Marie-Claire Caloz-Tschopp: DesExil und Philosophie der Bewegung.

21. August 1944 –

 

Aufgenommen am 27. Oktober 2015 in Genf.

http://www.plansfixes.ch/films/marie-claire-caloz-tschopp/

 

> Nach Jeanne Hersch ist Marie-Claire Caloz die zweite Philosophin, die von den „Plans Fixes“ für Zeit und Ewigkeit festgebannt wurde. Und wieder missrät der Film. Wieder aus den selben Gründen. Offensichtlich eignet sich die Philosophie nicht dazu, im Talk-Modus vorgeführt zu werden. <

 

Gegen das Ende seines langen Lebens erzählte der greise Philosoph Hans Jonas (1903–1993) vom Studium in Freiburg i. Br. Er belegte mit Hannah Arendt zusammen dasselbe Heidegger-Seminar. Angesagt war die Lektüre von Aristoteles. Der erste Satz brachte das Wort „Anfang“, und die Frage war, was es bedeute und wie es zu verstehen sei. Die Untersuchung führte zu tausend Verzweigungen und Widersprüchen im System der Erklärungen, und am Ende war das Semester um, ohne dass die Teilnehmer über den ersten Satz hinausgekommen wären.

 

Nun steht das Wort „Anfang“ aber nicht nur bei Aristoteles am Anfang, sondern auch am Anfang des ersten Moses-Buchs („Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“) und am Anfang des Johannes-Evangeliums („Am Anfang war das Wort“). Der Anfang beginnt mit dem Ursprungsrätsel. Die Frage ist: Was war vor dem Anfang? Nichts? Was hat dann aber verursacht, dass aus dem Nichts etwas wurde? Und welche Gründe führten dazu, dieses Etwas so zu gestalten, wie wir es kennen, und nicht anders? Anders gefragt: Was war vor dem Big Bang? Was vor den Naturgesetzen? Ein Schöpfer?

 

Einer Umfrage zufolge sollen fünfzig Prozent der Astrophysiker gläubig sein. (Lichtenberg: „Die Mythen der Physiker.“) Das Nachdenken über den Anfang führt offensichtlich zu Gott; es sei denn, man gebe es vorher auf (agnostische Position). Doch mit der Vokabel „Gott“ ist man noch nicht viel weiter. Um den Urheber zu ergründen, muss man, wie im Heidegger-Seminar, weiterfragen. Martin Buber hat den Vorgang beschrieben:

 

„Ein Schüler Rabbi Baruchs von Mesbiz hatte, ohne seinem Lehrer davon zu sagen, der Wesenheit Gottes nachgeforscht und war in Gedanken immer weiter vorgedrungen, bis er in ein Wirrsal von Zweifeln geriet und das bisher Gewisseste ihm unsicher wurde. Als Rabbi Baruch merkte, dass der Jüngling nicht mehr wie gewohnt zu ihm kam, fuhr er nach dessen Stadt, trat unversehens in seine Stube und sprach ihn an: ‚Ich weiss, was in deinem Herzen verborgen ist. Du bist durch die fünfzig Pforten der Vernunft gegangen. Man beginnt mit einer Frage, man grübelt, ergrübelt ihr die Antwort, die erste Pforte öffnet sich: in eine neue Frage. Und wieder ergründest du sie, findest hier die Lösung, stössest die zweite Pforte auf, – und schaust in eine neue Frage. So fort und fort, so tiefer und tiefer hinein. Bist du die fünfzigste Pforte aufgesprengt hast. Dann starrst du die Frage an, deren Antwort kein Mensch erreicht, denn kennte sie einer, dann gäbe es nicht mehr die Wahl. Vermissest du dich aber weiter vorzudringen, stürzest du in den Abgrund.‘ ‚So müsste ich also den Weg zurück an den Anfang?‘ rief der Schüler. ‚Nicht zurück kehrst du‘, sprach Rabbi Baruch, ‚wenn du umkehrst: jenseits der letzten Pforte stehst du dann, und stehst im Glauben.‘“

 

Wenn die Anekdoten, die Buber und Jonas überliefern, paradigmatisch sind für das Wesen der Philosophie, dann ist klar, warum die „Plans Fixes“-Filme so wenig Erhellendes über sie und die Frauen, die sie betreiben – im Konkreten Jeanne Hersch und Marie-Claire Caloz – zutage bringen. Die Reflexion über den Ursprung, den Menschen, das Leben, die Wirklichkeit und das Denken gleicht nämlich der Ausmessung eines Alpenmassivs. Und ein einstündiger Talk entspricht dem Bestreichen der Eigernordwand mit dem Strahl einer Velolampe. Der Zuschauer im Tal gewinnt bei diesem Vorgehen nur ein ungenügendes Bild von der Sache.

 

In der Befragung von Jeanne Hersch und Marie-Claire Caloz verfallen die Interviewer von Anfang an dem gleichen Fehler: Statt den Gegenstand zu sich herunterzuziehen – und damit auf die Ebene des Durchschnittszuschauers, strengen sie sich an, sich zu den Philosophinnen hinaufzuschwingen, um wenn möglich „auf Augenhöhe“ mit ihnen zu konversieren. Diese unjournalistische Einstellung ist fatal. Sie führt zu jenen verzerrten, nichtssagenden Produkten, über die sich schon Georg Christoph Lichtenberg geärgert hat: „Es ist nur allzugemein [allzu verbreitet] dass kluge Leute beim Bücherschreiben ihren Geist in eine Form bringen, die von einer gewissen Idee, die sie vom Stil haben, bestimmt wird, eben so wie sie Gesichter annehmen, wenn sie sich malen lassen.“

 

Weil nun die Philosophie mit abstrakten Mitteln arbeitet, werden bei der Filmaufnahme abstrakte Fragen gestellt („Was ist das Ich?“), und die wiederum rufen abstrakte Antworten hervor. Dabei wusste schon Roland Donzé, als er an der Universität französische Philologie unterrichtete, dass man Milch nicht mit Milch transportieren könne (on ne peut pas transporter du lait dans du lait). Das Zuwerfen von Stichworten, auf welche die Philosophinnen antworten sollen, entspricht aber jener altertümlichen Art von Examen, an dem der Prüfende die Fragen aus einer Schachtel zog. Das ergab wohl ein Pingpong, aber nicht einen Verlauf, geschweige denn einen Erkenntnisgang.

 

In den beiden Porträts der „Plans Fixes“ verharren nun die Philosophinnen lange, allzu lange, bei der Philosophie jenes Philosophen, den sie studiert haben. Im Fall von Jeanne Hersch ist es Karl Jaspers, im Fall von Marie-Claire Caloz ist es Hannah Arendt. An diesen Stellen gleichen die Filme Einführungsveranstaltungen für Studienanwärter, mit denen die Assistenten Zinsli und Mäusli betraut sind. Der Professorin begegnet man dabei nicht.

 

Erschwert wird das Aufnehmen der Gedanken durch die unglückliche Inszenierung des Orts: Das Gespräch mit Marie-Claire Caloz erfolgt in einer Lobby des Flughafens Genf-Cointrin. Hinter der Scheibe erblickt man das belebte Treiben auf der Piste. Gepäcktransporter rollen hin und her. Ein Flugzeug hebt ab. Zweimal schiebt eine Easy-Jet-Maschine den Rumpf durchs Bild. Und jedes Mal, wenn sich im Hintergrund etwas bewegt, schweifen die Gedanken ab: Wird sich die Company erholen? Der Flugverkehr ist ja vollständig zusammengebrochen. Der Lufthansa-Chef hat letzte Woche erklärt, es werde mit der Fliegerei nie mehr so sein wie früher. Cointrin verlangt wegen der Seuche staatliche Beihilfen in Millionenhöhe. – Moment, was hat die Philosophin da gerade gesagt? Egal.

 

Ähnlich ging es schon 1979 im Hersch-Bungalow zu. Die Philosophin kauerte vor dem Cheminee und versuchte, Feuer zu machen. Die zitternde, bald erlöschende Flamme stahl dem Wort der Philosophin die Show. Schopenhauer aber wusste, woher das kommt: „Die Materie wehrt sich gegen den Geist.“

 

Gravierender noch als im Porträt von Jeanne Hersch versäumt es die Interviewerin bei Marie-Claire Caloz, die journalistischen Grundinformationen einzubringen. Was war ihr Lebensgang? Was machte sie genau in Kolumbien? War sie eigentlich später Professorin? Wenn ja: an welcher Universität?

 

Was der Film versäumt, kompensiert das Netz nicht. Es gibt keinen Wikipedia-Eintrag zu Marie-Claire Caloz. Die Seite von „Plans Fixes“ bringt nur einen Link zur Seite DESEXIL, EXIL, VIOLENCE, mit der die Philosophin verbunden gewesen zu sein scheint. Doch beim Klicken zeigt sich, dass die Liste der Programme nur von 2011 zu 2017 reicht. Dann bricht sie ab. Die „Revue en ligne“ ist sogar noch kürzer: von 2011 bis 2016.

 

Beim Unternehmen soll es sich um einen Unterrichtsteil des Collège international de philosophie de Paris (CIPh) handeln, und dazu gibt es einen Link: www.ciph.org. Wenn man ihn drückt, kommt man zur Plattform des kanadischen Sanitär- und Heizungsgewerbes „Canadian Institute of Plumbing & Heating“. Selten hat die Philosophie so in die Sackgasse geführt. Man müsste, um Jeanne Hersch und Marie-Claire Caloz in der Tiefe zu begegnen, noch einmal anfangen können.

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