Mario Botta: Architekt.

1. April 1943 –

 

Aufgenommen am 10. März 2012 in Mendrisio.

http://www.plansfixes.ch/films/mario-botta/

 

> Der Film in den „Plans Fixes“ zeigt klar und nachvollziehbar, wie Mario Botta seine Architektursprache gefunden hat und was er mit ihr ausdrücken will. Unerklärt aber bleibt, woher er sein gutes Französisch hat und das schöne, ausdrucksstarke Spiel der Hände, um das ihn mancher Dirigent beneiden dürfte. <


Mario Botta beherrscht die Sprache Voltaires so gut wie die Sprache Dantes. Einzig ein leichter Akzent verrät seine Tessiner Herkunft. Am deutlichsten bemerkbar ist sie beim französischen Wort für „Zeit“. Bei „temps“ (T plus nasalisiertes E) spricht Mario Botta auch noch M und P mit (wie im italienischen „tempo“). Im übrigen aber ist sein Satzbau flüssig, die Grammatik korrekt. Elastisch nimmt er die Einwürfe des Interviewers Charles Sigel auf und biegt nach ein paar Wendungen wieder auf den verlassenen, bzw. unterbrochenen Gedankengang ein. Dabei vermeidet er das primitive „Ja, aber“ und realisiert stattdessen ein elegantes Aufnehmen und Zurückspielen des Balls, wie es dem Begriff der Konversation entspricht.

Dass der Strom der Rede durch Einwürfe unterbrochen wird, entspricht der französischen Kultur. Der Gesprächspartner (wörtlich: l’interlocuteur, der Dazwischenredende), manifestiert sein Interesse und seine Beteiligung am Dialog dadurch, dass er durch ein eingeworfenes Wort oder Satzfragment den Schluss des Gedankens vorwegnimmt. Er zeigt damit an, dass er verstanden hat, worauf der andere hinaus will, und indem er ihm das Wort aus dem Mund raubt, stellt er Einklang her, oder, auf Französisch: Übereinstimmung (unisson). – Bei der französischen Art des Dialogs wechseln sich also, wie bei einem Klavier, die schwarzen und weissen Tasten geschwind nacheinander ab. (Sinnigerweise wurde das Wort „Konversation“ im 18. Jahrhundert mit „Wechselrede“ übersetzt.)

 

Das rasche, mit Einwürfen durchsetzte Zwiegespräch erklärt sich aus der Geschichte: Geprägt wurde das französische Konversationsideal nicht von Universität und Bildungsbürgertum, sondern von Hof und Aristokratie. Und da war es verpönt, durch „Ausstellung“ (mise à l’étalage) besonderer Fähigkeiten die Adeligen zu überstrahlen, die von allem bloss eine Laienauffassung hatten: „Wer bin ich? Durchschnittsmensch aus der sogenannten Obersphäre der Gesellschaft. Und was kann ich? Ich kann ein Pferd stallmeistern, einen Kapaun tranchieren und ein Jeu machen. Das ist alles, und so hab ich denn die Wahl zwischen Kunstreiter, Oberkellner und Croupier.“ (Baron Botho von Rienäcker in Fontanes „Irrungen, Wirrungen“)

 

„Man erwartet demnach“, erklärte der Brockhaus von 1814, „dass kein Mitglied, pedantisch sich und seiner Sphäre eine übergrosse Wichtigkeit beimessend, durch sein breites Ich ermüde.“ Mit diesen Worten umschrieb das Lexikon den Ton der vornehmen Salons. Ähnlich Rousseau, ein halbes Jahrhundert zuvor: „Man spricht da von allem, damit jeder etwas sagen könne, vertieft sich aber nicht in Untersuchungen, um nicht Langeweile zu erregen; wirft nur im Vorbeigehen Fragen auf und handelt sie schnell ab; spricht deutlich und also auch zierlich.“

 

Während nun Mario Botta seine Sicht der Baukunst im Dialog entwickelt, fällt das schöne und ungemein beredte Spiel seiner Hände ins Auge. Sie unterstreichen nicht nur die Gedanken, sondern rufen sie hervor und stellen sie dergestalt in den Raum, dass die Gebärdensprache – die häufig die Besonderheit eines architektonischen Inhalts ausdrückt – so ablesbar, klar und nachvollziehbar erscheint wie jedes beliebige von Bottas Werken. Daran erkennt man, dass die Person des Architekten von ihren Realisationen nicht zu trennen ist – im Guten wie im Schlechten.

 

„Jeder bekommt das zu bauen, für das er gemacht ist“, erklärt Mario Botta bei der Aufnahme mit 69 Jahren. „Ich würde gern auch Häuser für Menschen bauen. Aber die Aufträge, die mich erreichen, betreffen immer Museen oder Sakralbauten.“ – Umgekehrt gibt es zahlreiche Architekten, die ihr ganzes Berufsleben hindurch nur als kleine, anonyme Rädchen bei seelenlosen Investorenbauten mitwirken dürfen. Ihnen verdankt der Bauherr die Organisation der Treppenhäuser, die Gliederung der Kellergeschosse, die Anordnung der Parkflächen, die Erstellung der Ausführungspläne und, und, und.

 

Aber was will man? Die schlechten Objekte, die in der Zeit der Negativzinsen aus dem Boden schiessen, drücken aus, worauf es den Kapitalgebern ankommt: Rendite. „Jede Architektur entspricht der Epoche, in der sie entstand“, erklärt Mario Botta schulterzuckend. Nicht jeder kann, wie der Brockhaus von 2006 über ihn schreibt, so arbeiten, dass „seine Bauten in Kontrast zur natürlichen Umgebung zum Teil wie klar gegliederte Skulpturen wirken und das Spezifikum ihres Standortes unterstreichen“. In einer anonymen, globalisierten Welt überwiegt eine anonyme, globalisierte Architektur.

 

Um da herauszukommen und „einer der namhaftesten Architekten der Welt“ zu werden (Brockhaus), muss man vor allem eine Forderung erfüllen: no bullshit. Den Begriff prägte Harry Frankfurt, Philosoph an der Princeton-Universität. „Er siedelte Bullshit im Niemandsland zwischen Wahrheit und Lüge an“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ am 18. September: „Wer hohle Phrasen von sich gebe, so Frankfurt, sei der Wahrheit gegenüber vollkommen gleichgültig. Stattdessen stehe die Inszenierung des Selbst im Vordergrund: Prätentiöses Gerede richtet den Scheinwerfer auf den Sprecher und soll den Eindruck von Wissen und Kompetenz erwecken. Inhaltsleerer, effektheischen­der Jargon, so sagt auch André Spicer von der University of London in einer aktuellen Studie, diene ausserdem dazu, Zugehörigkeit zu demonstrieren und sich seiner Identität zu versichern. Je nach Umfeld schwirren eben andere leere Begriffe durch das soziale Gefüge: Benchmark, systemisch, ganzheitlich, strukturell. In jeder sozialen Blase lässt sich eine andere Version von Bullshit-Bingo spielen.“

 

Dem Bullshit-Bingo hat sich Mario Botta stets verweigert. Die Ehrlichkeit kommt seiner Rede zugut, wie der Film in den „Plans Fixes“ zeigt, wo alles Gedachte den Konversationspartner klar und wohlumrissen erreicht. Die Qualität der Bauten ihrerseits wird von der Wirklichkeit belohnt, im Guten wie im Schlechten: „Was gut gedacht wurde, ist, ausgeführt, noch einmal so gut. Was schlecht gedacht wurde, wird, ausgeführt, noch zwanzigmal schlechter.“ Oh, wer könnte nicht in dieses Lied einstimmen?

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