Jean Cuttat: Lyriker.

12. August 1916 – 16. Oktober 1992.

 

Aufgenommen am 19. Januar 1990 in Paris.

http://www.plansfixes.ch/films/jean-cuttat/

 

> Mit fünfzig riefen die Freunde den Lyriker aus Paris zurück. Sie verschafften ihm eine Gymnasiallehrerstelle und banden ihn ins Rassemblement jurassien ein. Fortan beteiligte sich Jean Cuttat am Kampf gegen den die „bernische Dominanz“ und repräsentierte vor dem jurassischen Volk die „culture latine“ mit Engagement, Witz und Tiefe. <

 

Am Freitag, den 19. Januar 1990 hat es in Paris geschneit. Hinter dem hochgelegenen Fenster, an dem Jean Cuttat sitzt, ist eine weiss überzuckerte Kuppel zu sehen. Vor dieser Kulisse beginnt der Lyriker, seine Gedichte zu rezitieren – die Ernte eines Lebens. 

 

Die ersten sind am Gymnasium in Pruntrut entstanden. Sie schildern die Situation eines Jungen, der sich aus dem Klassenraum wegträumt. Auffällig hinter der klassischen Reimstruktur ist die Echtheit des Gefühls, die genaue, knappe Sprache und der Hang zu hervorblitzendem Witz.

 

Nach der Matur studiert der junge Mann in Genf Jus. Er bringt es in der Armee zum Offizier. Jetzt steht er mit 23 Jahren im Feld. Der Zweite Weltkrieg ist ausgebrochen. Durch Lyrik evoziert Jean Cuttat die Einsamkeit der nächtlichen Wache und die Sehnsucht nach dem Zuspruch der Mutter. Er versteht sich nicht als Soldat, sondern als Dichter, der die innere und äussere Lage eines Abkommandierten erfasst. Damit gelingt Jean Cuttat der Sprung in die Selbsttranszendenz.

 

Der Begriff stammt von Viktor E. Frankl. Selbsttranszen­dierung ermöglicht es dem jüdischen Wiener Psychiater, das KZ zu ertragen: „Da gebrauche ich einen Trick: plötzlich sehe ich mich selber in einem hell erleuchteten, schönen und warmen grossen Vortragssaal am Rednerpult stehen, vor mir ein interessiert lauschendes Publikum in gemütlichen Polstersitzen – und ich spreche; spreche und halte einen Vortrag über die Psychologie des Konzentrationslagers! Und all das, was mich so quält und bedrückt, all das wird objektiviert und von einer höheren Warte der Wissenschaftlichkeit aus gesehen und geschildert … Und mit diesem Trick gelingt es mir, mich irgendwie über die Situation, über die Gegenwart und über ihr Leid zu stellen, und sie so zu schauen, als ob sie schon Vergangenheit darstellte und ich selbst, mitsamt all meinem Leiden, Objekt einer interessanten psychologisch-wissenschaftlichen Untersuchung wäre, die ich selber vornehme. Wie sagt doch Spinoza in seiner ‚Ethik‘? ‚Eine Gemütsregung, die ein Leiden ist, hört auf, ein Leiden zu sein, sobald wir uns von ihr eine klare und deutliche Vorstellung bilden.‘ (Ethik, 5. Teil, Über die Macht des Geistes oder die menschliche Freiheit).“

 

Frankl stellt fest: „Empfindsame Menschen, die von Haus aus gewohnt sind, in einem geistig regen Dasein zu stehen, werden daher unter Umständen trotz ihrer verhältnismässig weichen Gemütsveranlagung die so schwierige äussere Situation des Lagerlebens zwar schmerzlich, aber doch irgendwie weniger destruktiv in bezug auf ihr geistiges Sein erleben. Denn gerade ihnen steht der Rückzug aus der schrecklichen Umwelt und die Einkehr in ein Reich geistiger Freiheit und inneren Reichtums offen. So und nur so ist die Paradoxie zu verstehen, dass manchmal die zarter Konstituierten das Lagerleben besser überstehen konnten als die robusteren Naturen.“

 

In seinem hochgelegenen Pariser Zimmer mit Blick auf die verschneite Kuppel liest Jean Cuttat das Gedicht vor, mit dem er die Echolosigkeit in der Ehe verarbeitet hat. „Es handelt sich um eine Allegorie“, erklärt er. „Ich habe es erst später verstanden.“ Ein weiteres Gedicht schildert den Tod des Vaters. Er stirbt in Jean Cuttats Armen. Jetzt drückt er ihm die Augen zu und möchte ihm am liebsten folgen. „Dichterische Äusserungen sind unwillkürliche Bekenntnisse, zu welchen unser Innres sich aufschliesst und zugleich unsre Verhältnisse nach aussen sich ergeben.“ (Goethe am 14. April 1829 an König Ludwig von Bayern.)

 

Zwischen dreissig und fünfzig schreibt Jean Cuttat die Gedichte im Hinterzimmer seiner Buchhandlung, die sich in einem Hinterhof des Boulevard Napoléon befindet. Alle Schriftsteller von Saint-Germain-des-Prés gehören zu seinen Kunden und kommen, einzelne täglich, auf einen Schwatz vorbei: Jean Paulhan auf dem Weg in die Redaktion der Nouvelle Revue Française; Jean Cocteau, um die Bücher von Jean-Paul Sartre zu erwerben, und Sartre, um die Bücher von Cocteau zu kaufen.

 

Der Morgen beginnt für Jean Cuttat mit einem schwarzen Kaffee am Tisch von Albert Camus, und am Abend trifft er die Schriftsteller in den Deux Magots und im Des Flores. Seine Gedichte aber bleiben unpubliziert. Jean Cuttat ist angewidert von den Bücklingen, mit denen die Autoren den Verlegern entgegentreten müssen, vor allem, wenn sie noch keinen Namen haben.

 

Im Jura aber erinnern sich die Freunde an ihn. Sie verschaffen ihm ein Einkommen als Gymnasiallehrer und holen ihn in den inneren Kern des Rassemblement jurassien. Bei den Zusammenkünften des jurassischen Volkes (Fêtes du peuple jurassien) rezitert er jetzt seine Gedichte vor tausenden von Zuhörern. Mit den Lyrikvorträgen bekennen sich die Separatisten zur lateinischen Kultur und grenzen sich ab gegenüber den Bernern mit ihrem schriftlosen Dialekt. Jean Cuttat aber bleibt immer er selbst. Er ist ein Dichter, kein Schauspieler.

 

Wenn er für die „Plans Fixes“ durch die Stationen seines Lebens geht und ihre Spiegelung im Gedicht erfasst, drückt sich im Singsang seiner Rede weniger Virtuosität aus als die gedachte, doch schlecht ausgedrückte Musikalität der Verse. In der Zeit der Reife ist Jean Cuttats Lyrik geprägt von einem hintersinnigen Spiel mit Wörtern und Rhythmen, welches die Inhalte mal in den Dachstock des Komischen und Überraschenden hinaufspickt, mal in den Keller des Ernsts und des Schreckens hinunterstösst. Mit solchen Wendungen erfassen die Wortgebilde – jenseits des Kampfs um die „Befreiung des jurassischen Volkes“ – das Leben in allen Dimensionen, wie es sich für eine Lyrik gehört, die ihren Namen verdient.

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