Ella Maillart: Schriftstellerin.

20. Februar 1903 – 27. März 1997.

 

Aufgenommen am 21. Juni 1984 in Chandolin.

http://www.plansfixes.ch/films/ella-maillart/

 

> Ella Maillart brauchte Jahre und Jahrzehnte, um zu merken, dass ihre Reisen in die falsche Richtung führten. Zuerst durchmass sie als junge Frau unter Lebensgefahr die entlegensten Gegenden Zentralasiens. Sie bestieg Gebirge von fünftausend Metern. Sie nahm an Skiweltmeisterschaften und Segelwettbewerben teil. Sie machte sich einen Namen als Reiseschrift­stellerin. Doch dann erkannte sie: Der wahre Weg geht nicht nach aussen, sondern nach innen. <

 

Bis zur Erfindung der Dampfkraft genügte es, das Land zu verlassen, um Abenteuer zu finden: „Das Schiff fing an, solche Bewegungen zu machen, dass grosse Kisten von einer Seite zur anderen stürzten, mit einem solchen Gepolter, dass man glaubte, das Schiff müsse in Stücke springen. Endlich riss unser Vordersegel, und alle Matrosen bis auf zwei oder drei wurden krank.“ Das erlebte Georg Christoph Lichtenberg auf einer Fahrt über den Ärmelkanal. „Von Göttingen reisete ich ab montags den 29. August 1774 um 11 Uhr vormittags und setzte den Fuss in Essex ans Land den 25. September um 3 Uhr nachmittags, nach einer Seefahrt von 24 Stunden. Den 27. September kam ich in London an und stieg in Oxford Street ab.“


Hunderfünfzig Jahre später musste man für solche Abenteuer Europa verlassen. Ella Maillart tat es. Zuerst fuhr sie in die Sowjetunion, dann nach Zentralasien; schliesslich nach China, in den Tibet und nach Indien. Das war zur Zwischenkriegszeit. Damals zahlten die Verleger gut für Berichte aus abgelegenen, unerforschten und oft auch abgesperrten Gebieten. Ella Maillart konnte von den Honoraren leben und mit ihnen weitere Fahrten finanzieren. Denn es gab nicht viele, die sich aufmachten, um am Leben unbekannter abgelegener Völker teilzunehmen und darüber zu berichten.

Für Kapitalisten, Lohnempfänger und Pensionisten ist der Besuch fremder Gegenden heute in der Regel mit Vergnügen, Abwechslung und Angeberei verbunden. Das war zu Ella Maillarts Zeiten nicht anders. Und nicht anders auch zu Zeiten Ludwigs XIV. Bloss bedeutete Verreisen damals noch ein Privileg der Happy Few und nicht ein industrielles Herumschieben von Biomasse zum Zweck wirtschaftlicher Ausnützung.

 

Aber schon zur Zeit des Sonnenkönigs fand sich, wie La Bruyère 1691 vermerkte, das Verhalten „jener Leute, die sich zwar aus Unruhe oder Neugier auf lange Reisen begeben, aber weder Erinnerungen noch Berichte verfassen, auch keine Notizhefte bei sich tragen; die aufbrechen, um zu sehen, und doch nicht sehen; oder vergessen, was sie gesehen haben; die nur begehren, neue Schlösser oder Kirchtürme kennenzulernen und Flüsse zu überqueren, die man weder Seine noch Loire nennt; die ihre Heimat nur verlassen, um zurückzukommen; die gern abwesend sind, um eines Tages von weit her zurückgekommen zu sein“.

 

Ella Maillart indes wurde nicht von Geltungssucht angetrieben. Vielmehr wollte sie beim Reisen Antwort auf innere Fragen finden. Zuerst die Grundfrage aller Adoleszenten: „Was ist die Wirklichkeit?“ Das heisst: „Worin besteht die Wirklichkeit des Augenblicks?“ In Genf antwortete man darauf mit Kopfschütteln. Auch Pfarrer und Lehrer waren nicht in der Lage weiterzuhelfen. – Dass es aber eine Wirklichkeit geben müsse (wenn auch undefiniert), erfuhr die Heranwachsende im Kontakt mit Wasser und Schnee derart intensiv, dass sie begann, beim Segeln und Skifahren Spitzen­leistungen hinzulegen. Doch am Ende zahlte sie für den Erfolg damit, dass sie bei der Maturität durchfiel. 

 

Aber wozu das Examen nachholen? Ella Maillart sagte sich, sie wolle ohnehin nicht studieren – sie wolle sich bewegen, auf dem Wasser und im Schnee. Angetrieben wurde sie von der Vermutung, dass Menschen, die im Kontakt mit den Elementen leben, zu einem harmonischeren Umgang mit Welt und Mitgeschöpfen erzogen werden als die hochtechnisierten europäischen Völker, die ihre Söhne zwischen 1914 und 1918 auf dem sogenannten Altar des Vaterlandes umgebracht hatten. Das Ausmass der Katastrophe war der Gymnasiastin bei der Lektüre von Kriegsberichten nahegetreten, und nun suchte sie in der Fremde einen Ausweg aus der zivilisatorischen Dekadenz.

 

Zuerst dachte sie an die Südsee. Aber die Nachrichten, die sie von dorther erhielt, machten ihr klar, dass das Paradies nicht mehr im Pazifik zu finden sei. In Zentralasien jedoch gab es noch weisse Flächen auf der Landkarte. Da lebten, meinte sie, noch Menschen im Urzustand. „Le petit parisien“, ein Reportagemagazin, war interessiert an solchen Expeditionen. Folglich machte sich Ella Maillart auf – in die falsche Richtung. Das stellte schon Teilhard de Chardin fest, mit dem sie nach den Vorlesungen an der Universität Peking Tee trank: „Sie suchen eigentlich Gott“, behauptete er. Doch Ella Maillart fand das absurd.

 

Ein paar Jahre später brach der Zweite Weltkrieg aus. Ella Maillart war in Indien. „Europa braucht mich jetzt nicht“ sagte sie sich und wandte sich einem Ashram zu. Dort erfuhr sie nach langem Widerstreben, dass die Realität nicht aussen zu finden sei, sondern innen, genauer gesagt: in ihrem Innern.

 

Die Erfahrung, die Ella Maillart im Fernen Osten gemacht hat, war die gleiche, die zur Zeit der Aufnahme ihres Gesprächs für die „Plans Fixes“ der Pfarrer und Psychotherapeut Ernst Schwyn in Boltigen i.S. vermittelt hat: „Ich will nicht mehr den Menschen abschleppen und in eine Glaubensposition führen. Sondern ich will ihn ermutigen, den Glauben anzunehmen, den er hat, schon dadurch, dass er existiert. Ich sage niemandem mehr: Du musst glauben! Sondern ich fordere ihn auf zu schauen, wie es in ihm drin schon lange glaubt. – Unsere Kirche macht den Hauptfehler, dass sie die Menschen tauft, verheiratet und beerdigt, aber die mystische Tiefe nicht berücksichtigt, die jeder Mensch in sich hat und von Geburt auf mitbringt. Der Mensch hat Gott nicht nur in einem Buch oder im Himmel, nein, er hat ihn auch in sich, als Stimme seines Schicksals. Es geht darum, fragen zu lernen: Was sagt mein Eigentliches, mein Ewiges?“

 

Die gleichen Worte verwendet nun auch die 81-jährige Ella Maillart auf der Wiese vor ihrem Chalet in Chandolin, dem höchsten ganzjährig bewohnten Dorf, auf 1936 m ü.M. Sie sitzt mit gekreuzten Beinen auf der Erde, eine Decke über den Knien. Die rechte Hand fährt durch dürre Lärchennadeln. Im Hintergrund werden Zweige vom Wind bewegt. Jetzt beginnt es zu regnen. Ella Maillart muss mit dem Filmteam in die Stube wechseln. Sonst aber muss sie nirgends mehr hin.

 

Die Dinge verhalten sich ohnehin so, wie Nicolás Gómez Dávila festgestellt hat: „In diesem Jahrhundert der umherziehenden Menschenmengen, die jeden glanzvollen Ort entweihen, ist die einzige Huldigung, die ein respektvoller Pilger einem verehrungswürdigen Heiligtum entgegenbringen kann, die, es nicht zu besuchen.“ Sparen wir uns also Zeit und Kosten! „Die Welt, die es wert wäre, Reisen zu unternehmen, existiert bereits nur noch in alten Reiseberichten.“

 

Solch einen alten, spannenden Bericht überbringt die „Verbotene Reise“ von Ella Maillart aus dem Jahr 1935. Sie trägt den Untertitel: „Von Peking nach Kaschmir“. Das Buch ist heute bei Amazon erhältlich: „Nur noch 3 auf Lager (mehr ist unterwegs).“

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