Doris Jakubec: Die Westschweizer Literatur? Eine Wette.

19. Januar 1939 –

 

Aufgenommen am 13. April 2016 in Coppet.

Doris Jakubec – Association Plans Fixes

 

> Im Einstieg zum Film sehen wir die emeritierte Literaturprofessorin neben dem Interviewer Patrick Ferla durch die Allee des Schlossparks von Coppet wandeln. Sie sprechen über Bücher. „Durch sie lernen wir die Welt, die anderen und uns verstehen“, sagt Doris Jakubec. „Sie sind das Leben.“ Was das bedeutet, zeigt die Begegnung mit der emeritierten Literaturprofessorin. <

 

Vor zehn Jahren hat die Leseforschung bestätigt, was wir eigentlich schon immer gewusst haben: Der Mensch kommt in der frühen Kindheit zum Buch. Ob er später ein Leser wird, hängt davon ab, ob ihm in den ersten Lebens­jahren vorgelesen wurde. Eine ganz starke Wirkung geht vom Vater aus. Wenn der sich abends vor dem Einschlafen noch mit einem Buch ans Bett der Kinder setzt, ist die Partie gewonnen.

 

Das Resultat leuchtet ein. Dadurch, dass der Vater die Lektüre vornimmt, ist das Lesen für die Kinder nicht abgestempelt als weibliche Tätigkeit. Von dieser Sozialisation geprägt, wird man(n) nicht auf den Gedanken kommen, Buben, die Bücher lesen, als schwul zu verspotten, wie das in den Schülerkursen des ÖV manchmal vorkommt.

 

Was beim Lesen geschieht, erklärte die Literaturwissenschafterin Corina Caduff (heute Vizerektorin der Berner Fachhochschule) 2004 in der Hauszeitschrift der Academia Engiadina:

 

Fangen wir bei der inneren Bildproduktion an, weil genau diese das Lesen vom Filmschauen unterscheidet: Wenn ich lese, stelle ich mir die Szene des Romans visuell vor, ich male mir die Figuren und ihre Handlungen aus, ich kreiere ständig neue Schauplätze, ich bin in Aktion. Die Bildmedien verhindern eine solche aktive innere Bildproduktion, sie nehmen sie uns ab. Dabei ist sie ganz elementar. Nicht nur, weil sie unsere Hirnzellen in Schwung bringt, sondern vor allem auch, weil sie unser Vorstellungsvermögen ankurbelt. Ohne Lektüre liegt dieses Vermögen brach, genauer gesagt: das Lesen bringt es erst hervor.

 

Die inneren Bilder, die uns die Bücher abfordern, die machen wir mit Wärme, wir besetzen sie mit Affekten, mit Zuwendung. Im Austausch mit den Buchstaben sind sie voller Gespräch und Leben. – Lesen ist Dialog. Es erweitert unser Dasein, es vitalisiert und vergrössert unseren Erfahrungsschatz, es ist sozial, und es gibt uns Wissen.

 

Was nun aus jemandem wird, der sein ganzes Leben mit Büchern verbracht hat, können wir aus der Begegnung mit der 77-jährigen Doris Jakubec herauslesen. Die „Plans Fixes“ führen einen Menschen vor, der zur Genauigkeit, zur Offenheit und zur Bescheidenheit erzogen worden ist. Diese „Bildung“ (Martin Buber: „Es geschieht da etwas am Menschen“) ist nicht überraschend. Nochmals Caduff:

 

Lesen ist Austausch – Austausch mit der Stimme des Autors, die immer eine Geisterstimme bleibt; Austausch mit einer Welt, die in unserem Alltag nicht laut wird; Austausch mit dem Verschwiegenen in uns selbst. Wir können nicht überall und jederzeit alles aussprechen, die Literatur hingegen schon: Sie spricht von tiefsten Ängsten und unerlaubten Wünschen. Sie zeigt Gewalt und ungehörige Handlungen. – Das literarische Sprechen ist ein geschütztes Sprechen: Es kennt keine moralischen Zwänge, es kennt keine Sanktionen, es darf alles sagen. Wenn wir ihm dabei folgen, dann plaudert es mit unserer Vorstellungs­kraft.

 

In Pfarrhaus der Familie Vodoz wuchs Doris als drittes von sechs Kindern auf. Der Vater hielt Bücher (also nicht bloss das Buch der Bücher) in hohen Ehren, und vor dem Einschlafen vernahmen die Kinder das Wort; das Wort des Vaters und, durch ihn, das Wort der Schriftsteller. An den ergreifenden Stellen wurde der sonst so sichere und mächtige Mann mitergriffen. Doris merkte es an seiner Stimme. Durch die geteilte, wenn auch unausgespro­chene, Emotion verstärkte sich die Verbindung zwischen Vater und Kind.

 

Gleichwohl hätte es aus Doris nicht zwangsläufig eine Literaturpro­fessorin zu geben brauchen. Ausschlaggebend für die Wahl des Studiums war vielmehr, dass der Weg zur Ärztin zu lang dauerte und damit zu teuer war. Es gab ja noch fünf Geschwister, denen eine Ausbildung zustand. So empfahl sich das Studium der Literatur, weil es nur vier Jahre beanspruchte; und während dieser Zeit konnte sich Doris sogar mit Stellvertretungen selber durch­bringen.

 

An der Uni Lausanne fiel sie ihrem Professor auf. Gilbert Guisan führte das Centre de recherches sur les lettres romandes und leitete die verheiratete Doris Jakubec auf ihr wissenschaftliches Gebiet. Da vernahm sie Stimmen, die eigenständige  Beiträge zur Entwicklung der französischen Literatur leisteten, allen voran Charles-Ferdinand Ramuz. Doch ausgerechnet diesem Grössten blieb die Aufnahme in die Pléiade verwehrt. Um in den Dichterhimmel des französischen Sprachraums zu kommen, fehlte ihm ein entscheidendes Kriterium: „Der Name muss sich gut verkaufen.“

 

Doris Jakubec gelang es, beim Verlagsdirektor einen Sinneswandel herbeizuführen, und zwar mit dem Qualitätsargument: Durch Poetisierung habe Ramuz den Roman von Realismus und Naturalismus weg in neue Dimensionen geführt, erklärte sie. Seine Geschichten würden von mehreren Instanzen erzählt, von „on“, „nous“, „je“ und „tu“, und auf diese Weise fliesse erstmals der Klang der Mündlichkeit in die französische Literatur ein.

 

Am 13. Oktober 2005 brachte Gallimard unter der Leitung von Doris Jakubec in der Pléiade alle 22 Romane von Charles-Ferdinand Ramuz heraus: 3696 Seiten in zwei Bänden. Der Verlag schlägt sich an die Brust: „Ramuz – welch ein Fall. Dass ein Autor diesen Ranges derart verkannt sein könne, übersteigt das Verständnisvermögen.“ (Ramuz – voilà un cas. Qu’un écrivain de cette dimension puisse être aussi méconnu, cela dépasse l'entendement.)

 

Das süsse Martyrium des Verkanntwerdens blieb indes auch Doris Jakubec nicht erspart. Auf die Frage, ob sie auch Feinde gehabt habe, antwortet die Emerita mit überraschender Heftigkeit: „Ja.“ Sie erwähnt den Dichter Jacques Chessex, der es ihr übelnahm, in ihren Lehrveranstaltungen nicht in dem Mass berücksichtigt zu werden, das er erwartete.

 

Was aber kann man machen, wenn einem die Sachen zuwiderlaufen? Lesen! Das hilft über manche Unbill hinweg. Demgemäss antwortete der Philologie­professor Roland Donzé, als ich das Bedauern aussprach, dass man ihn in Bern nicht Literatur unterrichten lasse, mit einer grossen Gebärde zu den Büchergestellen hin: „O wissen Sie, ich habe meine Bücher!“ (Oh vous savez, j’ai mes livres!) „Wie habe ich aufgeatmet“, fuhr er fort, „als ich meinen Lehrstuhl so organisiert hatte, dass ich fünfzig Prozent meiner Zeit fürs Lesen brauchen konnte. Nicht fürs Lesen von Fachpublikationen, nein, schlicht fürs Lesen von Literatur. Jeder Professor sollte die Hälfte seiner Zeit mit Lesen verbringen können, ohne den Nutzen für sein Fach angeben zu müssen.“ Wer möchte dem widersprechen? Der Sinn liegt ja auf der Hand. Doris Jakubec: „Die Bücher sind das Leben.“

 

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