Park Stickney: Harfenist.

31. Dezember 1969 –

 

Aufgenommen am 22. September 2017 in Valeyres-sous-Ursins.

Park Stickney – Association Plans Fixes

 

> Die Aufnahme entstand 2017 in Valeyres-sous-Ursins, einem bäuerlichen 230-Seelendorf in der Nähe von Yverdon. Damals war „Footprint“ im Kanton Waadt noch ein Fremdwort, und Greta Tunberg ging noch zur Schule. Heute aber stellt sich beim Betrachten des Porträts von Park Stickney, einem amerikanischen Harfenisten, der zwischen Valeyres-sous-Ursins, New York und Lyon pendelt, die Frage: „How dare you?“ <

 

150 Jahre lang bestanden die Wiener Philharmoniker nur aus Männern. Dann mussten sie dem öffentlichen Druck nachgeben und sich 1997 auch für Frauen öffnen. Heute, ein Vierteljahrhundert später, beträgt deren Anteil acht Prozent.

 

Doch eine Ausnahme gab es, solange das Gedächtnis zurückreicht: An der Harfe sass stets eine Frau. Denn Hafenspielen war ein Frauenberuf. Es fanden sich in Wien und anderswo keine Männer, die bereit gewesen wären, das traditionsreiche Instrument umarmen zu lernen und seine Saiten mit spitzen Fingern zu bezupfen.

 

In der Zeit des Alten Testaments hat noch der Held, der den Riesen Goliath besiegt hatte, das Instrument gespielt. In den Psalmen Davids heisst es oft: „vorzusingen, auf Saitenspiel“ oder „vorzusingen, auf acht Saiten“ oder „vorzusingen, auf der Harfe“.

 

Und das 1. Samuelbuch berichtet, dass die Wahnsinnsattacken des Königs Saul nur durch Davids Harfenspiel besänftigt werden konnten: „Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, so nahm David die Harfe und spielte mit seiner Hand; so erquickte sich Saul, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm.“

 

Bei Park Stickney befindet sich nun das Instrument der Könige und Helden, das im 19. Jahrhundert Frauensache wurde, wieder in gereifter Männerhand, wenn auch der Harfenist mit seinem schulterlangem Haar, das von den Seiten seiner Halbglatze niederfliesst, schwache Erinnerungen an ephebenhafte Jungfräulichkeit hervorruft.

 

Wie er als Junge in Arizona dazu kam, das Instrument zu ergreifen, erzählt er in den „Plans Fixes“ nicht, und auch nicht, was er in New York suchte. Er verwendet im Zusammenhang mit dem Big Apple nur das Wort „Inspiration“, und dieses Wort (oder Faktum) veranlasst ihn, von Valeyres-sous-Ursins aus immer wieder über den grossen Teich zu fliegen, um dort Rezitals zu geben und im Zusammenspiel mit Jazzmusikern neue Dimensionen zu erobern. Das Erkannte, Gefundene, Erfahrene gibt er dann weiter am Konservatorium von Lyon, wo er Harfenisten (?), Harfenistinnen (?) ausbildet.

 

Sehr konkret wird Park Stickney während des ganzen Gesprächs nie. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass Französisch nicht seine Muttersprache ist und dass der Interviewer von der Annahme ausgeht, die ganze Welt kenne Park Stickney, weshalb es sich erübrige, das Netz der lexigraphischen Grundinformationen über die Befragung zu legen.

 

Man merkt aber, dass sich der Harfenist als Apostel seines Instruments versteht und dass er es mitnimmt, um bei den Heiden zu predigen, das heisst vor einer Zuhörerschaft zu spielen, welche der klassischen Musik fernsteht, die Harfe daher nicht kennt, und Konzerte nur aufsucht, um Unterhaltungsmusik oder Jazz zu hören.

 

In solchen Sälen tritt Park Stickney nun auf, meist als Solist, und häufig auch als Kommentator seines Spiels. Zum Einstieg nimmt er populäre Stücke, die jeder schon gehört hat (ausser jenen paar Aussterbenden, die sich nur im E-Bereich bewegen): die „Bohemian Rhapsody“ von Queen oder „Take Five“ des Dave-Brubeck-Quartetts. Je nach Reaktion des Publikums geht er dann weiter in den Jazz hinein oder zu Adaptationen von Johann Sebastian Bach. „Neo Punk“ schlägt ihm der Interviewer für seinen Musikstil vor, und der Harfenist antwortet: „Warum nicht?“

 

Für seine Auftritte nimmt Park Stickney das Instrument mit. Diesen Punkt hat er gemeinsam mit den Starpianisten, die sich nicht an den Flügel setzen, den der Konzertveranstalter zur Verfügung stellt, sondern ihren privaten Steinway resp. Bösendorfer durch die Welt fliegen lassen, meist zusammen mit dem Klavierstimmer ihres Vertrauens. Und damit kommt nun das Problem des „Footprints“ ins Spiel.

 

Bei der Popmusik entstehen fünfzig Prozent der Umweltbelastung durch die Verschiebung der Truppe. Beim Harfenspiel, das von Valeyres-sous-Ursins aus in die Welt getragen, bzw. gefahren, bzw. geflogen wird, dürfte der CO2-Anteil ähnlich hoch liegen.

 

Doch dieses Problem hat nun Corona vorübergehend ins Lot gebracht. Die Frage ist bloss: Lernen wir etwas daraus? Oder muss im Herbst wieder Greta Tunberg kommen und uns ins Gewissen rufen: „How dare you?“ Im Paradies zuckt derweil Dr. Sigmund Freud mit den Schultern und murmelt trocken vor sich hin: „Ihre Majestät das Ich …“

 

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