Mireille Kuttel: Schriftstellerin, nicht von hier, nicht von anderswo.

10. Januar 1928 – 22. Mai 2018.

 

Aufgenommen am 24. November 2004 in Pully.

Mireille Kuttel – Association Plans Fixes

 

> Blaue Hefte, liniert. Immer fünf Stück, nicht ein Blatt mehr, nicht ein Blatt weniger. Da hinein schreibt Mireille Kuttel ihre Romane, vom ersten bis zum letzten, immer mit dem Kugelschreiber, immer in der Küche. Dann bringt der Tod des Mannes, mit dem sie 52 1/2 Jahre verheiratet gewesen war, die Produktivität zum Versiegen. Nach „Bandonéon“, einer Art Trauermusik, entsteht nichts Literarisches mehr. <

 

Prof. Dr. med. Sigmund Freud schrieb seine Aufsätze, Betrachtungen und Abhandlungen immer in lange, unlinierte Hefte mit schweren, schwarzen Deckeln. Ihr Format erinnert an die Kontobücher der Handelshäuser. Bei ihnen findet der Autor schmale Zeilen. Um den Gedanken zu fassen, braucht die Hand nicht bereit übers Blatt zu fahren, sondern kann sich konzentriert in der Mitte halten, im Fokus der dicken Brille. Auf diese Weise bleibt es auch dem Kopf erspart, sich während des Schreibens von links nach rechts zu bewegen. Das ist der Konzentration dienlich.

 

Freuds Technik macht das Feilen unnötig. Mit der ersten Niederschrift liegt schon das fertige Manuskript vor – im Unterschied zur Schreibweise von Christoph Martin Wieland (1733-1813), der die lichteste, schönste und grazilste deutsche Prosa geschrieben hat. („Der grösste Dichter seines Zeitalters“, steht hinter seinem Sterbetag in der Pfarrmatrikel seines Geburtsorts Oberbolzheim.) Einem Freund erklärte Wieland:

 

Die Art, wie ich arbeite, ist ungefähr der Arbeit eines Zeichners ähnlich, der nur immer Linien und Striche hinkritzelt, immer mit seinem Brote wegwischt, immer zusetzt und endlich doch etwas ganz Leidliches hervorgehen lässt. So wie ich etwas aus mir selbst produziere, so schreibe ich gleich aufs Papier. Aber mein Gedanke bildet und formt sich erst, indem ich ihn drei-, viermal und noch öfter umkehre, ausstreiche, drehe, wende … Darum muss ich auch meine Augen mit möglichster Sorgfalt schonen, weil ich durchaus nicht mich ans Diktieren gewöhnen könnte. Wer diktiert, muss schon alles vor sich in der Seele feststehn haben.

 

Goethe, Caesar, Friedell diktierten. Wilhelm Raabe, der Romancier, und Sigmund Freud, der Psychologe, schrieben. Aber stets in einem Zug, stets mit der Feder, und immer in Bücher, weil sie „schon alles vor sich in der Seele feststehn“ hatten. „Freud konnte sich nie von seiner Feder trennen, die er für seine Privatkorrespondenz und seine wissenschaftlichen Arbeiten benützte; offenbar konnte er am besten denken, wenn er sie in der Hand hielt“, vermerkt sein Biograph Ernest Jones. „Im Februar 1913 [im Alter von 56] führte Freud eine Neuerung ein: den Kauf einer Schreib­maschine, die seine Tochter heute [1955] noch gebraucht. Aber sie war nicht für ihn selbst; denn für ihn kam es nicht in Frage, einen solchen Assistenten zu benutzen und seine geliebte Feder aufzugeben. Er wollte damit [dem Sekretär] Rank helfen, dass er seinen zunehmenden Pflichten als Redakteur besser nachkommen könne.“

 

Im Alter von 74 Jahren, schon schwer vom Krebs gezeichnet, schrieb Freud – immer noch mit der Feder, und immer noch in einem Zug:

 

Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. Solcher Mittel gibt es vielleicht dreierlei: mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend geringschätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgendetwas dieser Art ist unerlässlich. Auf die Ablenkungen zielt Voltaire, wenn er seinen „Candide“ in den Rat ausklingen lässt, seinen Garten zu bearbeiten; solch eine Ablenkung ist auch die wissenschaftliche Tätigkeit. Die Ersatzbefriedigungen, wie die Kunst sie bietet, sind gegen die Realität Illusionen, darum nicht minder psychisch wirksam dank der Rolle, die die Phantasie im Seelenleben behauptet hat. Wer für den Einfluss der Kunst empfänglich ist, weiss ihn als Lustquelle und Lebenströstung nicht hoch genug einzuschätzen.

 

Mireille Kuttel schreibt nun im Alter von 74 Jahren an ihrem letzten Roman, „Bandonéon“, einer Art Trauermusik, immer noch mit dem Kugelschreiber, immer noch in einem Zug. Der Mann, den sie fast 60 Jahre lang gekannt hat und mit dem sie 52 1/2 Jahre verheiratet gewesen ist, stirbt an Krebs. Das Buch trägt sie durch die Leidenszeit hindurch über den Tod hinaus bis in den Witwenstand. „Ich war ja vorher noch nie allein; zuerst lebte ich in der Familie meiner Eltern, dann in der Ehe“, erklärt sie jetzt, nach zweieinhalb Jahren des Alleinseins, dem Kamerateam der „Plans Fixes“. Sie wirkt heiter und ausgeglichen. Aber die Quelle des Schreibens ist versiegt. Mireille Kuttel wird nie mehr etwas veröffentlichen.

 

Früher ja, da sprudelte die Kreativität. Nicht anhaltend natürlich, aber periodenweise; immer dann, wenn das Reservoir voll war. Dann überliess sie sich dem „flow“. In den Zeiten der Dürre grämte sie sich nicht. Sie wusste: „Es kommt schon wieder!“ Ihre Erfahrung deckte sich mit der Goethes und der > Catherine Louis’, der Illustratorin. Auch sie erfuhr: Gerät die Produktion ins Stocken, muss man die Flaute hinnehmen wie das schlechte Wetter. „Mein Rat ist“, sagte Goethe, „nichts zu forcieren, und alle unproduktiven Tage und Stunden lieber zu vertändeln und zu verschlafen, als in solchen Tagen etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat.“

 

Bei Mireille Kuttel wurde ursprünglich die Schaffensfreude geweckt durch den Mann. Er ermunterte sie zum Schreiben. Er war der erste Leser. Er suchte Verleger für die Manuskripte. „Er war mein Pygmalion“, sagt die 74-jährige. „Er hat das Beste aus mir herausgeholt und mich zu der gemacht, die ich bin.“

 

Mit der Anschaulichkeit, die den begnadeten Erzählern gegeben ist, schildert Mireille Kuttel, wie sie aus der Tatsache, dass sie an zwei Orten lebt, im Waadtland nämlich und im Piemont, ihre Romanstoffe zieht. Sie behandelt „das Thema der Italianità und des schweiz. Exils anhand weibl. Protagonistinnen, die das Opfer wirtschaftl. und sexueller Unterdrückung sind“, erklärt dazu das historische Lexikon der Schweiz. Und wahrhaftig: Im Zentrum von Mireille Kuttels Romanes stehen immer Frauen. Das ist ihr „parti pris“.

 

Der Mann hat sie dabei unterstützt. Er hat als Waadtländer Politiker dem Frauenstimmrecht in seinem Kanton zum Durchbruch verholfen. „Und wenn wir die ersten wären?“, stand auf den Abstimmungsplakaten. „Die Parole war auch von ihm“, erklärt Mireille Kuttel im Film. Sie lebt nach der Aufnahme noch 14 Jahre und stirbt am 22. Mai 2018. Herausgebracht hat sie nichts mehr.

 

„Man möchte sagen, die Absicht, dass der Mensch ‚glücklich‘ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten“, stellte der 74-jährige Freud fest. „Die milde Narkose, in die uns die Kunst versetzt, vermag nicht mehr als eine flüchtige Entrückung aus den Nöten des Lebens herbeizuführen und ist nicht stark genug, um reales Elend vergessen zu machen.“

 

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