Laszlo Nagy: Journalist, Schriftsteller.

1921 – 30. Dezember 2014.

 

Aufgenommen am 21. Juni 2004 in Genf.

http://www.plansfixes.ch/films/laszlo-nagy/

 

> Bei der Begegnung mit Laszlo Nagy weiss man nicht, was man mehr bewundern soll: Das Spiel seiner Hände oder das Lächeln? Oder das, wovon sie der Ausdruck sind: Kompetenz und Überlegenheit? Jedenfalls ist sicher, dass Laszlo Nagys Persönlichkeit ihm half, das Beste aus dem Schicksal zu machen, das von zwei Seiten an ihn herantrat: Von aussen und von innen. <

 

Er war 26; er hatte schon den Doktorhut; er war schon Kommunikationschef der ungarischen Mehrheitspartei; und er hatte schon einen Dienstwagen. Da fiel das Urteil: Tuberkulose. «Das war damals eine geächtete Krankheit», erklärt der 83-jährige bei der Aufnahme für die «Plans Fixes», «gleich wie später Aids». Die Partei offerierte ihm einen Kuraufenthalt in Leysin. Die Mutter begleitete ihn an den Bahnhof. Als sie voneinander Abschied nahmen, wussten sie: «Wir werden uns nie mehr sehen.» Doch Lazlo beteuerte: «Es kommt gut!»

 

Der Grenzübertritt war ein Schock. 1947 bestand Budapest nur aus Ruinen. Auf den Bahnsteigen brannte eine einzige Lampe. Die Züge waren nicht geheizt. Die Fahrt nach Buchs (SG) dauerte zwanzig Stunden. Und dann befand sich Laszlo Nagy in einem Land, wo die Strassen nachts hell erleuchtet waren. Die Häuser waren fest und unbeschädigt. Die Menschen trugen gute Kleider. Die Züge waren geheizt.

 

3000 Franken standen ihm zur Verfügung. Die Behandlung im vornehmsten Waadtländer Sanatorium kostete 30 Franken pro Tag. Die Therapie bestand aus gut essen, an der freien Luft liegen und nichts tun. Bald zeigte sich, dass Laszlo Nagy keine Fortschritte machte. Das Kapital aber schwand. Er musste in ein billigeres Sanatorium wechseln, das pro Tag nur 13 Franken verlangte. Und immer noch trat keine Besserung ein.

 

In dieser Zeit brachte sich Laszlo Nagy Französisch und Englisch bei. Und um die Aufenthaltsdauer verlängern zu können, schrieb er sich an der Universität ein. Er erlitt zwei alarmierende Rückfälle. Operationen wurden nötig. Rippen wurden entfernt. Da trat eines Tages der Geschichtsprofessor Jacques Freymond in sein Krankenzimmer und setzte sich aufs Bett: «Das Buch, von dem sie mir erzählt haben, müssen Sie schreiben. Ich gebe Ihnen dafür ein Stipendium.»

 

Das Porträt von Laszlo Nagy dauert 47 Minuten. In Wirklichkeit aber bietet es Stoff für ein umfangreiches interdisziplinäres Seminar. «Resilienz» könnte man an ihm studieren, also «die psychische Widerstandsfähigkeit von Menschen, die es ermöglicht, selbst widrigste Lebenssituationen und hohe Belastungen ohne nachhaltige psychische Schäden zu bewältigen» (Brockhaus 2006). Die Historiker würden den Gedanken des nie erschienen Buches nachgehen: «Die Zirkulation der Eliten in den kommunistischen Regimes». Das Projekt war inspiriert worden von einer Untersuchung, welche diese Frage am Hof Ludwigs XIV behandelt hatte. Der Vergleich zwischen den beiden Konstellationen wäre höchst anregend und liesse sich verlängern bis in die Gegenwart.

 

Die neuere Geschichte könnte den Umstürzen Ungarns nachgehen, die sich zwischen 1921 und 2014 (Nagys Lebenszeit) ereigneten. Für den Porträtierten hatte der Einmarsch der Sowjettruppen 1956 ins «Bruderland» das Gute, dass die Schweiz mit einem Schlag seinen ungarischen Doktortitel anerkannte und ihm die Niederlassung gewährte.

 

Im Zusammenhang mit dem kalten Krieg könnte die Publizistik den Sender Radio Free Europe untersuchen, an dem der Porträtierte zwei Jahre als Redaktor arbeitete. Ein anderes Thema wäre die, von heute aus gesehen, idyllische Situation der Presse. Zur Zeit, als Laszlo Nagy für sie schrieb, gab es am Genfersee zwei konkurrierende, inzwischen eingegangene, Eliteblätter: Das «Journal de Genève» und die «Gazette de Lausanne».

 

Vom legendären Chefredaktor Pierre Béguin wurde Laszlo Nagy vom «Journal» abgeworben und für die «Gazette» als «grand reporter» nach Afrika geschickt: «Nach der Dekolonialisierung habe ich an fünfzig Staatsgründungen teilgenommen», erzählt er. «Ich war schon damals skeptisch. Aber ich hätte nie gedacht, dass es so herauskäme.» Afrika, weiteres Thema. Und die Berichterstattung des Grand reporter, am besten im Vergleich mit der Arbeit anderer Journalisten.

 

Zum Schluss führt die Begegnung mit Laszlo Nagy auf das Thema «Jugend – wie weiter?» Darauf gebracht wurde er, einmal mehr, durch Jacques Freymond. Von ihm hatte die Ford-Stiftung eine zweijährige Untersuchung zum Pfadfinderwesen gewünscht. Nun sagte der Professor: «Niemand ist dazu fähiger als Sie. Sie kennen sich auf der ganzen Welt aus.» Die Arbeit führte zu einer Reihe von Empfehlungen. Als sie Laszlo Nagy den Leitern der internationalen Pfadfinderbewegung vorstellte, wurde er von ihnen gedrängt, die Umsetzung vorzunehmen. Am Ende gab er nach: «Gut. Drei Monate, vielleicht sechs», dachte er. Es wurden 21 Jahre. Sie führten Laszlo Nagy als Generalsekretär mit den Regierungen von 123 Ländern zusammen. Als er mit 65 pensioniert wurde, holte ihn Klaus Jacobs für zwölf Jahre in die Jacobs-Stiftung. Ihr Zweck ist Jugendförderung. Dazu vergibt sie pro Jahr 40 Millionen Franken. – Die Rolle von Stiftungen wäre ein weiteres Thema.

 

Während man dem 83-jährigen Laszlo Nagy beim Erzählen zuschaut, weiss man nicht, was man mehr bewundern soll: Das Spiel seiner Hände oder das Lächeln? Oder das, wovon sie der Ausdruck sind: Kompetenz und Überlegenheit? Am Ende des Films aber weiss man, was seinen Erfolg erklärt: Es ist die Fähigkeit, Sachverhalte in Gedanken zu fassen und diese klar und nachvollziehbar darzulegen. Jacques Barzun erklärt dazu in seiner «Rhetoric for Writers», die unter dem Titel «Simple & Direct» erschienen ist: «Rhetorik zeigt Ihnen, wie man Worte so zusammensetzt, dass der Leser Ihre Aussage nicht bloss irgendwie erfasst, sondern genau.» (Rhetoric shows you how to put words together so that the reader not simply may but must grasp your meaning.) Das Auftreten und Reden Laszlo Nagys: Ein weiteres Thema für eine Studienwoche. Und ein Muster für glückliche, kommunikative Lebenshaltung.

 

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