Alexandre Hay: Von der Hochfinanz zum Humanitären – Präsident des IKRK 1976–1987.

29. Oktober 1919 – 23. August 1991.

 

Aufgenommen am 12. Februar 1990 in Le Grand-Saconnex.

Alexandre Hay – Association Plans Fixes

 

> Beunruhigend, ja im Grunde genommen unheimlich. Da beschreibt einer vor dreissig Jahren, also 1990, den Zustand der Welt: Er spricht von wachsenden humanitären Problemen. Er befürchtet das Aufkommen populistischer Intransigenz. Er warnt vor dem Eroberungszug des Islamismus. Und der Verlauf der Dinge gibt ihm recht. Wohin rollst du, Äpfelchen … <

 

Alexandre Hay ist in Genf aufgewachsen; das erlaubte ihm, sich als Genfer zu fühlen; und die Genfer wiederum betrachteten ihn als einen der ihren. Hätte er aber die Schulzeit nicht am Fuss des Salève verbracht und hätten ihn die Familien der Kameraden nicht angenommen, dann wäre er nie in jene Schicht hineingekommen, die in Basel so treffend „dr Daigg“ (der Teig) heisst.

 

Der Gymnasiallehrer für Deutsch am Collège, ein Zugewanderter, und seine Frau, Chefärztin am Universitätsspital, aber auch zugewandert, beklagten sich jedenfalls 1990, dem Jahr der Aufnahme von Alexandre Hays Porträt für die „Plans Fixes“, sie hätten „null Kontakt“ mit den Einheimischen: Ihre Freunde stammten aus dem Ausland oder aus den anderen Schweizer Kantonen. Und so gehe es allen. Wer nicht als Säugling das Wasser der Rhone getrunken habe, komme in Genfs geschlossene Zirkel nicht hinein.

 

Das mussten offensichtlich auch Alexandre Hays Eltern wahrnehmen. Lydia, die Mutter, war Bernerin (eine geborene Trachsler), und Frederik, der Vater, Schotte. Durchzubringen versuchte er sich als Dirigent. Doch es fiel ihm schwer, im Schatten Ernest Ansermets aufzukommen. Die Ehe geriet in die Krise, und als Alexandre 16 Jahre alt war, liessen sich die Eltern scheiden. Zu dem Zeitpunkt war dem Jungen längst klar, dass der Beruf des Musikers kein Honiglecken sei und dass er für sich etwas Gescheiteres suchen wolle. Er wurde Jurist.

 

In diesen Jahren – wir sprechen von 1919-1945 – war Genf von starken Spannungen durchzogen. In der Schule wurde Alexandre Hay konfrontiert mit den Auseinandersetzungen zwischen den Kommunisten (Proletarier aller Welt, vereinigt euch!) und den Mitgliedern der Nationalen Aktion für Volk und Heimat, die den Anschluss ans Deutsche Reich erstrebten. Doch bei aller ideologischen Härte: Menschlich trug man sich nichts nach. Man blieb Kamerad.

 

Diese Achtung über alle Gräben hinweg sieht Alexandre Hay heute (das ist 1990) gefährdet. Er befürchtet, dass ein intransigentes Schwarz-weiss-Denken die Politik mehr und mehr bestimmen wird, mit Folgen, die er nicht mehr erlebt hat, wohl aber wir; wie wir auch wahrnehmen müssen, dass die ausschliessliche Ausrichtung auf ökonomische Gesetze den Globus zugrunde richtet. Dabei statuierte schon Nietzsche: „Dass allein eine Welt-Interpretation im Rechte sei, die Zählen, Rechnen, Wägen, Sehn und Greifen und nichts weiter zulässt, das ist eine Plumpheit und Naivität, gesetzt, dass es keine Geisteskrankheit, kein Idiotismus ist.“

 

Von Amerika her kommend begann, wie Nietzsche vor 150 Jahren diagnostizierte, eine „atemlose Hast der Arbeit das alte Europa wild zu machen und eine ganz wunderliche Geistlosigkeit darüber zu breiten. Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand. Die eigentliche Tugend ist jetzt, etwas in weniger Zeit zu tun als ein anderer.“

 

Der Verlauf der Dinge zeigt: Kassandra hatte recht. Nicht Pangloss.

 

In der Welt des Kapitalismus brachte es nun Alexandre Hay in die Generaldirektion der schweizerischen Nationalbank, und dort ins Vizepräsidium. Als er nicht zum Präsidenten befördert wurde, nahm er das Angebot an, das Präsidium des internationalen Komitees vom Roten Kreuz zu versehen. Er sagte sich: „Du kannst dort weiterhin mit dem Ausland verhandeln!“ Denn das machte er gern. „Und was für Voraussetzungen brachten Sie mit, um sich an die Spitze einer humanitären Institution zu stellen?“, fragt der Interviewer in der Filmaufnahme. „Eigentlich keine“, antwortet Alexandre Hay freimütig. „Darum fiel es mir auch nicht leicht, die Frage nach der Motivation, im IKRK zu arbeiten, zu beantworten.“

 

Nun aber sieht man: Es ist der Freimut, mit dem er sich in Achtung gesetzt hat. Ausgebildet noch in der Pariser Botschaft der Schweiz von 1945 bis 1952 unter dem legendären Carl Jacob Burckhardt, zeichnete er sich durch exzellentes Auffassungsvermögen aus. Dieses Auffassungsvermögen brachte er ins IKRK mit. Es erlaubte ihm, rasch den Durchblick zu gewinnen – über den Zustand der Organisation und den Zustand der Welt. Der Freimut anderseits half ihm, die Probleme schlicht und ohne Umschweife zu benennen. „Das kann in der Diplomatie auch eine Methode sein“, erklärt der 71-jährige unter dem Bild seines dirigierenden Vaters, das Cuno Amiet gemalt hat: „Der Partner sieht, dass er sich auf mich verlassen kann.“

 

So zeichnet er nun, ein Jahr vor seinem Tod, ein verlässliches Bild vom Zustand der Welt: Wachsende humanitäre Probleme. Verhärtung gegenüber Flüchtlings- und Migrationströmen. Ausbreitung des Islamismus. Populistische Intransigenz. Verengung der Schweizer Politik auf wirtschaftliche Gesichtspunkte. Versteifung des Landes auf der bilateralen Position gegenüber der EU.

 

Alexandre Hay sieht 1990 kein goldenes Zeitalter auf uns zukommen. Und der Verlauf der Dinge gibt ihm recht. Doch was ist das für ein Idiotismus!  Wir müssen auf Nietzsches Feststellung zurückgreifen: „Die eherne Notwendigkeit ist ein Ding, von dem die Menschen im Verlauf der Geschichte einsehen, dass es weder ehern noch notwendig ist.“

 

Passend zu dieser Feststellung schreibt Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 5. Dezember: „Die Rückkehr zur Normalität wird es nicht geben können, weil die Normalität die Ursache der Klimakrise ist.“ Und er erklärt: „Die Bewältigung der Klimakrise erfordert eine nie da gewesene Solidarität. Es geht um die Umstellung des Lebens, nicht nur, wie bei Corona, für ein paar Monate, sondern für immer – aus Solidarität mit noch Ungeborenen.“ Aber ach! „Man kritisiert einen Denker schärfer, wenn er einen uns unangenehmen Satz hinstellt; und doch wäre es vernünftiger, dies zu tun, wenn sein Satz uns angenehm ist.“ (Nietzsche: Menschliches, Allzumensch­liches)

 

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