Paul Chaudet: Freisinniger Politiker, Staatsrat, Bundesrat, Bundespräsident.

17. November 1904 – 7. August 1977.

 

Aufgenommen am 1. März 1976 in Rivaz (VD).

http://www.plansfixes.ch/films/paul-chaudet/

 

> Paul Chaudets Porträt in den «Plans Fixes» ist nur halb so lang wie die andern. Es fehlt nicht nur die Hälfte der Filmzeit, sondern auch die Hälfte der Person. Unerwähnt bleibt die politische Karriere, die den Magistraten von einem Winzerdorf am Genfersee nach Bern in den Bundesrat und ins Bundespräsidium geführt hat, bis ihr der sagenhafte Mirage-Skandal ein Ende gesetzt hat. <

 

1964 war Paul Chaudets Schicksalsjahr. Auf dem Col des Rangiers wurde er von Separatisten daran gehindert, als Vorsteher des eidgenössischen Militärdepartments eine Gedenkrede zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu halten. Der Skandal war immens. Aber noch grösser war der Skandal, den ein Artikel der «Weltwoche» lostrat. Die Beschaffung der Mirage, eines neuen Kampfflugzeugs, war dem Bundesrat aus dem Ruder gelaufen. Zum Kredit von 870 Millionen Franken wurde ein Zusatzkredit von 576 Millionen nötig. Das Parlament verweigerte den Betrag und setzte stattdessen eine erste parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) ein. Von allen Seiten wurde Paul Chaudet zum Rücktritt aufgefordert. Er hielt aber noch zwei Jahre durch, bis zum Ablauf der Amtsperiode. Danach trat er nicht mehr zur Wiederwahl an. 

 

Heute sind sein Porträt und Name in der letzten und grössten Edition des Brockhaus aufgehoben. Der Mirage-Skandal wird dort nicht erwähnt. Der Col des Rangiers auch nicht. Zur Zeit der Ereignisse jedoch war Paul Chaudets Schicksal Gegenstand der Erörterungen am Familientisch. Meine Mutter war aufgebracht: «Er kann nichts dafür! Er tut mir leid.» Unbedingt wollte sie ihm das sagen und liess sich nicht abhalten, ihm einen Brief zu schreiben.

 

Zum allgemeinen Erstaunen gab ihr der Bundesrat Antwort: Eine handgeschriebene Korrespondenzkarte hatte den Weg in unseren Briefkasten gefunden. Voller Stolz reichte sie die Mutter beim Mittagessen herum. Als Sechstklässler kam es mir unglaublich vor, dass ein Mitglied der Landesregierung Zeit haben solle, einer Hausfrau zu schreiben, und behauptete, es müsse sich um eine Art von Druck handeln. (Das Wort «Faksimile» kannten wir damals noch nicht.) Der Vater wog halb zustimmend das Haupt. Dadurch ermutigt, erklärte ich: «Wenn die Karte wirklich mit der Feder geschrieben ist, muss die Tinte zerfliessen. Darf ich?» Ich netzte den Zeigefinger mit Speichel. Die Buchstaben blieben fest. «Seht ihr: Er hat dir nicht geschrieben, Mama.» Durch Textanalyse wies ich nach, dass der Inhalt so allgemein gehalten war, dass er zur Massenabfertigung taugte. Ich blickte auf und sah in Mamas Gesicht. Da tat es mir zum ersten Mal leid, dass ich recht gehabt hatte.

 

«Er konnte nichts dafür», sagt nun, gleichlautend mit meiner Mutter, Pierre Graber über Paul Chaudet. Bei der Aufnahme für die «Plans Fixes» wird der alt Bundesrat darauf angesprochen, dass er «in diesem Haus den Mirage-Bericht verfasst» habe. Ja, bestätigt das ehemalige Mitglied der PUK. Einen ganzen Ferienmonat habe er daran gegeben, die Affäre zu studieren, und am Ende habe sich gezeigt, dass Parlament und Bundesrat von der Verwaltung angelogen worden seien. Sie habe den Politikern wichtige Dokumente vorenthalten. Darum habe das Parlament in der Folge einen eigenen Informationsdienst geschaffen, um nicht mehr ausschliesslich auf die Informationen der Verwaltung angewiesen zu sein.

 

Das Filmporträt von Paul Chaudet bringt diese Aspekte nicht zur Sprache. Gefragt wird lediglich nach dem Hier und Jetzt des 72jährigen. Ob er sich eigentlich alt vorkomme? Ob er heute (wir sind im Jahr 1976) noch zwanzig sein möchte? Wie er sich bei seinen Rückzug aus der Politik gefühlt habe? Wie es ihm gehe, und worauf es ihm ankomme? Ein paarmal richtet sich der Befragte in seinem Fauteuil auf, wie wenn er sich dem Einsinken entgegenstemmen wollte. 

 

In seinen Worten aber drückt Paul Chaudet Zuversicht aus, gesunden Menschenverstand und Bescheidenheit. Glaubhaft signalisiert er: «Je suis un de vous!» (Ich bin einer von euch.) Mit dieser Ausstrahlung, denkt der Betrachter, muss er populär geworden sein und Karriere gemacht haben.

 

Nach seinem Rücktritt aus der Bundespolitik hatte er das Glück, weiter gefragt zu sein, zuerst als Vermittler in einem Konflikt zwischen Indien und Pakistan, dann für verschiedene Kinderhilfswerke, nationale und internationale, darunter Les enfants du monde. Er präsidiert das Bildungszentrum der reformierten Waadtländer Kirche. Paul Chaudet erklärt, wie dankbar er sei, dass er nach der Pensionierung nicht ins Leere gefallen sei. Er fühle keine Abnahme der Kräfte und packe jeden Tage mit Freude an. Doch ein Jahr nach der Aufnahme stirbt Paul Chaudet im Alter von 73 Jahren.

 

Das Porträt in den «Plans Fixes» ist unvollständig. Es ist nur halb so lang wie die andern und bringt nur die Hälfte der Person zur Sprache. Aber vielleicht die wesentliche. Der liebe Gott wird’s wissen. «Und ich hörte eine Stimme aus dem Himmel sagen: Schreibe: Selig sind die Toten, die im Herrn sterben, von nun an. Ja, spricht der Geist, sie sollen ruhen von ihren Mühsalen; denn ihre Werke folgen ihnen nach.» (Offenbarung 14,13)

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