Michel Bühler: Chansonsänger. Die Hoffnung wagen.

30. April 1945 –

 

Aufgenommen am 23. September 2008 in L’Auberson.

Michel Bühler – Association Plans Fixes

 

> Der Chansonnier kann nicht sagen, wie seine Lieder entstehen. Eigentlich, sagt er, hängen sie schon fertig unterm Dach wie die Würste in einer Rauchküche. Er brauche sich bloss auf die Zehen zu stellen und sie mit ausgestrecktem Arm zu sich herunterzuziehen. Darum betrachtet Michel Bühler seine Werke auch nicht als „gemacht“, sondern als „geschenkt“. <

 

„Das wahre Leben“, erklärt Marcel Proust in der „wiedergefundenen Zeit“, „wohnt in jedem Moment in allen Menschen so gut wie im Künstler. Aber sie sehen es nicht, weil sie es nicht auszuleuchten suchen.“ Demgegenüber gingen dem Waadtländer Chansonnier Michel Bühler die Augen für „das wahre Leben“ schon früh auf. Mit 24 Jahren konnte er bereits den Lehrerberuf an den Nagel hängen und sich mit Liedern durchbringen. – Nun ist er 63, und die Karriere ist noch nicht vorbei.

 

2018, zehn Jahre nach der Aufnahme für die „Plans Fixes“, kommt Michel Bühlers fünfter Roman heraus: „Retour à Cormont“. Er behandelt die Welt der kleinen Leute. Ihre Angst vor den Fremden. Die Lügen der Mächtigen. Das Verschwinden der Arbeitsstellen und den Bevölkerungsverlust in den Randregionen. Die Position des 73-jährigen aber ist, seit er zu sprechen begonnen hat, die gleiche geblieben: links und engagiert.

 

Michel Bühler ist stolz auf sein USP. Er nennt es PPPC: Plus Petite Production Culturelle. Damit umschreibt er das Chanson. Einmal im Ohr, im Kopf, im Herz, kann man es überallhin mitnehmen, ohne auf ein Handy oder einen Internetanschluss angewiesen zu sein. Michel Bühlers Chansons sollen als Antidot gegen Sprüche und Illusionen dienen. Dafür vermitteln sie Bodenhaftung und Orientierung.

 

Im Gespräch für die „Plans Fixes“ gibt sich Michel Bühler unverhohlen preis und drückt sein ganzes inneres Leben mit Gesicht, Händen und Stimmführung aus. Er erzählt, wie es kam, dass er zu dichten und zu komponieren begann. Wie ein Glied ins andere griff, so dass er aus Vereinsabenden des CVJM zu ersten Auftritten im Kanton Waadt fand und von dort aus nach Paris unter die Fittiche des Labels L’Escargot. Fünfzehn Jahre lang glich sein Leben einem rauschenden Fest, bis das Schallplattenhaus Konkurs ging: „Wir haben es ausgefressen und ausgesoffen“, erklärt Michel Bühler lachend.

 

Damals aber gab es nichts zu lachen. Michel Bühler blieb nichts als der Rückzug in den Waadtländer Jura, ins heimatliche Dorf und ins elterliche Haus. Der Vierzigjährige war ohne Perspektive. Aber er bekam mit, dass es anderen noch schlechter ging. In Sainte-Croix brachen die grossen Unternehmen zusammen: Paillard (Kameras), Thorens (Plattenspieler), Hermes (Schreibmaschinen). Die Arbeiter kamen auf die Strasse, und bald mussten sie die Region verlassen.

 

Heute stehen die beeindruckenden Industriegebäude leer. Einzelne beherbergen Asylanten. Man trifft sie schon im Zug, der von Yverdon (Schwellenhöhe 434 m ü.M.) nach Sainte-Croix hinaufführt (Schwellenhöhe 1066 m ü.M.). Dort stehen die farbigen jungen Männer tagaus, tagein um den Bahnhof herum.

 

Michel Bühler aber gewinnt oben im Jura wieder Boden unter die Füsse: „Du musst aufschreiben, was da passiert!“, sagt er sich und entdeckt, dass schriftstellerische Fähigkeiten in ihm liegen. Sein erster Roman entsteht: „La Parole volée“ (Die gestohlene Sprache). Und es entstehen Theaterstücke: Eines über den Schweizer Urhelden Wilhelm Tell und eines über den Waadtländer Revolutionär Major Davel – mit über hundert Aufführungen im Octogone von Pully und fünfzig weiteren Auftritten in Schulhaus-Aulen und Mehrzweckhallen.

 

Was auch immer Michel Bühler macht (im Telefonbuch nennt er sich „artiste“), stets bringt er die Zuschauer zur Erfahrung ihrer selbst; „les révéler à eux-mêmes“, nennt das Proust und erklärt:

 

Der Autor sagt nur durch eine Gewohnheit, die der unaufrichtigen Sprache der Vorworte und Widmungen entnommen ist: „Mein Leser“. In Wirklichkeit ist jeder Leser der Leser seiner selbst. Das Werk des Autors ist nur eine Art optisches Instrument, das er dem Leser anbietet, um ihn in die Lage zu versetzen, das zu erkennen, was er ohne dieses Buch an sich selbst vielleicht nicht wahrgenommen hätte. Dass der Leser das, was das Buch sagt, an sich selbst erkennt, ist ein Beweis für dessen Wahrheit, und umgekehrt, zumindest bis zu einem gewissen Grad, da der Unterschied zwischen den beiden Texten oft nicht dem Autor, sondern dem Leser zugeschrieben werden kann.

 

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