Jacques Freymond: Professor und Historiker.

5. August 1911 – 4. Mai 1998.

 

Aufgenommen am 27. Januar 1993 in Belmont-sur-Lausanne.

http://www.plansfixes.ch/films/jacques-freymond/

 

> Jacques Freymond versteht es, sich unauffällig zu geben. Wer in die «Plans Fixes» hineinzappt, begegnet bloss einem netten älteren Herrn, der, ohne gross Eindruck machen zu wollen, freundlich auf die Fragen des Interviewers Antwort gibt. Aber 1993, zum Zeitpunkt der Aufnahme, brauchte er niemandem zu erklären, wer er sei. Heute entdeckt man seine Bedeutung im Lauf des Gesprächs und stellt fest: Jacques Freymond hatte etwas zu sagen. <

 

Wenn sie die Einladung der «Plans Fixes» bekommen, für Zeit und Ewigkeit festgehalten zu werden («Ein Gesicht – Eine Stimme – Ein Leben»), ergeht es den meisten Prominenten wie der Grossmutter in Marcel Prousts «Suche nach der verlorenen Zeit». Sie stehen vor der Frage: Wie stelle ich mich dar? Die Grossmutter nimmt dafür ihr bestes Kleid hervor (elle avait mis pour cela sa plus belle toilette). Sie schwankt zwischen verschiedenen Hüten (elle hésitait entre diverses coiffures). Der Erzähler findet das recht kindisch (je me sentais un peu irrité de cet enfantillage). Doch Françoise, die alte Dienerin, ruft ihm zu: «Oh! Monsieur, diese arme Dame, die so froh ist, dass man sie porträtiert, muss man gewähren lassen, Monsieur.» (Oh ! Monsieur, cette pauvre Madame qui sera si heureuse qu’on lui tire son portrait, il faut la laisser faire, Monsieur.)

 

Erstaunlicherweise zeigt nun Jacques Freymond bei der Aufnahme für die «Plans Fixes» nicht die geringste Spur von Gehaben. Marcel Proust, der Erzähler der «Recherche», würde das echt nobel finden, denn: «Je weiter es die soziale Leiter hinuntergeht, hängt sich der Snobismus an Nichtigkeiten, die vielleicht nicht leerer sind als die Distinktionszeichen der Aristokratie, aber, weil unbegreiflicher und stärker mit dem einzelnen verwoben, mehr erstaunen.» (Au fur et à mesure que l’on descend dans l’échelle sociale, le snobisme s’accroche à des riens qui ne sont peut-être pas plus nuls que les distinctions de l’aristocratie, mais qui, plus obscurs, plus particuliers à chacun, surprennent davantage.)

 

So antwortet Jacques Freymond auf die Frage, wo er denn gelernt habe, ein Institut zu führen, schlicht: «Im Militär.» Die Generalstabsausbildung, schiebt er nach, sei dafür eine gute Schule. Am Ende vernimmt man aus dem Mund des Interviewers, dass Jacques Freymond es zum Rang eines Obersten im Generalstab gebracht habe. Und dass ihm ein Kommando anvertraut worden sei: das sagenhafte Gebirgsregiment 5 (die Walliser).

 

Gleich nüchtern behandelt wird der Wechsel – eigentlich müsste man sagen: der Aufstieg – des 44-jährigen von einem Lehrstuhl für Geschichte an der Universität Lausanne nach Genf in die Leitung des «Institut des hautes études internationales et du développement». Auch da holt Jacques Freymond nicht weiter aus. Jedermann weiss (und sonst kann er es in Wikipedia nachlesen), dass es sich bei dieser Schule für Post-Graduates um «eine der interdisziplinärsten und weltweit angesehensten Ausbildungsstätten» handelt. Die Einladung ins Komitee des Internationalen Roten Kreuzes, gleich wie die in den «Club of Rome», versteht sich in diesem Kontext von selbst; auch die Mitarbeit am legendären Bericht über die «Grenzen des Wachstums» (1972).

 

Wichtig ist – da beugt sich Jacques Freymond ein wenig vor und hebt, leicht gestikulierend, die Hand –, wichtig für die Zukunft des Planeten ist die Überwindung des Spezialistentums. Hier liegt die Aufgabe: Menschen auszubilden, die fähig sind, aus einer Unzahl wissenschaftlich erhärteter Fakten eine Gesamtschau zu gewinnen. Diese – an den Hochschulen minderen Ranges oft belächelte – Allgemeinbildung haben die Diktatoren jeden Kalibers immer schlechtgeredet, denn sie führt zu mündigen, kritischen, selbständig denkenden Menschen, wo doch Herdentiere gefragt sind. Allgemeinbildung aber bedeutet Respekt vor dem Andersdenkenden, Streben nach Ausgleich, kluges, geregeltes Miteinander statt stures, (selbst-)zerstörerisches Gegeneinander.

 

Wie schwer der Gedanke zu verwirklichen ist, hat schon der Göttinger Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) erfahren, der nicht nur die physikalische Welt erforscht hat, sondern auch das Spiel des berühmtesten Schauspielers (Garrick) und die Kupferstiche des grössten Gesellschaftskritikers seines Jahrhunderts (Hogarth): «Es ist sehr schwer, eine Sache neu anzusehen, nicht durch das Medium der Mode, oder mit Rücksicht auf unser Modesystem.» Nur mit einem neuen, unbefangenen und unkonventionellen Blick jedoch, meint Lichtenberg, komme man zur Wahrheit, auch wenn sie weh tut: «Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen.»

 

Weil die Dinge so liegen, vertraute der «Grösste Feldherr aller Zeiten» (Gröfaz) dem Gesprächspartner Hermann Rauschning ein Programm an, das – leider – nichts an Aktualität verloren hat: «Hitler fuhr fort: Und damit komme ich zu dem, was wir Bildung oder Erziehung nennen. So sicher und gewiss das, was wir heute hier erörtert haben, niemals die Gedanken des einfachen Parteigenossen beschweren darf, so dringlich ist es, mit dem, was man Allgemeinbildung nennt, ein für allemal Schluss zu machen. Die Allgemeinbildung ist das zersetzendste und auflösendste Gift, das der Liberalismus zu seiner eigenen Zerstörung erfunden hat. Es gibt nur eine Bildung für jeden Stand und in ihm für jede einzelne Stufe. Die volle Freiheit der Bildung ist das Privileg der Elite und derjenigen, die sie besonders zulässt. Der ganze Wissenschaftsbetrieb hat unter ständiger Kontrolle und Auslese zu stehen. Wissenschaft ist Hilfsmittel des Lebens, aber nicht sein Sinn. Und so werden wir auch konsequent sein und der breiten Masse des untersten Standes die Wohltat des Analphabetismus zuteil werden lassen. Wir selbst aber werden uns freimachen von allen humanen und wissenschaft­lichen Vorurteilen.»

 

So erschreckend wie die Ausführungen Hitlers, wenngleich aus anderen Gründen, sind die Einsichten, zu denen Jacques Freymond und die Angehörigen seines Instituts vor fünfzig Jahren gekommen sind: Das Wachstumsdenken führt in die Sackgasse. Die Ausbeutung der Erde muss ein Ende haben. Wir müssen zur Biosphäre Sorge tragen. Der Nord-Süd-Konflikt wird immense Probleme schaffen, wenn wir nichts dagegen tun. Das Internationale Rote Kreuz wird immer ohnmächtiger, weil die Gewalt von substaatlichen Gruppen ausgeübt wird. – Erschreckend sind diese Feststellungen, weil die Generation der Babyboomer ein halbes Jahrhundert hindurch jedes dieser Probleme lediglich hat anwachsen lassen .

 

Ein Zeitgenosse Jacques Freymonds, auch Professor, auch zeitweiliges Mitglied der freisinnigen Partei, auch Oberst im Generalstab, auch Akademiker mit grosser Allgemeinbildung und weitem Horizont, der Berner Mikrobiologe Hans Koblet schrieb 2008 im Alter von 80 Jahren: «Da ich nicht mit menschlicher Einsicht rechne, zögere ich nicht, die Todesstrafe für Verbrechen gegen den Planeten zu befürworten. Solche Verbrechen sind zum Beispiel das böswillige Abbrennen von Wäldern in den Tropen oder in Europa, das Verkappen von Brennstoffen in den Weltmeeren, der Genozid an zahlreichen Tierarten und anderes mehr wie staatlich subventionierter Robbenmord oder Walfang, ‹Finning› von Haifischen, transkontinentale und innerkontinentale Ferntransporte von Tieren, illegaler Elfenbeinhandel, Wilderei, Beschaffung von ‹Bush-Meat›, Tierquälerei zum Vergnügen.» Angesichts dieser «Greuel» kommt der «zornige alte Mann» (so seine Selbstcharakterisierung) zum  Schluss: «Es gibt keine unschuldigen Menschen, nur unterschiedlich schuldige. Trotz vernehmlichem Protest akzeptiere ich die Auffassung von der Erbsünde; alle genannten Greuel wären unmöglich ohne die Feigheit und die Duldung durch die Menschheit.»

 

In der Tendenz sagt Jacques Freymond dasselbe. Nur in der zurückhaltenden Weise eines freundlichen älteren Herrn. Jedoch: Die Aufnahme wurde 1993 gemacht. Vielleicht würde er heute lauter reden.

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