Ruth Dreifuss: Bundesrätin – Vom Sozialen zur Politik, für eine soziale Politik.

9. Januar 1940 –

 

Aufgenommen am 21. April 1995 in Bern.

Ruth Dreifuss – Association Plans Fixes

 

> Es ist nicht üblich, dass ein amtierender Bundesrat ein Denkmal bekommt. Aber Ruth Dreifuss ist erstens eine Frau (die zweite nach Elisabeth Kopp, die bekanntlich wegen den Affären ihres Mannes zurücktreten musste) und zweitens der erste Mensch jüdischen Glaubens, der in der Exekutive der schweizerischen Eidgenossenschaft Einsitz nahm. Dafür wird Ruth Dreifuss nun mit der Aufnahme in die „Plans Fixes“ ausgezeichnet. <

 

Wie oft ist es vorgekommen, dass ein Bundesrat durch seinen Auftritt in der „Arena“, der Politsendung des Schweizer Fernsehens, den Ausschlag für die anschliessende Volksabstimmung gegeben hat? Ruth Dreifuss ist das gelungen: 1994 trat sie vor laufender Kamera ins Gefecht gegen die Vertreter der Krankenkassen und die Anhänger des Neoliberalismus, um ihre Vorlage, das Kranken­versicherungs­­gesetz, zu verteidigen. Sie hatte einen schweren Stand. Die Experten und Parlamentarier griffen sie frontal an. Je länger die Auseinandersetzung dauerte, desto hitziger wurden die Voten. Mit roten Köpfen schossen die krawattierten Gegner Salve auf Salve gegen die Departementsvorsteherin, die als Objekt des Hasses in der Mitte der Arena ungeschützt den Angriffen preisgegeben war.

 

Ruth Dreifuss aber liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Klar und sachlich nahm sie die Argumente der Gegner auf und widerlegte sie mit kühlem Kopf. Auf die Vertreter der Branche wirkte diese Haltung so provokant, dass ihnen bald der Schaum auf die Lippen trat. Doch nichts zu machen: Die Mannen hätten sich ebenso gut an der Grossen Fluh abarbeiten können, einem erratischen Block von 1200 Kubikmetern, dem grössten Findling nördlich der Alpen auf dem Gebiet der Gemeinde Steinhof (SO). Die einsame, kleine, bescheidene Bundesrätin kam während des ganzen Treffens nie ins Wanken, geschweige denn zum Sturz. „Ich habe“, erklärt Ruth Dreifuss, „keine Feinde; nur Gegner. Wenn ich sie reden höre, bin ich neugierig zu verstehen, wie sie ticken, und zu erkennen, was sie antreibt.“ (Merke: Mit dieser Haltung ergibt sich Überlegenheit von selbst.)

 

Am Tag der Abstimmung zeigte sich die Wirkung des bundesrätlichen Auftritts: das Krankenversicherungsgesetz wurde mit 51,8 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Die Auswertungen belegten, dass die Departements­vor­steherin das Deutschschweizer Stimmvolk durch ihren ruhigen Ton von der Qualität der Vorlage überzeugt hatte. Den Ausschlag hatten also nicht die Argumente gegeben, sondern die Kompetenz der Bundesrätin:  Was Ruth Dreifuss gesagt hatte, war – unabhängig von der sachlichen Richtigkeit – den Laien glaubwürdiger vorgekommen als der Slang der Fachleute.

 

Die „Arena“-Sendung kam daraufhin ins Trainingsprogramm der Kommunika­tionsexperten und Mediensprecher. Unterdessen wies die Kompetenz­forschung nach, wie viel an der Wirkung des Auftretens liegt: Die Menschen haben in der Regel ein Gespür für die Echtheit des Gegenübers, vor allem, wenn sich die Begegnung über einen längeren Zeitraum erstreckt.

 

Diese Aussagen wurden besonders brisant, als die Auswertung des Unterrichts ins Erziehungswesen Einzug zu halten begann. Da wurde, zum Entsetzen der Lehrenden, den Belehrten die Frage vorgelegt: „Ist der Lehrer/Dozent/Professor kompetent?“ Die Lehrer/Dozenten/Professoren riefen: „Das können doch Schüler/Lehrlinge/Studenten nicht beurteilen!“ Die Forschung aber zeigte: „Doch! Und zwar ab zehn Jahren. Es ist eben ein Unterschied, ob man ein Fach bloss studiert hat oder ob man darin kompetent ist. Das können Menschen ganz gut beurteilen, auch ohne zur Zunft zu gehören.“

 

Der Eindruck von Kompetenz nun, den die Begegnung mit der Bundesrätin im Film der „Plans Fixes“ hervorruft, hat, wenn man so sagen kann, zwei Wurzeln: eine pragmatische und eine psychologische. Die pragmatische liegt im Umstand, dass Ruth Dreifuss – zuerst sich und dann den anderen – immer wieder gezeigt hat, dass sie „es“ kann: eine Handelsschule absolvieren; anschliessend eine Sozialarbeiterschule bestehen; anschliessend zwei Jahre lang im Beruf arbeiten; mit 27 die Matur nachholen; anschliessend Wirtschafts­wissen­schaften studieren; anschliessend zehn Jahre lang als Projektleiterin in der Direktion für Entwicklungszusammen­arbeit und humanitäre Hilfe der Bundesverwaltung arbeiten; anschliessend für zehn Jahre das Generalsekretariat des schweizerischen Gewerkschafts­bunds leiten; anschliessend Bundesrätin werden.

 

Die Kompetenz, die sie dabei an den Tag legte, erkennen die Aussen­stehenden darin, dass Ruth Dreifuss einfache, gut nachvollziehbare Aussagen macht und – auch im Film – immer wieder zu entwaffnender Offenheit fähig ist: „Es ergab sich, dass ich in einer Zeit lebte, wo es angesagt war, Frauen zu fördern.“ Das Augenzwinkern zeigt: Angeben und Grosstun ist ihre Sache nicht. Sie füllt einfach das Amt aus, das ihr zugewiesen ist, nach dem Wort des Nazareners: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

 

Damit aber Ruth Dreifuss nach oben kam, musste die pragmatische Wurzel, wenn man so sagen kann, durch die psychologische genährt werden, das heisst durch Milieu und Erziehung. Als Angehörige der jüdischen Minderheit mit Geburtsjahr 1940 lernte Ruth Dreifuss „wie alle Juden“ von Kindheit an, Anfechtungen zu bestehen: „Wir wollten nur, dass man uns in Ruhe lässt (qu‘on nous laisse en paix), um unsere Zärtlichkeit entwickeln zu können.“

 

Das Innere der Familie Dreifuss war ein Ort des Wohlwollens, der Achtung, ja des Friedens, und zeigte, dass ein solcher Zustand möglich ist. Das Äussere hingegen war bedrängend, hart und feindselig. Um zu bestehen, musste man Klugheit entwickeln.

 

Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit (Bertolt Brecht, 1934):

 

Viele, die verfolgt werden, verlieren die Fähigkeit, ihre Fehler zu erkennen. Die Verfolgung scheint ihnen das grösste Unrecht. Die Verfolger sind, da sie ja verfolgen, die Bösartigen, sie, die Verfolgten, werden ihrer Güte wegen verfolgt. Aber diese Güte ist geschlagen worden, besiegt und verhindert worden und war also eine schwache Güte, eine schlechte, unhaltbare, unzuverlässige Güte: denn es geht nicht an, der Güte die Schwäche zuzubilligen, wie dem Regen seine Nässe. Zu sagen, dass die Guten nicht besiegt wurden, weil sie gut, sondern weil sie schwach waren, dazu ist Mut nötig. Natürlich muss die Wahrheit im Kampf mit der Unwahrheit geschrieben werden, und sie darf nicht etwas Allgemeines, Hohes, Vieldeutiges sein. Von dieser allgemeinen, hohen, vieldeutigen Art ist ja gerade die Unwahrheit. Wenn von einem gesagt wird, er hat die Wahrheit gesagt, so haben zunächst einige oder viele oder einer etwas anderes gesagt, eine Lüge oder etwas Allgemeines, aber er hat die Wahrheit gesagt, etwas Praktisches, Tatsächliches, Unleugbares, das, um was es sich handelte.

 

Dieser pragmatischen Linie, die „Praktisches, Tatsächliches, Unleugbares“ zu realisieren sucht, entsprach Ruth Dreifuss als Politikerin, Gewerkschafterin, Bundesrätin – und als Kind: „Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will“, sagte Brecht, „braucht die Kunst, sie handhabbar zu machen als eine Waffe“.

 

Mit der Waffe der handhabbaren Wahrheit ging die Elfjährige auf ihren antisemitischen Lehrer zu und legte ihm ein Heft vor, in das sie, mit vielen Orthographiefehlern durchsetzt, die Geschichte des jüdischen Volks geschrieben hatte („ein wahrer Märtyrerkatalog“): „Können Sie mir bitte die Schreibfehler korrigieren?“ Ruth Dreifuss bekam das Heft rot angestrichen zurück. Der Lehrer jedoch liess sie fortan unbehelligt. Matthäus 10, 16: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“

 

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