Claude Torracinta: Journalist.

11. November 1934 –

 

Aufgenommen am 9. September 2009 in Bernex.

http://www.plansfixes.ch/films/claude-torracinta/

 

> Am Ende drang sein Ruf auch in die Deutschschweiz: Claude Torracinta, Anchorman der Prestigesendung des Westschweizer Fernsehens „Temps présent“, schlug 1992 die Generaldirektion des neuen Fernsehkanals ARTE aus. Er zog es vor, die Karriere dort zu beenden, wo sie angefangen hatte: an der Basis. Doch es kam anders. <

 

Als Scheidungskind wuchs Claude Torracinta eine Zeitlang bei der französischen Grossmutter auf. Dann kam er in ein Internat. Nachdem er das den „Plans Fixes“ gesagt hat, schweigt er. Sein Blick geht ins Leere. Die Kamera aber verharrt auf seinem Gesicht.

 

Eben noch hat der Fernsehmann erklärt, wie viel ein Bild ausdrücken könne, und nun sieht man es selbst. Doch zur Erklärung und Ergründung des Gesehenen bedürfte es der Worte. Das zeigt die Stelle auch.

Die Einbettung des Gezeigten hat Claude Torracinta bei der Informations­sendung „Temps présent“ des Westschweizer Fernsehens geleistet. Als er deren Chef war, vertiefte er die Beiträge durch Interviews und Gesprächs­runden. Sein Verständnis des Mediums war aufklärerisch: Den Menschen zeigen, was ist. Und klarmachen, wie es dazu kam. Dafür braucht das Fernsehen Unabhängigkeit – vom Markt, von den Einschaltquoten, von der Politik, vom Staat.

Claude Torracinta ist Verfechter eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das dem Auftrag nachkommt, verlässliche Information zu bieten. Dieser „service public“, sagt er, kann nicht an Private „outsourced“ werden, so wenig wie die Trinkwasserversorgung oder das Gesundheitswesen. 1990 wird Claude Torracinta deshalb von der französischen Regierung mit dem Orden eines „Chevalier des Arts et Lettres“ geehrt. Die Auszeichnung gilt seinem Einsatz fürs Qualitätsfernsehen.

 

Das Öffentlich-rechtliche muss hohe Standards erfüllen. Die schlanke Gestalt Claude Torracintas stellt sein journalistisches Ethos bildlich dar; vor allem, wenn er anfängt, das Credo mit den Händen zu unterstreichen. In diesen Momenten liegt, was die Kamera zum Wort hinzubringt, dem Betrachter greifbar vor Augen.

 

Bei der Télévision Suisse Romande arbeitet Claude Torracinta an sich und den Mitarbeitern. Es geht darum, Mittelmässiges nicht durchzulassen, sondern das Beste herauszuholen – aus sich und aus den Beiträgen. Gleichzeitig geht es darum, die Qualität des Fernsehens zu verteidigen. Denn Qualität und Recherche, Eigenleistung und Selbstkontrolle sind nicht billig. Aus diesem Grund, erklärt Claude Torracinta, habe er sich in die Gremien begeben, in denen Budgets und Leitlinien festgelegt wurden. Da vertrat er die Idee eines anspruchsvollen journalistischen Fernsehens.

 

Hinter Claude Torracinta stehen Prägungen. Als Kind hat er in Frankreich den Zweiten Weltkrieg erlebt. Mit zehn Jahren sah er die Amerikaner einfahren. Die Bevölkerung erbettelte von ihnen Kaugummi und Orangen. Unter den Gejohle der Menge wurden auf dem Marktplatz Frauen kahlgeschoren. – Im Kalten Krieg erstarrten dann die Fronten. Claude Torracinta kam nicht darum herum, sich klar zu werden, wo er eigentlich stehe, und er entschied sich für die linke Mitte, die Sozialdemokratie.

 

Die weltanschauliche Klärung erfolgte in Genf. Im Alter von 14 Jahren wurde der Junge von der Mutter in die Rhonestadt geholt, just zum Eintritt in das Collège Calvin. Da begann ihm die Welt aufzugehen, und erst recht an der Universität. Das Studium schloss er mit zwei „licences“ (heute: Master) ab: 1958 in Wirtschaftswissenschaften und 1959 in Politikwissenschaften. 1962 folgte ein Gastsemester bei Henry Kissinger in Harvard.

 

Zu dem Zeitpunkt war 28-jährige bereits seit zwei Jahren Leiter des Wirtschaftsressorts an der „Tribune de Genève“. Dann übernahm er für drei Jahre die Leitung des Lokalteils. Das war die harte Schule. Was man im Lokalen veröffentlicht, provoziert Reaktionen von den Betroffenen, von den Interessengruppen, von den Politikern. Man lernt, mit Druck umzugehen und sich mit hieb- und stichfesten Informationen gegen allfällige Interventionen zu wappnen.

 

Derart geschult, kommt Claude Torracinta für die Jahre 1966–69 als Korrespondent nach Paris. Und noch einmal geht ihm die Welt auf: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, / Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ (Schiller: Wilhelm Tell)

 

Den Beruf des Journalisten empfindet Claude Torracinta als Privileg. Er kommt mit wichtigen Leuten zusammen. Herausragend die Begegnung mit Jean-Paul Sartre in seiner winzigen Wohnung. Auf dem Tisch steht das Glas mit den Pillen gegen die Herzschwäche, daneben das Manuskript zum Flaubert-Buch. Hinter seiner dicken Brille nimmt der kleine Mann mit dem weiten Geist die Ereignisse auf und analysiert deren Bedeutung. Unver­gesslich.

 

Nun tritt Claude Torracinta ins Westschweizer Fernsehen ein. Er bringt es zum Direktor des Informationsressorts. 1992 erreicht ihn der Ruf, als Generaldirektor die neugegründete Fernsehkette ARTE zu leiten. Doch er schlägt den Posten aus. Er will stattdessen den Bogen abrunden: Wieder einfacher Journalist werden. Schon bereitet er sich auf die Frühpensionierung vor. Und dafür hat er auch schon ein Projekt: Fahrdienste leisten. Damit will er der Gesellschaft für das danken, was er von ihr bekommen hat.

 

Doch die Genfer Regierung hat anderes mit ihm im Sinn: Sie ernennt den Sechzigjährigen zum Verwaltungsratspräsidenten der kantonalen Fürsorgeinstitution „Hospice général de Genève“. Zwölf Jahre lang versieht Claude Torracinta dieses Amt. Er kommt dabei noch einmal zur Welt: „Wie leicht war es“, sagt er selbstkritisch, „in einem Editorial den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen. Die Wirklichkeit ist viel träger, der Gestaltungsraum der Politiker viel geringer, als wir Journalisten das in unserer Naivität meinen.“

 

Diese Erfahrung machte schon der Weimarische Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe. Mit fünfzig schrieb er: „Es erben sich Gesetz’ und Rechte / Wie eine ew’ge Krankheit fort, / Sie schleppen von Geschlecht sich zu Geschlechte / Und rücken sacht von Ort zu Ort. / Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage; / Weh dir, daß du ein Enkel bist!“ (Faust)

 

Auf den Enkeln indes ruht Claude Torracintas Hoffnung. Zum Zeitpunkt der Aufnahme glaubt der 75-jährige, dass sie vernünftiger sein werden als die alte, abtretende Generation. Durch sie sieht er Hoffnung in die Welt kommen. Orandum est ut sit.

 

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