Vincent Mangeat: Architekt und Professor.

29. April 1941 –

 

Aufgenommen am 12. September 2007 in Lausanne.

http://www.plansfixes.ch/films/vincent-mangeat/

 

> Im Porträt von Vincent Mangeat tritt zutage, was einen Architektur­professor ausmacht: Er kann nicht nur bauen, sondern auch erklären, was Bauen heisst. Zunächst einmal: Zerstören. So lautete auch der Titel seiner Antrittsvorlesung als Assistenzprofessor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Doch die Sensibilität des Architekten wird im Film immer wieder durch die Unsensibilität des Interviewers gebremst. Am Ende überwiegt der Frust. <

Als Alphonse Layaz, der Interviewer von Vincent Mangeat, in den frühen 1970er Jahren bei Radio Suisse Romande eintrat, gab es an jedem Wochentag zur Hauptzeit zwischen 17 und 18 Uhr eine prestigereiche Sendung. Sie brachte ein einstündiges, nicht durch Musik unterbrochenes Gespräch mit einem einzigen Befragten unter dem Titel „En question“. Dabei konnten die Hörer Spätnachmittag für Spätnachmittag französische Eloquenz geniessen. Sie bestand darin, dass es der Gesprächspartner verstand (egal, von welchem Fach er war), aus der Eingangsfrage einen faszinierenden Gedankengang zu entwickeln – etwa so, wie man sich einen Staatsexamens­kandidaten wünscht. Der Interviewer konnte sich zurücklehnen. Der Befragte machte die Arbeit. Er machte sie lustvoll und mitreissend.

Dementsprechend beschränkte der Moderator seine Interventionen auf fünf bis sieben Fragen pro Stunde . Er achtete hauptsächlich darauf, die Vertiefung voranzutreiben: „Was bedeutet das?“ Ab und zu lenkte er durch einen leichten Paddelschlag den Verlauf in eine neue Richtung: „Und wie kamen Sie von dem auf jenes?“ Nie sprach er länger. Doch die knappen Fragen genügten, damit der Befragte fortfuhr, auskunftsfreudig und anschaulich Bescheid zu geben. Die Zuhörer aber fühlten sich vom Prominenten behandelt wie Freunde, die er an seinen Gefühlen und Überlegungen teilnehmen liess.

Dieses auskunftsfreudige Verhalten nun bringt Vincent Mangeat in die „Plans Fixes“ mit. Dem Architekten kommt zugute, dass er seine Schriftsteller kennt und liebt, Stendhal etwa oder Yourcenar. Mit ihnen ordnet er das Bauen in die Breite des Lebens ein. Er sagt, er profitiere mehr von den Schriftstellern, die über die Architektur und die Stadt nachdächten, als von den Architekten, die ihre Tätigkeit beschrieben. Laut Mangeat darf der Fachmann, der „Häuser für Menschen“ baut (Ibsen), nicht begrenzt bleiben auf sein Gebiet. Er muss weiter schauen. – Folgerichtig zitierten die Freiluft-Architekten als Vertreter dieser Überzeugung bei Aufnahme ihrer Tätigkeit vor der Tür zum Atelier und auf der Homepage den Satz des Göttinger Physikers Georg Christoph Lichtenberg: „Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht.“

Nun erklärt Vincent Mangeat im Film von 2007, wie er sich seinem aktuellen Projekt nähert: Es handelt sich um ein Haus für Schriftsteller (2013 eingeweiht), La maison de l’écriture der Fondation Jan Michalski in Montricher ob Morges am Genfersee. Dabei ist für Vincent Mangeat Exemplarität ein Hauptanliegen. Die Einrichtung soll vorbildlich sein in gestalterischer, konzeptioneller und ökologischer Hinsicht. Hinter diesem Zugriff erkennt man die Forderung des römischen Baumeisters Vitruv nach dem Dreiklang von Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit (firmitas, utilitas, venustas).

 

Vorbildlichkeit fordert Vincent Mangeat auch von sich als Lehrer. Er hat recht. Sie ist prägend. Martin Buber erklärte in seiner „Rede über das Erzieherische“, der Meister sei „das Vorbild des Lehrers. Denn wenn dieser [der Lehrer], wenn der Erzieher dieses Menschheitstags tun muss, wissend tun, soll er es aber so, ‚als täte er nicht‘. Jenes Fingerheben, jener fragende Blick [des Meisters], das ist sein echtes Tun. Durch ihn tritt die Auslese der wirkenden Welt an den Zögling; er [der Lehrer] verfehlt den Empfänger, wenn er sie ihm in einer Gebärde des Eingriffs erscheinen lässt. Gesammelt muss sie sich in ihm haben; und das Tun aus der Sammlung hat das Antlitz des Ruhens. Das Eingreifen spaltet die ihm ausgelieferte Seele in einen gehorchenden und einen sich empörenden Teil; aber das verborgene Einwirken aus der Ganzheit des Wesens hat die gänzende Kraft.“

 

„Gänzende Kraft“ nun kann man dem Film über Vincent Mangeat nicht zuschreiben. Bei seinen Ausführungen wird der Architekt vom pensionierten Radiomann Alphonse Layaz immer wieder gestoppt und aus dem Gleis geworfen. Am liebsten möchte man zum Strafrechtsparagraphen „Behinderung des Eisenbahnverkehrs“ greifen. Layaz hat nichts gelernt von der Zurückhaltung seines berühmten Vorgängers in „En question“. Stattdessen schiebt er sich in der Maske des Auch-Fachmanns ungebührlich vor. Layaz hat auch nichts gelernt von seinen Nachfolgern. Die fragen heute bei jedem Interview: „Was bedeutet das konkret?“ Oder: „Können Sie ein Beispiel geben?“ Weil nun aber Layaz ausgerechnet diese Fragen nicht stellt, kommt Vincent Mangeat während des Gesprächs nie auf den Punkt. Besser wäre gewesen, die Kamera hätte eine Vorlesung gefilmt. Dann hätten die Ausführungen einen Bogen beschreiben können. 

 

Abrupt gestoppt werden indes nicht nur Vincent Mangeats Gedankengänge im „Plans Fixes“-Porträt, abrupt gestoppt wurde auch die Karriere des genialen Moderators von „En question“. Die Polizei fand heraus, dass die Serie unerklärlicher Garderobendiebstähle im Studio Genf auf ihn zurückging. Der Journalist war seinem Trieb zur Kleptomanie erlegen. Das Lexikon der Psychologie von Arnold, Eisenck und Meili beschreibt sie als „zwanghaft auftretendes pathologisches Stehlen. Die gestohlenen Objekte erscheinen oft nur von geringem Wert für den Dieb, daher wird ihnen häufig ein symbolischer Wert zugeschrieben. Für die Anhänger S. Freuds haben diese Objekte sexuell befriedigende Eigenschaften. Andere betrachten solche Diebstähle als Aggression gegen die Gesellschaft, als Autoritätsanmassung oder als Rache für materielle oder emotionale Deprivation in der Kindheit.“ Aus welchen Gründen der hochbegabte Interviewer die Kollegen bestahl, blieb der Öffentlichkeit unbekannt. Aber mit seiner Karriere war’s aus.

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