Luc Chessex: Fotograf.

10. August 1936 –

 

Aufgenommen am 25. Mai 2005 in Lausanne.

http://www.plansfixes.ch/films/luc-chessex/

 

> Luc Chessex ist ein Zeitzeuge besonderer Art. Mit seiner Fotokamera hat er das Antlitz der Welt – und der Schweiz – dokumentiert. Als offizieller Fotograf der kubanischen Revolution und als Übersetzer begleitete er die Presseleute bei ihren Treffen mit der Führung. Da hatte er sie auf Armlänge neben sich, „den Che“ und „den Fidel“. Wie sie waren, erzählt er jetzt aus eigener Anschauung. <

 

Ein schönes Bürgerhaus in Lausanne mit Garten und Teich. Da wohnt der 69-jährige Fotograf zum Zeitpunkt der Aufnahme für die „Plans Fixes“. Und da ist er auch aufgewachsen. Und da beginnt seine Geschichte mit Kuba.

 

Der Rauch, den der Vater, ein Zahnarzt, am Feierabend in die Luft pafft, stammt aus Havanna-Zigarren. Luc, der jüngste der drei Söhne, bekommt die leeren Kisten. Sie entfalten an ihm ihre Verführungskunst. Denn auf den Deckeln kleben farbige Bilder. Sie zeigen vollbusige schöne Frauen. Sie zeigen glühende Sonnenuntergänge. Sie zeigen das Paradies.

 

In diesem Paradies bricht jetzt, fünfzehn Jahre später, die Seligkeit aus. Luc hat eine Fotografenlehre absolviert. Er arbeitet bei Kodak in der Filmentwicklung und kommt dann zu einem Modefotografen. Und nun erlebt der Zwanzigjährige in der beschaulichen Waadtländer Kantonshauptstadt, was politisches Bewusstsein heisst. Der Algerienkrieg nämlich hat viele junge Oppositionelle an den Genfersee getrieben. An den Tischen von Brasserien und Cafés verhandeln sie mit ihren Genossen den Dekolonisierungsprozess.

 

Von Jean-Paul Sartre erscheinen Reportagen über die kubanische Revolution. Ein Freund bringt die Zeitungsblätter mit: „Das musst du lesen!“ Zuhause nimmt Luc eine Zigarre aus Vaters Kiste und zieht sich in sein Zimmer zurück. Seite um Seite legt er um. Die Nacht rückt vor. Am Morgen ist ihm klar: Er muss nach Kuba! Er muss die Revolution sehen und dokumentieren! Dafür ist er doch Fotograf geworden!

 

1960, mit 25 Jahren, landet er in der Bai. Doch an Land darf nur, wer ein Retourbillet vorweisen kann. Das hat ihm bei der Abfahrt niemand gesagt. Jetzt nimmt ihn der Schiffszahlmeister aus: Der begehrte Schein kostet den grössten Teil seiner Ersparnisse.

 

Der Kassensturz verlangt keine höhere Algebra: Luc wird sich mit den verbliebenen Mitteln nur gerade eine Woche auf der Insel durchbringen können. Also muss er Arbeit finden. Und da er hat Glück. Die Revolution braucht Bilder, die ihren Erfolg propagieren. Luc Chessex darf anfangen, die Bahnhöfe Kubas zu fotografieren. Dann macht er Standbilder bei Filmaufnahmen. Und schon ist er im Kulturministerium offizieller Fotograf der Revolution.

 

Er wird „dem Che“ zugeteilt. Chessex’ Fotos von Guevara gehen um die Welt und schaffen es in Teenagerzimmer und auf T-Shirts. „Che hatte mehrfaches Glück“, stellt der Fotograf rückblickend fest. „Er starb jung. Er fiel im Kampf für die gute Sache. Und er hatte einen Christuskopf. Aber es war nicht lustig mit ihm. Er hat nie gelacht, und es gab mit ihm auch nie etwas zu lachen. Als asketischer Argentinier verhielt er sich stur und dogmatisch, im Gegensatz zu den extravertierten, herzlichen Kubanern. Darum wurde er von den Menschen auch bloss respektiert, nicht geliebt.“

 

Ein anderes Format hatte für Luc Chessex „der Fidel“. Der ging offen auf die Menschen zu, strahlte Herzlichkeit aus, hatte Humor und Charisma und konnte gut zuhören. Luc Chessex war dabei, als ein Journalist dem Máximo Líder eine Stunde lang von den stalinistischen Greueln erzählte. Am Ende wiegte der Revolutionsführer lächelnd das Haupt und sagte: „Das kann mir nicht passieren. Ich werde rechtzeitig abzutreten wissen.“

 

Als das Westschweizer Fernsehen ein Interview mit Castro zu führen wünschte, richtete es seine Anfrage, da erfolgsversprechender, nicht an die Pressestelle, sondern an den Landsmann. Der brachte die Begegnung zustande und war als Übersetzer dabei. Den Journalisten kannte er von der École Nouvelle her. Da war er sein Geschichtslehrer gewesen. „Wir hatten ihm damals das Leben sauer gemacht“, erklärt Luc Chessex. Aber das war noch vor der Revolution gewesen.

 

Nun begann die Revolution jedoch, ihre eigenen Kinder zu fressen. Für den Mitarbeiter des Kulturministeriums wendet sich das Blatt. Er merkt es, als er von Reportage aus Südamerika zurückkehrt Die Leute weichen ihm aus. Er bekommt keine Aufträge mehr. Wenn er wissen will, was los ist, erntet er nur Verlegenheit. Offensichtlich ist er nach 14-jährigem Dienst für die Sache der Revolution in Ungnade gefallen. Aber warum? Auf der Strasse wird er von einem Unbekannten angesprochen: „Ich habe da ein Flugticket für Sie. Nutzen Sie die Gelegenheit!“

 

In Lausanne muss sich Luc Chessex neu orientieren. Es entstehen mehrere Bildbände über Asien und die Schweiz, Filmfotografien für die Cineasten Tanner und Goretta; daneben bringt sich Chessex mit Lehraufträgen durch. Mit sechzig muss er aus pekuniären Gründen anfangen, Blumen zu fotografieren. „Zum Glück habe ich mein Werk nicht mit diesen Bildern abschliessen müssen“, sagt er lachend. Denn nun kommen ihm wieder Gesichter vor die Linse: 2003 bringt er „Vidy et ailleurs...“ heraus. Da dokumentiert der 67-jährige, wie bunt seine Vaterstadt geworden ist. Es genügt, mit der Metro an die Ufer des Genfersees zu fahren, um sich in der Welt zu finden.

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