Pietro Sarto: Maler und Gravierer.

13. Juni 1930 –

 

Aufgenommen am 15. Juli 2003 in Lausanne.

http://www.plansfixes.ch/films/pietro-sarto/

 

> Das Gespräch führt der Filmjournalist und spätere Direktor der Cinémathèque Suisse Freddy Buache. Doch statt sich auszulöschen und den Platz dem Porträtierten zu überlassen, drängt er sich mit aufs Bild. Er will zeigen, dass er auch jemand ist und dass er auch etwas weiss. Dabei existiert seit achtzehn Jahren bereits ein Film von ihm bei den „Plans Fixes“. Doch nun beginnt der Gesprächspartner Pietro Sarto immer heller zu strahlen. Denn er hat viel zu sagen. <

 

Mit 17 gingen Pietro Sarto die Augen auf. Da sah er eine Ausstellung über moderne italienische Kunst. Das war 1947. Bis dahin hatte für den Jungen mit Jahrgang 1930 moderne italienische Kunst stets faschistische Kunst bedeutet. Doch nun begegnete er den magisch schimmernden Gemälden Giorgio Morandis. Dieser Maler war kein Mitläufer gewesen. Er hatte die ganze Mussolini-Zeit in Bologna verbracht und war so rein geblieben wie seine Bilder. Er hatte eben nein gesagt und war seinen eigenen Weg gegangen. Diese Haltung prägte sich Pietro Sarto ein. Er wurde Maler und Gravierer wie Morandi.

 

Im Zentrum von Sartos Kunst steht der Widerspruch zwischen der zweidimensionalen, statischen Darstellung von Wirklichkeit auf der Fläche und der dreidimensionalen, stets bewegten Realität. Dieses problematische Verhältnis bildet bereits den roten Faden in Ernst Gombrichs grossen kunstwissenschaftlichen Erörterungen, und ihm spürt nun auf seine Weise auch Pietro Sarto nach – aber nicht bloss gedanklich, sondern auch bildnerisch, in der Reibung mit Lehrern und Zeitgenossen.

 

Wie es sich für einen Künstler gehört, fliegt er zunächst zweimal aus der Schule. Zuerst aus der Schule des Staats, dann aus der Schule des kaufmännischen Vereins. Pietro Sarto hat also kein Diplom vorzuweisen. Nicht einmal einen Bachelor. Er machte seine Karriere ohne Abschluss. (Man beachte den Doppelsinn!) Dank dieser „Offenheit“ aber blieb der Geist lebendig. Der Film zeigt deshalb nicht bloss einen 73-jährigen, sondern einen kompletten Menschen. In seinem Gesicht spiegeln sich nacheinander Engagement, Ernst, Klugheit, jugendliche Frische und Bescheidenheit.

 

Ausgangspunkt ist das Problem der Perspektive. Es steht auch am Beginn der modernen europäischen Malerei. Die Apparate, die geschaffen wurden, um die Tiefe des Raums auf die Fläche der Leinwand zu bringen, veränderten den Blick. „Die Art, wie wir heute die Welt sehen und aufnehmen, ist folglich nicht natürlich, sondern künstlich“, erklärt Pietro Sarto: Zuerst musste die Perspektive erfunden werden und sich unter harten Kämpfen durchsetzen.

 

Doch das System hat seine Grenzen. Es funktioniert nur, wenn der Maler die Landschaft vor sich hat. Wenn er aber in ihr steht, kommt alles ins Rutschen. Aus diesem Grund entwickelte Pietro Sartos Lehrer Albert Flocon, ein Bauhaus-Schüler, der sich in Paris als Kunsttheoretiker, Mathematiker und Gravierer betätigte, die kurvenlineare Perspektive. Für einen Künstler indes ist auch sie ein Gefängnis. Deshalb weckte die erweiterte perspektivische Darstellung Pietro Sartos Widerspruch, und er begann, jene Punkte zu untersuchen, an denen das System an seine Grenzen stösst. „Da“, sagt er, „begegnet man dem Ungelösten, nicht Bewältigten. Um es zu fassen, muss man erfinderisch werden.“

 

Für Pietro Sarto ist der Weg also hoch reflektiert. „Blosses Ignorieren von Traditionen, Regeln und Erfahrungen führt nirgends hin“ erklärt er. „Und es ist auch keine Leistung. Denn es macht keinen Sinn, dass ein Armer ein Armutsgelübde ablegt. Anders ist es, wenn Franz, der reichste Jüngling von Assisi, sich der Armut zuwendet. Was er aufgibt, ist ihm bekannt.“ Aus diesem Grund verwirft Pietro Sarto das perspektivische – und damit auch gegenständliche – Bilden nicht a priori. Aber er sucht es an jenen Punkten weiterzubringen, wo es „klemmt“. Dafür nimmt er das Verkanntsein in Kauf. Und eine abseitige Lage jenseits des Kunstbetriebs.

 

Wie lange ist es gegangen, bis die Kunstwelt Caravaggio entdeckt hat? Oder Vermeer? Wird auch Pietro Sartos Kunst eines Tages Menschen erreichen, die zu seiner Schaffenszeit noch gar nicht geboren waren? – Hintersinnig hat der 83-jährige, heute vergessene Roland Donzé (1921–2011) am Ende seines fünfbändigen Romanwerks ein fiktives Dienergespräch wiedergegeben, das die unermesslich lange Spanne zwischen Senden und Empfangen reflektiert, wenn die Werke für die Zeitgenossen zu hoch waren:

 

„Joe“, sagte er, „wissen Sie, was man sagt, dass man tun soll, wenn man traurig ist?“

„Was?“

„Die Sterne anschauen.“

„Ja, die Sterne“, sagte Joe, „die trösten manchmal, wenn man sie anschaut.“

„Das liegt daran, dass man sich klein vorkommt, nicht?“

„Ja. Als Junge brachte mir mein Vater bei, wie man die beiden Bären erkennt. Er sagte, sie sähen aus wie Pfannen.“

„Wie Pfannen?“

„Ja, beim grossen ist der Stiel nach oben gerichtet und beim kleinen nach unten.“

„Und hat er Ihnen auch gesagt, dass es einige gibt, die nicht mehr da sind?“

„Wie das? Nicht mehr da?“

„Tja, so ist das nun mal. Es gibt welche, die kann man noch sehen, obwohl sie schon erloschen sind.“

„Wie das? Wie sollten wir sie sehen können, wenn sie erloschen sind?“

„Das liegt daran, dass sie geleuchtet haben, einst, und dass dieses Licht immer noch ankommt.“

„Wenn sie nicht mehr scheinen?“

„Ja. Weil sie erloschen sind – aber weil sie so weit weg sind, hat ihr Licht nicht aufgehört anzukommen. Denken Sie darüber nach.“

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