sie haben eben die Courage, das zu sein, wozu die Natur sie gemacht hat. Es ist an ihnen nichts verbildet und verbogen, es sind an ihnen keine Halbheiten und Schiefheiten; sondern, wie sie auch sind, es sind immer durchaus komplette Menschen.»

 

Gern hätte man sich mit dem unbekannten, durchaus kompletten Menschen selbst unterhalten und ihn seine Schätze in ruhigem Gespräch ausbreiten lassen. Da wäre wohl viel Substanzreiches zutage gekommen.

 

Nun findet sich in den «Plans Fixes» eine Aufzeichnung der Begegnung. Doch was bringt’s? Die Frage, wer der ältere Herr sei, beantwortet der Film nur rudimentär. Und Wikipedia kennt ihn nicht. Die Fahrt von Bern nach Lausanne (und das Porträt in den «Plans Fixes») gleicht damit der Suche nach der verlorenen Zeit: «Ich sah, wie die Bäume ihre verzweifelten Arme schwenkten und mir zu sagen schienen: Was du heute nicht von uns lernst, wirst du nie erfahren. Wenn du uns auf den Grund des Weges zurückfallen lässt, von dem aus wir versucht haben, dich zu erreichen, wird ein ganzer Teil von dir, den wir zu dir gebracht haben, für immer ins Nichts fallen.» (Marcel Proust)

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