Anne-Marie Im Hof-Piguet: Gerechte unter den Völkern.

12. April 1916 – 18. Dezember 2010

Aufgenommen am 21. Dezember 2009 in Burgdorf.

http://www.plansfixes.ch/films/anne-marie-im-hof-piguet/

 

> Wie kommt jemand dazu, im Zweiten Weltkrieg sein Leben aufs Spiel zu setzen, um von Toulouse aus jüdische Kinder und Erwachsene in die Schweiz zu schmuggeln? Wenn die 93jährige Anne-Marie Im Hof-Piguet daran zurückdenkt, kann sie nur mit der Schulter zucken. Wie bei allen, die damals halfen, verstand sich die Rettung Todgeweihter von selbst: «Ich war halt immer eigenständig. Da liegt vermutlich der Kern.» <

 

Den Mann habe ich während des Studiums kennengelernt. Die Frau erst heute. Als sie mir mit 93 Jahren in der Aufnahme der «Plans Fixes» entgegentrat, war die Frage deshalb zunächst: Wie passte sie zum Mann? Wie muss man sich das Paar denken?

 

Der Historiker Ulrich Im Hof war für uns Studenten dadurch eine Ausnahmeerscheinung unter den Berner Professoren, dass er so auftrat, wie wir uns einen britischen Intellektuellen vorstellten: Dicke, unmodische Brille; Kleidung aus festem englischem Tuch; dazu stets eine gerade, brennende Pfeife mit Westminster-Aroma. Ulrich Im Hofs Haltung war nicht herablassend, sondern menschenfreundlich-zugewandt. Und wenn man mit ihm vertrauten Umgang genoss, zeigte er Sinn für Spiel und Selbstironie.

 

Eines Abends nahm ich beim Spaziergang durch die Weiden die ambitiösen Themen des Gemeinschaftsseminars aufs Korn, welches die phil. hist. Fakultät jeweils nach Pfingsten im Schloss Münchenwiler durchzuführen pflegte. «Warum nicht vor der Haustür anfangen», fragte ich, «zum Beispiel hier, bei dieser Kuh?» Ulrich Im Hof war der einzige Ordinarius, der den Ball aufnehmen konnte.

 

Wir entdeckten bald, dass uns das gemeinsame Blödeln zu einem kulturwissenschaftlich vitalen Punkt geführt hatte: Mit einer Kuh namens Europa beginnt die mythologische Vorgeschichte des Abendlands. Im Alten Testament erscheinen sieben fette und sieben magere Kühe. Nach «Der Öffnenden» trägt die erste Sure des Korans den Titel: «Die Kuh». Es gab den Schriftsteller Anton Kuh. Friedrich Hebbel hat eine komische Erzählung mit dem Titel «Die Kuh» verfasst. Dann wäre noch die Geschichte der Kuhschweizer zu verfolgen, die als Sennen und Söldner die Geschichte mitprägten, und da hat auch der Kuhreigen (Le Ranz des vaches) eine Rolle gespielt, der unter den französischen Königen im Heer verboten war, weil seine Melodie die Schweizer Soldaten zur Desertion veranlasste – ein Phänomen, das wiederum zum Fachwort «Nostalgie» bzw. «Heimweh» geführt hat. Nach dreissigminütigem Schlendern hatten wir schon genug Stoff für zwei interdisziplinäre Seminarwochen.

 

Ein andermal war Ulrich Im Hof wieder der einzige, der auf die Frage eingehen konnte, wie wohl die Literaturtheorie herauskäme, wenn man die verwendete Perspektive ins Zentrum setzte. Es gibt Romane, die beginnen mit Wir: «Wir waren in der Schule, als ... » (Flaubert: Madame Bovary). Andere beginnen mit Ich: «Ich bin geboren in der Gemeinde Unverstand, in einem Jahre, welches man nicht zählte nach Christus.» (Gotthelf: Der Bauernspiegel) Wieder andere beginnen mit Du: «Müssiger Leser!» (Cervantes: Don Quijote). Viele mit Er: «Sherlock Holmes stand gewöhnlich sehr spät auf ... » (Doyle: Der Hund von Baskerville) Der Musikwissenschaftler unterbrach uns: «Das führt nirgends hin. Wo bleiben die Gattungen?!»

 

Frau Im Hof, das offenbart nun der Film, hätte mithalten können. Immer wieder zeigt die 93jährige während der Aufnahme Sinn fürs Spiel: «Ich glaube, auf diese Frage werde ich Ihnen nicht die Wahrheit sagen», erklärt sie lächelnd dem Interviewer. «Oh doch, bitte!» «Nun gut, da Sie insistieren ... » Ironie, selbstverständlich: «Wollen Sie das wirklich hören?» Und Selbstironie: «Ich glaube, ich bin schon viel zu ausführlich geworden.» Daneben ununterbrochene menschenfreundliche Zuwendung: Beim Reden schaut Anne-Marie Im Hof-Piguet nicht nur in die Kamera, sondern auch in die Runde. Sie ist weniger am Monolog interessiert als am Dialog. Sie möchte mit dem Gesprächspartner zum Austausch kommen. Darum fragt sie zurück: «Wann haben Sie von den Konzentrationslagern gehört?»

 

Anne-Marie und Ulrich müssen ein interessantes Paar gewesen sein. Er hat Geschichte gelehrt; sie hat Geschichte erlebt. Als Mitarbeiterin des Kinderhilfswerks des schweizerischen Roten Kreuzes in Frankreich zog sie eine Kette auf, um gefährdete jüdische Menschen in die Schweiz zu bringen. Es gelang ihr, Mithelferinnen zu mobilisieren. In waldigem Gelände auf Schweizer Boden holte der Vater, der Forstinspektor Henri-Joseph Piguet, die Flüchtlinge ab, und die Mutter begleitete sie zum Flüchtlingspfarrer Vogt nach Zürich.

 

Durch Fragen und Stichworte angeregt, versucht sich die Hochbetagte, ein Jahr vor ihrem Tod, einzelne Episoden und Details aus dem Gedächtnis zurückzurufen. «Es ist eine alte Geschichte», sagt sie entschuldigend. Die Scherben der Vergangenheit wecken im Betrachter Mitleid und ohnmächtigen Zorn: Warum hatten nur fünf, sechs Frauen den Mut, das Richtige zu tun? «Ich war halt immer eigenständig», erklärt Anne-Marie Im Hof-Piguet. «Da liegt vermutlich der Kern.»

 

Für andere Mutige lief die Geschichte weniger glücklich; zum Beispiel für den 21jährigen Pharmaziestudenten Jean-Paul Grappin, Mitglied der Partisanengruppe FTP. Er wurde am 26. September 1943 im Gefängnis von Besançon ermordet. An diesem Tag schrieb er den Eltern:

 

Geliebte Eltern,

 

ich weiss nicht, was ich denken soll, ich weiss, dass ich erschossen werde. Ich bin mutig, aber ich hätte nie gedacht, dass mein Leben so abrupt enden würde. Was wird aus Euch? Ich weiss nicht, was ich Euch sonst noch sagen soll, aber ich hätte nie gedacht, dass ein so geringfügiges Vergehen mit dem Tode bestraft werden könnte.

 

Mein Leben war kurz, es war glücklich, es hätte nach diesem Krieg wunderbar sein können. Aber nein, nein, nein, ich kann nicht glauben, dass ich sterben werde! Meine Lieben, ich halte euch in meinen Armen und umarme euch von ganzem Herzen.

 

Jean Grappin

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