Laurence Deonna: Autorin, Reporterin, Fotografin.

29. Januar 1937 –

 

Aufgenommen am 13. Januar 1990 in Genf.

http://www.plansfixes.ch/films/laurence-deonna/

 

> In Genf schaffte sie es nicht bis zur Matur. Der Vater musste sie nach England schicken. Dort löste sich der Knoten. An der Bath Academy of Arts lernte Laurence Donna alle Künste: Malen, musizieren, Theater spielen, schreiben. So ging ihr des Lebens Breite auf. Und die Erfahrung von Tod und Leid machte sie mitleidsfähig. Das gab ihren Schriften Relevanz und Tiefe. <


Zwei Frauen unterhalten sich miteinander. Ihr Gespräch verläuft flüssig und freundschaftlich. Zuweilen reicht die eine ein Foto über den Tisch. Es löst bei der andern Erinnerungen aus. Unkompliziert, rasch und offen gibt sie über sich, ihre Gedanken und Gefühle Bescheid.

 

Auf diese Weise realisiert sich im „Plans Fixes“-Porträt von Laurence Deonna eine Beziehungsform, die Eric Berne, der Vater der Transaktions­analyse, Intimität (intimacy) genannt hat. Sie liegt jenseits der Spielchen, der Unaufrichtigkeit, der maskenhaften Verstellung, der konventionellen Höflichkeit und der Lüge (cf. Spiele der Erwachsenen, im Original: Games People Play).

Kleine Kinder kommunizieren offen und direkt. Auch die Tiere. Darum erreichen sie unser Herz. Eric Berne: „Gegenseitige Intimität wird definiert als eine aufrichtige Beziehung ohne Schnörkel (game-free), mit gegenseitigem freiem Geben und Nehmen ohne Ausbeutung. – Intimität ist einseitig, wenn eine Partei offen und frei gibt, während sich die andere hinterhältig und ausbeuterisch verhält. Viele Menschen leben ihr ganzes Leben lang ohne Intimität. – Wenn sich Intimität einstellt, wird sie unverzüglich erkannt. Am häufigsten ist sie zwischen Liebenden anzutreffen, die kein Bedürfnis verspüren, sich gegenseitig herabzusetzen oder auszubeuten, und die sich daher völlig frei fühlen, geradeheraus zu sprechen und ohne Täuschung oder Verheimlichung zu handeln.“

(Im Original: „Bilateral intimacy is defined as a candid game-free relationship, with mutual free giving and receiving and without exploitation. Intimacy can be one-sided, since one party may be candid and freely giving, while the other may be devious and exploitative. Many people live their entire lives without intimacy. – When intimacy does occur it can be recognized immediately without much question. It is most commonly found between lovers who feel no need to put each other down or exploit each other, and thus feel perfectly free to talk straight and act without subterfuge or concealment.“)

Während sich die Frauen im Film freundlich und unkompliziert unterhalten, „game-free“ eben, berührt ihr Gespräch die furchtbarsten und schrecklichsten Momente, die unsere Gegenwart ausmachen. Denn Laurence Deonna ist „grand reporter“ des „Journal de Genève“, und in dieser Eigenschaft bereist sie die Krisenregionen der Welt, namentlich den Nahen Osten. Da blickt sie hinter die Ereignisse, die es als Meldung in die Nachrichten schafften. Einzelne haben so schlimme Auswirkungen auf die Betroffenen, dass sich die Schilderung nicht mehr für die Tagesmedien eignet. Von ihnen spricht Laurence Deonna in ihren Büchern. Etwa von den Boat-peopeln, die an einem Korallenriff hängen blieben und aus Not anfingen, ihre Verstorbenen zu verspeisen, zuerst die Kinder, dann die Alten.

 

Andere Fotos, die Laurence Deonna von ihren Reportagereisen mitgebracht hat, zeigen Verstümmelte: Vom Napalm verbrannte Soldaten, Kinder mit amputierten Beinen, Folteropfer der Staatsgefängnisse, querschnittgelähmte junge Männer. Der Ausdruck der Gesichter ist unerträglich. Und die Schicksale wecken ohnmächtigen Zorn. „Ich fühlte mich wie zernichtet unter den grässlichen Fatalismus der Geschichte“, schrieb Georg Büchner im März 1834 an seine Braut, nachdem er die französische Revolution studiert hatte. „Ich mag [kann] den Gedanken nicht weiter nachgehen. Könnte ich aber dieses kalte und gemarterte Herz an Deine Brust legen!“

 

Die Mechanismen sind in allen Zeiten dieselben geblieben: „Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit [Gleichgültigkeit], in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, allen und keinem verliehen.“ – Während der Dichter Georg Büchner über das historisch Fernliegende schreibt, berichtet Laurence Deonna über die Gegenwart. Da ereignet sich das tödliche Attentat auf den Friedensnobelpreisträger Anwar as-Sadat, die Entmachtung Gaddafis, der Sturz Saddam Husseins, die Ermordung Rabins. Und immer noch zeigt die Weltgeschichte, wie Büchner der Braut schrieb, ihren fatalen Gang: „Der einzelne nur Schaum auf der Welle, die Grösse ein blosser Zufall, die Herrschaft ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz.“

 

Nachdenklich verlässt man das flüssige, freundschaftliche Gespräch von Laurence Deonna und Brigitte Mantilleri. Will denn die Welt nicht besser werden? Die beiden sprechen davon, dass es auch Schönes gibt, und zeigen ein Foto der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. 1990, zur Zeit der Filmaufnahme für die „Plans Fixes“, war sie „ein eindrucksvolles Beispiel einer intakten arabischen Stadtkultur und wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt“ (Brockhaus). Heute, dreissig Jahre später, finden sich dort, laut UNO, der stärkste Hunger, die grösste Covid-Ansteckungsrate und die höchste Sterblichkeit. 

 

Vor zwei Tagen ging der alternative Nobelpreis an die iranische Anwältin Nasrin Sotudeh für ihr, so die Begründung, "furchtloses Engagement unter hohem persönlichem Risiko zur Förderung politischer Freiheiten und der Menschenrechte im Iran". Nasrin Sotudeh weiss nichts von dieser Auszeichnung, sagt ihr Mann, der sie nur einmal pro Woche für zehn Minuten im Gefängnis besuchen darf. Dass sie jetzt freigelassen wird, ist für die ARD-Korrespondentin unwahrscheinlich. Die Iraner, sagt sie, „sind als Schurkenstaat abgestempelt, und so verhalten sie sich auch.“

 

Am Ende der „Plans Fixes“-Aufnahme stellt sich die Frage: Woher soll Hoffnung kommen? Und die Antwort ist: Aus dem Film. Das freundliche Gespräch der Frauen zeigt, dass eine Beziehungsform möglich ist jenseits der Spielchen, der Unaufrichtigkeit, der maskenhaften Verstellung, der konventionellen Höflichkeit und Lüge, jenseits von Gewalt und Mord. Daran wollen wir glauben.

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