Dr. Frédéric Saegesser: F.A.C.S. – Professor für klinische Chirurgie.

9. September 1916 – 23. März 1998.

 

Aufgenommen am 23. Februar 1990 in Lausanne.

Dr Frédéric Saegesser – Association Plans Fixes

 

> „Nicht sendefähig.“ Das ist das Urteil, zu dem eine Redaktion käme, wenn ihr das Porträt von Frédéric Saegesser aus den „Plans Fixes“ vorgelegt würde. Unmöglich, würden die Fachleute sagen, sei schon die Fragetechnik des Interviewers (Bertil Galland). Verunglückt der Schluss (Spule verloren, nachgefilmt). Und der Befragte versteige sich zu politisch unkorrekten Äusserungen. Empfehlung: „Deckel drauf!“ <

 

Professor Frédéric Saegesser ist der Grandseigneur der Waadtländer Chirurgie. Unter seiner Ägide am Lausanner Universitätsspital (1959–86) wurde die „chirurgie générale“ modernisiert und in Spezialdisziplinen aufgeteilt: Handchirurgie, Neurochirurgie, Gefässchirurgie etc.

 

Nun ist Frédéric Saegesser emeritiert. Der 74-jährige blickt zurück auf die Geschichte seines Fachs. Er hat Spannendes zu erzählen. Die Chirurgie war im Mittelalter nicht Bestandteil der Medizin. Päpstliche Dekrete verboten bei Strafe der Exkommunikation, in der Heilkunst irgendwelche blutigen Operationen zu vollziehen. Die Scheidung zwischen Medizin und Chirurgie rief deshalb die sogenannte „Baderei“ ins Leben. Da die Barbiere mit scharfen Messern umzugehen verstanden, war ihnen das Geschäft überlassen, Sachen aus dem menschlichen Körper zu schneiden. Sie betrieben ihr Handwerk als Beruf, nicht als Wissenschaft.

 

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begünstigten unaufhörliche Kriege die Anlegung öffentlicher Spitäler. Wundearzneikunde gewann an Wichtigkeit und Ansehen. Die Kenntnis der Anatomie steigerte den Erfolg der Operationen. Das führte zur Gründung von medizinisch-chirurgischen Akademien: 1724 in Berlin, 1731 in Paris. – 1837 konnte der Brockhaus melden:

 

In der neuesten Zeit ist die Chirurgie durch die vereinten Bemühungen der Wundärzte aller gebildeten Völker zu einem Grade von Ausbildung gelangt, der nie gekannte Heilungen möglich macht und bei welchen die Kühnheit, Einfachheit und wissenschaftliche Begründung der Verfahrungsweisen gleich sehr zu bewundern sind.

 

Den „Höchststand“ hatte die Medizin also in den Augen der damals Lebenden schon erreicht vor der Anwendung der Betäubung, vor der Einführung von Hygiene und Sterilität, vor der Entdeckung der Antibiotika, vor der Etablierung der Transplantations­chirurgie, vor der Erfindung der Herzlungenmaschine, vor der Ausgestaltung der Transfusionstechnik und vor der Entwicklung des Herzschrittmachers. – Indem er die Medizingeschichte des Waadtlands nachzeichnet, resümiert Frédéric Saegesser: „Die Chirurgie hat in den letzten fünfzig Jahren mehr Fortschritte erzielt als in den tausend Jahren zuvor.“

 

Als überragender „change agent“ am Lausanner Universitätsspital wirkte César Roux (1857–1934). Diesem Vor-Vorgänger hat Frédéric Saegesser 1984 eine Monographie gewidmet. Roux indes brachte es schon zu Lebzeiten ins „Biographische Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre“ von Isidor Fischer. Es erschien 1932 in Berlin und Wien bei Urban & Schwarzenberg.

 

Höchst anschaulich schildert Grandseigneur Saegesser die Biografie, den Charakter, das Auftreten und das Wirken des Pioniers, dem Dr. med. C. G. Jung wohl einen „Napoleon-Komplex“ zugeschrieben hätte. Denn César Roux war nur 1,54 m gross. Hinter Morges am Genfersee in Mont-la-Ville aufgewachsen, war seine Muttersprache das Patois. Französisch lernte er erst spät, und es lag ihm nicht bequem im Mund. Denn das Studium hatte er in Bern absolviert, bei Theodor Kocher, dem einzigen Chirurgen, der bis heute für seine praktische Tätigkeit mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist.

 

Bei seinen Ausführungen wird Frédéric Saegesser vom Interviewer Bertil Galland laufend gestört. Hätte Roland Donzé der Aufnahme beigewohnt, er hätte nach zehn Minuten interveniert wie seinerzeit bei einem Staatsexamen in französischer Literatur an der Universität Bern:

 

„Wir unterbrechen hier die Prüfung. Sie gehen jetzt zwei Mal ums Universitätsgebäude. Wenn Sie zurück sind, klopfen Sie an.“ Nachdem der Kandidat den Raum verlassen hatte, fuhr der Examinator auf: „Was kommt dir in den Sinn, was hast du getan?“ – „Aber mein Lieber, hast du nicht gemerkt, in welche Lage du den Kandidaten gebracht hast?“ – „Ich verstehe dich nicht.“ – „Die Fragen, die du stelltest, waren viel zu speziell. Er konnte seine Talente gar nicht entwickeln.“ – „Ach woher! Du verstehst keinen Spass. Das Ganze war doch als lockerer Einstieg gedacht.“ – „Aber der Kandidat war ja sprachlos. Nur du hast gesprochen.“ – „Ach, wenn du’s besser weisst, so mach doch du das Examen!“

 

So ergeht es Bertil Galland nun bei der Aufnahme für die „Plans Fixes“. In der Begeisterung über das eigene Wissen (der Vater war Arzt) und unter dem Druck, etwas ganz Bestimmtes hören zu wollen, fällt er Frédéric Saegesser immer wieder ins Wort. Darum kommen die Gedanken des Chirugie­professors nur noch zerhackt ans Licht: Burger statt Entrecôte.

 

Weil er etwas Bestimmtes hören will, führt Bertil Galland am Schluss des Gesprächs Frédéric Saegesser zu einer verfänglichen Aussage. Zuerst windet sich der: „Ich weiss, dass man mich dafür steinigen wird. Aber ich sage es trotzdem: Frauen sind für die Chirurgie weniger geeignet als Männer.“ Die Begründung: Es müsse bei Operationen schnell gehen. Immer wieder trete Unvorhergesehenes auf. Da brauche es, schon nur, um das Team nicht zu irritieren, rasche, mutige Entscheide. „Frauen sind in diesen Situationen zu vorsichtig. Sie geraten ins Erwägen.“

 

Frédéric Saegesser sagte das vor dreissig Jahren. Und die Erfahrungen, auf die er sich stützte, sind heute älter als vierzig Jahre.– Die beiden Chirurginnen jedenfalls, die mich heuer ambulant operiert haben, machten auf mich einen kompetenten, entschiedenen Eindruck. Aber sie waren beide nicht Waadtländerinnen, sondern Deutsche. Doch vielleicht ist auch diese Feststellung nicht politisch korrekt ...

 

Was aber im Medizinalwesen (und nicht nur dort!) unverändert geblieben ist, ist das Überborden der Administration. Frédéric Saegesser erklärt es damit, dass den Politikern die Kompetenz fehle. Darum seien sie auf Stäbe angewiesen. Und die Stäbe wiederum müssten durch Produktion von Papier beweisen, dass es sie brauche.

 

Polemisch erzählt Frédéric Saegesser, wie ein Notar aus dem Kanton Zug („Sie können sich ja vorstellen, was das heisst!“) als Bundesrat plötzlich Gesundheitsminister wurde. Er schaffte an den medizinischen Fakultäten den Numerus Clausus ab. „Damit wurde ein Fach proletarisiert, dem doch nur eine Elite genügen kann.“ Ein weiteres Tabu: Elite! Ihr heute das Wort zu reden ist selbstmörderisch.

 

Einmal in Fahrt gekommen, stellt Frédéric Saegesser indessen fest: „Die Demokratie ist ohnehin keine gute Staatsform. Nur die am wenigsten schlechte.“ An der Spitze wären Menschen verlangt, die Kompetenz und Ethos mitbringen. Doch zur Wahl drängten nur die Ambitionierten.

 

„Gute Führungspersonen“, erklärt dazu der Innsbrucker Medizinprofessor Klaus Bolzano in seiner Untersuchung zur „Neidgesellschaft“ („Warum wir anderen nichts gönnen“), „werden immer versuchen, im Hintergrund zu bleiben. Sadisten hingegen drängen sich in den Vordergrund. – Sadisten sind jene Menschen, die prinzipiell in Lokalen die Hälfte der Speisen aus irgendwelchen Gründen zurück gehen lassen. Es sind jene, die mit dem Personal unfreundlich umgehen. Sadisten sind alle, die sich gewaltsam durchsetzen, auf- und hineindrängen, auf Vorurteilen bestehen, nicht zuhören und andere ständig unterbrechen und sich wichtig machen. Sie sind jene Überflüssigen, die tatsächlich glauben, ohne sie ginge nichts. Wenn das kein Wahn ist?“

 

Die Antwort gibt Ester Vilar in ihrem Buch „Der betörende Glanz der Dummheit“:

 

Auf einem von feinfühligen, phantasievollen – intelligenten – Menschen bewohnten Planeten müsste eine grosse Stille entstehen, wenn es darum geht, den Posten eines Ministerpräsidenten, Gewerkschaftsführers, Bankenvorstands, Kardinals, Generals, Klinikchefs oder Obersten Richters zu besetzen. In unserer wirklichen Welt schreien sie alle: Hier. Sie fühlen sich dafür erschaffen, „Verantwortung zu übernehmen“ – möchten „endlich einmal gefordert werden“. Wann immer möglich, vertreiben sie den Amtsinhaber schon vor Ablauf seiner Frist durch Gewalt und Intrigen von seinem Platz. Einleuchtend, dass Sensible da hoffnungslos ins Abseits geraten.

 

Ausnahmen bestätigen die Regel.

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