Denis de Rougemont: Schriftsteller.

8. September 1906 – 6. Dezember 1985.

 

Aufgenommen am 28. Dezember 1979 in Saint-Genis-Pouilly.

http://www.plansfixes.ch/films/denis-de-rougemont/

 

> Das Gespräch wurde 1979 aufgenommen. Sechs Jahre später starb Denis de Rougemont im Alter von 79 Jahren. Heute sind in Neuenburg ein Gymnasium und eine Strasse nach ihm benannt. In Genf eine Strasse. Seit März 2020 bietet die Universität Genf auf der Plattform „Rougemont 2.0“ freien Zugang zu all seinen Veröffentlichungen. Und da zeigt sich: Rougemonts Gedanken sind brandaktuell. Leider. <

 

Während dieser Essay entsteht, demonstriert in Bern die Klimajugend. Sie verlangt von der Politik einschneidende Massnahmen gegen die ökologischen Katastrophen, die dem Globus auf die Pelle rücken. Damit trägt die Generation der Ururenkel die gleichen umweltpolitischen Forderungen auf die Plätze, denen Denis de Rougemont vor einem halben Jahrhundert durch Vorträge, Bücher und Artikel Gehör zu schaffen gesucht hatte. Er sagte damals: „Die Worte müssen zur Tat führen, sonst sind sie bedeutungslos.“

 

Das Gespräch in den „Plans Fixes“ wird somit zum Indikator für unsere grossen Versäumnisse. Jedes der Probleme, das der Schriftsteller anspricht, hat seit der Aufnahme von 1979 an Gewicht und Dringlichkeit zugenommen. Niemand, der heute lebt, wird sich also damit herausreden können, er sei von der Entwicklung überrascht worden – weder von der atomaren Aufrüstung (seit der Filmaufnahme sind Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea dem „Klub“ beigetreten, und Iran steht auf der Schwelle) noch von der Abholzung der Regenwälder, noch von der Verschmutzung der Meere, noch von den strukturellen Schwierigkeiten der EU, noch vom Austritt Grossbritanniens, noch von der Labilität der afrikanischen Staatengebilde.

 

Diese Probleme spricht Denis de Rougemont bereits an. Er benennt ihre Ursachen und zeigt ihre Lösungen. Sogar die Kategorie des Systemischen kommt vor, aber nicht als Wort, sondern als Diagnose. – Denis de Rougemont bezeichnet sich dabei als „Wegweiser“. Es sei Aufgabe des Schriftstellers zu zeigen, wohin der Weg führt. In seinem Fall muss man sagen: die Richtung stimmt. Leider.

 

Bemerkenswert ist indes nicht erst das Ende, sondern schon der Anfang des Gesprächs. Michel Bory, der Erfinder der „Plans Fixes“, fragt den 74-jährigen Universitätsprofessor und Philosophen, was von ihm, seinem Werk und der Epoche, in der er gewirkt habe, den Nachgeborenen entgegentreten solle, wenn sie in fünfzig oder hundert Jahren dem Film begegnen würden. – Ab jetzt kann man Denis de Rougemont beim Denken zuschauen.

 

Er hält den Blick meistens auf die Tischplatte gesenkt. Damit zeigt seine Körpersprache an, dass er wirklich denkt. Den Blickkontakt kann man nämlich nur aufnehmen beziehungsweise halten, wenn man weiss, was man sagen will. Denis de Rougemont aber geht nun echt auf die Frage mit ihrem überraschenden Gesichtspunkt ein, und dafür muss er seine Worte finden.

 

Der gesenkte Blick verrät, zusammen mit gleichmässiger Stimmführung, ein Ringen um Präzision und Konzentration. – Im Zögern bei der Wahl der ersten Sätze und im Einpegeln der richtigen (sprich: gewohnten) Intonation und Sprechgeschwindigkeit sieht man Denis de Rougemont jenen Ansatz suchen, von dem aus er losgehen kann. – Jetzt steht er auf dem straffen Seil. Nun kann er sich in Bewegung setzen. – Solange er einen Fuss exakt vor den anderen setzt, kann er nicht abstürzen. – Doch der Gang bleibt anforderungsreich, und vor laufender Kamera, ohne Schnitt, wie bei den „Plans Fixes“ üblich, ist er auch besonders heikel. – Darum hält Denis de Rougemont die Hände auf der Tischplatte gefaltet. Der Barrieregriff gewährt ihm Schutz. – Eine Zeitlang bewegen sich die Daumen. Da ist er innerlich besonders nervös. – Doch am Ende des Seils hat er das Podium erreicht. An diesem Ruhepunkt hebt er die Augen und blickt in die Kamera. Es ist, als ob er sich vergewissern wolle, dass die Botschaft, über den Abstand von Jahren und Jahrzehnten, beim Hörer angekommen sei. – Sässen wir ihm gegenüber, würden wir ihm jetzt durch ein Nicken oder Mhm ein Quittierungssignal zurücksenden. Aber die Ungleichzeitigkeit unserer Situationen macht das unnötig. Wir befinden uns miteinander nicht in der Dimension des Stoffs, sondern des Geists.

 

Denis de Rougemont sagt nun, er möchte als Schriftsteller in Erinnerung bleiben. Das Wort sei sein Element. In ihm denke er die Sachen durch. Kurz vor dem Jahrhunderterfolg „L’Amour et l‘occident“ (Liebe und Abendland) entwickelt der Dreissigjährige im „Tagebuch eines arbeitslosen Intellektuellen“ (Journal d’un intellectuel en chômage) sein schriftstel­lerisches Programm:

 

„Bücher sollten nützlich sein. Sie sollten konkrete Informationen, genaue Rezepte, nachprüfbare Erklärungen, Gebrauchsanweisungen, objektive und brauchbare Beschreibungen enthalten; und dies in jedem Grad der Realität, in den großen Dingen wie in den Dingen des Nichts. Stattdessen bedient uns der moderne Schriftsteller mit unwahrscheinlichen oder übertriebenen Gemütszuständen, mit Sorgen, über die er nicht einmal wirklich besorgt zu sein scheint, mit peinlichen Indiskretionen, von denen der Leser nicht weiss, was er mit ihnen anfangen soll, oder mit Lehren, bei denen der Autor versäumt zu sagen, ob er sie an Ort und Stelle, in den Einzelheiten des täglichen Lebens, ausprobiert hat. Diese Bücher also geben uns nur sehr selten Antworten, oder sie geben uns lediglich Antworten auf Fragen, bei denen wir nicht daran gedacht haben, sie uns selbst zu stellen; und hier, so glauben sie, liege ihre List. Listen, kleine Anstösse, große Anstösse, Indiskretionen – gewiss ist diese Literatur voller Talent, sie ist sogar sensationell im buchstäblichen Sinn, aber was sollen wir damit anfangen?“

 

Wie der Gang seines Lebens zeigt, hat Denis de Rougemont eine Literatur hervorgebracht, mit der man etwas anfangen kann, und zwar in vollem Sinn. Bei der Neuordnung des Kontinents nach dem Zweiten Weltkrieg formulierte er, um nur ein Beispiel zu nennen, die Notwendigkeit eines europäischen Zentrums für Nuklearforschung CERN (Centre européen de recherche nucléaire).

 

Doch Denis de Rougemonts Hauptanliegen wurden von den europäischen Regierungen nicht aufgenommen: weder die Schaffung eines europäischen Bundesstaats unter Reduktion der nationalstaatlichen Kompetenzen (nach dem Modell der Schweiz) noch die Stärkung der Regionen durch Aufhebung der Landesgrenzen, noch die Überwindung der Wirtschaftsideologie durch die Schaffung eines gemeinsamen Kulturraums. Wenn nun aber Europa die Chance verpasst, ein Beispiel für gescheite Regierungspraxis zu geben, an wem sollen sich die Entwicklungsländer orientieren? An den USA? An China? Und wenn ja, wie wird dann die Welt in fünfzig oder hundert Jahren aussehen? Die Frage macht erschaudern.

 

Denis de Rougemont zeigt die Richtung, in die es gehen müsste. Aber er sagt auch: „Die Worte müssen zur Tat führen, sonst sind sie bedeutungslos.“ Die Klimajugend verlangt heute genau das von den Politikern. Morgen ist sie selber gefordert. Wenn ihr der Schritt in die Ausführung gelingt, dürfen wir Hoffnung schöpfen. Aber erst dann.

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