Gaston Cherpillod: Schriftsteller.

24. Oktober 1925 – 9. Oktober 2012.

 

Aufgenommen am 12. Februar 1992 in Le Lieu.

Gaston Cherpillod – Association Plans Fixes

 

> Zwei führen miteinander ein gutes Gespräch. Der eine lenkt den andern sacht von einem Gegenstand zum nächsten, und der andere gibt klar und offen Auskunft über das, was er von diesem und jenem hält. So reden sie über das Schreiben, verschiedene Schriftsteller, Gott und das Leben, und sie verstehen sich dabei gut. Denn der eine ist Verleger, der andere Autor. <

 

Sobald der Vorspann flimmernd in Gang kommt, zeigt sich, dass der Film nicht, wie die meisten anderen Porträts der Sammlung, im Hinblick auf eine elektronische Veröffentlichung restauriert worden ist. Man kann annehmen, dass die Mittel dafür den „Plans Fixes“ nicht zugeflossen sind. Das ist meistens der Fall bei abseitigen oder vergessenen Persönlichkeiten. Und offen­sichtlich gehört Gaston Cherpillod mit zu ihnen.

 

Er hatte schon das Pech, nicht in Paris verlegt zu werden, sondern nur in Lausanne. Auch wenn sich das Haus „L’Age d‘Homme“ seit seiner Gründung 1966 eine solide Reputation in der Westschweiz geschaffen hat, finden Autoren von angeblich regionaler Bedeutung in der französischen Literaturwelt kaum mehr als ein nachsichtiges Lächeln; nicht aber eine Anerkennung, nicht eine Leserschaft, nicht einen Literaturpreis; denn an der Seine ist „le régionalisme“ verpönt.

 

So gewann Gaston Cherpillod in seinem ganzen Autorenleben bloss zwei „Einzelwerkpreise“ der Schweizerischen Schillerstiftung (1976 und 1986) und einen „Preis der Waadtländer Schriftsteller“ (1992). Dabei umfasst die Liste seiner Prosawerke 22 Titel; dazu kommen drei Gedichtbände und ein Theaterstück. Reich wurde er damit nicht.

 

In Le Lieu am Lac de Joux, einer kleinen Gemeinde mit achthundert Einwohnern, bringt ihn Suzette durch: „Ich darf meine Gabel in ihre Gamelle stecken“, sagt der 67-jährige. (Honni soit qui mal y pense.) Die Geliebte ist seine Mäzenin. Und während sich Gaston Cherpillod der Kamera preisgibt, wirft er immer wieder einen Blick zu ihr hinüber: „Siehst du, so bin ich!“ Vielleicht auch: „Hörst du, wie gut ich rede?“ Schriftsteller sind eitel. „In jedem von uns steckt ein Fräulein.“

 

Doch lohnt es sich, ihn zu lesen? Ins Deutsche übersetzt wurde lediglich sein autobiographisch inspirierter Romanerstling von 1969: „Die Gewittereiche“ (Le Chêne brûlé). Der Nachruf im „Tages-Anzeiger“, auf den Wikipedia verweist, bringt indes nicht mehr als jene Fakten, die schon in Wikipedia stehen; keine Einordnung, keine Würdigung von Werk und Person.

 

Dabei erfüllt er die Hauptforderung, die sein politischer Antagonist, der Kolumbianer Nicolás Gómez Dávila erhoben hat: „Der Schriftsteller, der seine Sätze nicht gefoltert hat, foltert den Leser.“ Gaston Cherpillod bekennt sich zum Sadismus. Es gehe darum, die Gewalt, die er in sich trage, anzuerkennen und auszuleben. Statt lauem Pazifismus also entschiedenes Engagement, stilistisch und politisch.

 

Als Mitglied der kommunistischen Partei verliert der Dreissigjährige im bürgerlichen Kanton Waadt seine Sekundarlehrerstelle. Dann wird er auch aus der Partei gedrängt: Er sei zu unberechenbar, zu anarchistisch (anarchisant). Dabei stösst ihm als Mann aus dem Volk nur auf, dass die linken Funktionäre, die aus der Bourgeoisie stammen, dem Volk dauernd erklären, was es zu fühlen und zu denken habe.

 

Aus der Ferne macht es den Anschein, als seien Mann und Werk aus einem Guss. Er tritt dem Betrachter des Films gleich entgegen, wie ihn Ruth Gantert im „Chêne brûlé“ erblickt: „Seine Prosa lässt sich nicht einordnen: sie zehrt von der Gelehrsamkeit ebenso wie von der Lust an Revolte und Provokation. Ausgesuchte grammatikalische Wendungen und rhetorische Figuren treffen hart auf sarkastische und blasphemische Schimpftiraden; erlesene Formu­lierungen stehen neben Ausdrücken der Fäkal- und Sexualsprache. Der Sog dieser Energie, die Sprachgewalt, die rebellische Kraft und der maliziöse Humor charakterisieren auch Gaston Cherpillods späteres Werk.“

 

Was nun aber die Würdigung des Waadtländers angeht, so müssen wir noch eine Weile warten: „Die grossen Werke brauchen Jahre, um aus dem Haufen literarischer Kadaver aufzutauchen, die sie ersticken“, erklärt Dávila. Denn: „Solange ein Buch nicht seine Aktualität eingebüsst hat, weiss niemand, ob es wichtig ist.“

 

Im Gespräch mit Bertil Galland zeigt Gaston Cherpillod, wie nah er seinem Antipoden steht, der, wie er, ein Verfemter war (wenn auch auf der anderen Seite des politischen und gesellschaftlichen Spektrums): „Der Schriftsteller, dem Popularität gleichgültig ist“, sagt Dávila, „will nicht Zeitgenosse der Schriftsteller seiner Zeit sein, sondern der Schriftsteller, die er bewundert.“

 

Diese Haltung bereitet den „Ewigkeitszug“ vor (Alfred Kerr). Wie man ihn erwischt, hat Nicolás Gómez Dávila geschildert:

 

Für die Nachwelt schreiben heisst nicht, sich danach zu sehnen, dass man uns morgen liest.

Es heisst, nach einer bestimmten Qualität des Schreibens zu streben.

Selbst wenn uns niemand läse.

 

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