Maurice Ray: Pfarrer, Evangelist.

22. November 1914 – 3. März 2005.

 

Aufgenommen am 11. Oktober 2001 in Nyon.

http://www.plansfixes.ch/films/maurice-ray/

 

> Es sind zwar nicht mehr Hirten auf dem Felde, sondern Internauten am Surfen. Aber immer noch ist es Nacht. «Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Und der Engel sprach zu ihnen: Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren.» In den «Plans Fixes» trägt dieser Verkündiger den Namen Maurice Ray. <

 

Ungewöhnlich ist nicht die Botschaft. Die steht seit zweitausend Jahren in der Bibel. Ungewöhnlich – und für heutige Menschen abschreckend – ist der Beruf, zu dem sich Maurice Ray nach zwölfjähriger Amtstätigkeit in der Waadtländer Landeskirche hingezogen fühlt: Evangelist. Der Schritt ist gewagt. Immerhin sind eine Frau und sieben Kinder zu ernähren. 

 

Maurice Ray wägt ab: Das Pfarramt bietet ein fixes Einkommen. Der Bibellesebund aber, in den er eintreten will, finanziert seine Arbeit durch Spenden. Zuschüsse gibt es weder vom Staat noch von irgendeiner Kirche. Das institutionelle Ansehen ist gering. Die Vereinigung versteht sich lediglich als überkonfessionelles Dienstleistungsunternehmen für Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften.

 

Bevor Maurice Ray bei der Staatskirche den Austritt gibt, konsultiert er den Synodalratspräsidenten. Der wiegt bedächtig das Haupt hin und her, dann kommt er zum Schluss: «Sie arbeiten weiterhin für uns, aber wir brauchen Sie nicht mehr zu bezahlen. Also gehen Sie.»

 

Für Maurice Ray bedeutet der Stellenwechsel nicht einen Sprung ins Leere, sondern einen Sprung in die Gnade Gottes. Fortan erfährt er das Leben als Dialog mit dem Herrn. In allen Situationen, die der Tag anspült, fragt er: «Was willst du mir damit sagen?» Und bei Schwierigkeiten fragt er: «Warum schickst du mir diese Prüfung?» Man findet diese Fragen in den Psalmen wieder. Sie zeugen, wie der Berner Theologieprofessor Ulrich Neuenschwander erklärte, von der Lebendigkeit der Gottesbewusstseins:

 

«Gott ist in allen Geschehnissen gegenwärtig, ganz besonders aber in jedem menschlichen Geschick. Aber er ist nicht selbstverständlich darin offenbar. Vielmehr ist gerade das Unverständliche, Unergründliche, Rätselhafte, Unheimliche, ja ‹Wunderliche› oder Furchtbare die allen Menschen erscheinende Aussenseite des Geschehens, in dem nicht jedermann den Gott Christi auch nur erahnt, geschweige denn erkennt. Um das verborgene Geheimnis Gottes, der verhüllt an uns handelt, aufzuspüren, dazu bedarf es nicht nur tiefster Frömmigkeit, sondern eines ganzen schweren existentiellen Lebensprozesses, der durch Höhen und Tiefen, Härte und Verzweiflung, Leben und Tod hindurchführt. Die Erkenntnis der Liebe Gottes ist nicht billig zu haben; sie kostet das ganze Leben.

 

Indem das Geheimnis Gottes sich nicht mit einem Schlage erhellt, gibt es Stufen der Gotteserkenntnis. Wenn eine Vorstufe – wie etwa das gesetzliche Verständnis Gottes oder die Deutung Gottes als tragischer Schicksalsmacht – auch im letzten Lichte des Evangeliums aufgehoben wird, so stellt sie doch als solche Vorstufe keinen ganz ungültigen Irrtum dar. Man ist nicht einem Götzen begegnet, sondern dem verhüllten lebendigen Gott. Die Teilwahrheit des Gesetzesglaubens mit seiner unbedingten Gewissensforderung oder des tragischen Schicksalsglaubens mit der Erkenntnis der Unerbittlichkeit Gottes bleibt bis zuletzt bestehen, aber sie bekommt einen anderen Stellenwert, sobald in der Mitte das Licht der innersten Liebe Gottes aufgestrahlt ist.»

 

Mit dem Licht dieser innersten Liebe blickt nun Maurice Ray auf seine Mitmenschen, und es geht ihm dabei wie dem deutschen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch: «Ich möchte allen irgendwie sagen: Ihr seid meine Freunde. Ich kenne euer Leben. Ich weiss schon, wie es bei euch aussieht, wie ihr von der Arbeit in die Küche fummelt und von der Küche zum Fernseher ... Wir haben alle das gleiche Los. Darum, Freunde, nehmt es leichter! Nehmt es grösser, nehmt es weiter! Seid nicht so streng miteinander!» 

 

Auch Hüsch ist gläubig: «Ich glaube», sagt er, «an Jesus Christus. An sein Leben und seinen Tod. Ich glaube an den Satz: ‹Liebe deine Feinde!› Und ich glaube an eine Welt, die nicht von dieser Welt ist. Ich glaube an eine Auflösung im Sinne von Erlösung ... In diesen Gedanken spüre ich die einzige Form von Geborgenheit. Das macht mich fröhlich und lässt mich sogar zum Kabarettisten werden. Denn aus dieser Geborgenheit heraus entdecke ich unsere Widersprüche und Vorurteile, unsere Enge und unseren Hass.»

 

Ob Kabarettist, Evangelist oder Philosoph, ob Christ oder Jude – die Sicht des Gläubigen auf die Welt und das Leben ist stets dieselbe. In seinem anekdotischen Erinnerungsbuch «Die Erben der Tante Jolesch» berichtet Friedrich Torberg von einem Gespräch mit Martin Buber. (Von Statur und Ausstrahlung her könnten Martin Buber, Hanns Dieter Hüsch und Maurice Ray übrigens Brüder sein.) Torberg schreibt:

 

«Buber, wiewohl von eher kleinem Wuchs, wirkte im Sitzen geradezu imposant. Rascher, als es mir im Grunde lieb war, erkannte er, warum ich die Begegnung mit ihm gesucht hatte; aus der Hellsichtigkeit seiner achtzig Jahre kam ebenso unvermittelt wie unzweideutig die Frage:

 

‹Und was tun Sie eigentlich?›

 

Ohne grossen Nachdruck begann ich ihm meine Aktivitäten herzuzählen, deutete auf das mitgebrachte FORVM-Heft und wollte näher darauf eingehen, als er mich unterbrach:

 

‹Das meine ich nicht. Ich meine: was arbeiten Sie wirklich? Es gibt doch eine wirkliche Arbeit für Sie? Sie müssen doch Bücher schreiben, oder nicht?›

 

‹Sie halten die Zeitschrift, die mich daran hindert, in der Hand.›

 

Buber sah zuerst mich und dann das Heft an, hielt es ein wenig seitwärts von sich weg und rieb das Papier ein paarmal zwischen Daumen und Zeigefinger. In seiner Gebärde schien mir eine leise, keineswegs beleidigende, aber dennoch beabsichtigte Geringschätzung zu liegen, die ich auch aus seiner Frage herauszuhören glaubte:

 

‹Das ist Ihnen so wichtig?›

 

Eben dieses Wörtchen ‹wichtig› gab mir eine Antwort ein, von der ich hoffte, dass sie seiner Frage gewachsen wäre und die mich überdies als gelehrigen Kenner seiner ‹Chassidischen Bücher› ausweisen würde:

 

‹So etwas fragen Sie, Herr Professor Buber? Und gerade von Ihnen habe ich gelernt, dass Rabbi Susja auf die Frage, was er für wichtig halte, die Antwort gegeben hat: ‹Immer das, womit ich mich beschäftige!›

 

Buber wiegte den Kopf, auf eine Art, die nicht sogleich klar werden liess, ob sie Anerkennung oder Tadel bedeuten wollte. Wie sich zeigte, war es Tadel, wenn auch ein nachsichtig und lächelnd geäusserter:

 

‹Hören Sie. Das hat nicht Rabbi Susja gesagt, sondern der Kobryner, und eigentlich nicht er, sondern seine Schüler haben einem Neugierigen, der wissen wollte, was ihrem Meister das Wichtigste im Leben sei, diese Antwort gegeben.› Buber machte eine kleine Pause, ehe er fortfuhr. ‹Von Rabbi Susja stammt ein andrer Ausspruch, und zwar der folgende: ‹Wenn ich einmal vor das Antlitz des Heiligen treten sollte, wird er mich nicht fragen: Warum bist du nicht Moses geworden? Er wird mich fragen: Warum bist du nicht Susja geworden?› Das ist es, was man uns von Rabbi Susja überliefert hat …›

 

Die Pause wurde jetzt noch länger und Bubers Lächeln noch inniger, nämlich noch mehr nach innen gekehrt; er schien in dieses Lächeln tatsächlich zu versinken. Dann wandte er sich voll zu mir:

 

‹Aber›, sagte er, ‹es ist zulässig, die beiden Geschichten miteinander zu verwechseln.›» 

 

Bei der Aufgabe, «Susja» zu werden, will Maurice Ray den Menschen durch seine Seelsorge beistehen. Jeder ist unvergleichlich. Darum muss ein jeder von der Verwechselbarkeit wegkommen und er selbst werden. Damit ist gesetzt, dass Leben Entwicklung bedeutet, genauer gesagt: Wachstum auf Gott hin.

 

Mit solcher Zuversicht hat Maurice Ray keine Angst vor Alter und Tod. Sie führen ja zur Vollendung im Jenseits. Schon jetzt leuchtet diese frohe Botschaft aus ihm heraus. Denn es ist ihm gelungen, die Forderung zu realisieren, die Pfarrer Ernst Schwyn an sich und alle Theologen gerichtet sah: «Es kommt nicht darauf an, dass ich ein Wort habe, sondern dass ich ein Wort bin.»

 

Wenn man nachts beim Surfen auf Maurice Ray stösst, kann man erfahren, was das heisst.

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