Gaston Teuscher: Künstler.

31. Mai 1903 – 13. Juli 1986.

 

Aufgenommen am 30. März 1978 in Lausanne.

Gaston Teuscher – Association Plans Fixes

 

> Gaston Teuscher bezog schon sechs Jahre lang die Altersrente, als die Erleuchtung über ihn kam: „Es gibt geheime Verbindungen zwischen den Dingen. Sie drücken sich in Linien aus. Wer aber Linie sagt, sagt Form.“ Mit diesen Worten erklärt der der betagte Künstler seine Werke. Sie hängen in den Museen und werden als „Art brut“ gehandelt. <

 

Mit 71 Jahren entdeckte Gaston Teuscher auf herumliegendem gebrauchtem Papier eine Linie. Er nahm einen Bleistift zur Hand und fuhr ihr nach. Dabei erkannte er eine zweite Linie, die der ersten antwortete. Auch sie hob der pensionierte Lehrer mit dem Stift in die Sichtbarkeit.

 

Bei dieser halb betrachtenden, halb automatischen Tätigkeit drängten sich weitere Formen hinzu. Sie wollten alle durch den Stift zur Anschauung kommen, bis das Blatt lückenlos mit einem Gewimmel dynamisch gewellter Gesichts- und Menschenformen gefüllt war.

 

Auf diese Weise wurde Gaston Teuscher von einem Tag zum andern Künstler. Indem er dem Drang nachgab, grafisch festzuhalten, was sich vor seinem Auge abzeichnete, entstanden Tausende von Werken. „Manchmal, aber eher selten, finden sich darunter auch Tiere“, erklärt der betagte Maler in den „Plans Fixes“.

 

Kunsthäuser und Galerien begannen, die farbigen, oft mit der Flamme des Feuerzeugs patinierten Werke auszustellen. Mehrere finden sich in der Collection de l’Art Brut in Lausanne. – Gestern, 35 Jahre nach Teuschers Tod, wurde ein Bild zum Ausgangspreis von 660 Franken zur Steigerung im Netz angeboten.

 

Den Gebilden der Seher und Künder konnte Wolfgang Haubeneiser in seinem „Wörterbuch der Kunst“ 1982 nicht viel abgewinnen. Wohl führte er das Lemma an, sagte aber dazu nur: „Art brut als Bezeichnung für eine durch die Arbeiten geisteskranker Menschen angeregte Malerei von Jean Dubuffet eingeführter Begriff.“

 

Heute fasst die Kunstwissenschaft die Art brut-Werke der Laien und Eigenbrötler unter dem Begriff „mediumistische Kunst“ zusammen. Die Produkte entstehen aufgrund von Eingebungen, deren Ursachen sich dem Verstand entziehen. Zugeschrieben werden sie in der Regel spirituellen Kräften oder dem Auftrag Gottes.

 

Visionen bilden den Kern der Gebilde: „Pst, still!“, ruft Wozzeck in Alban Bergs gleichnamiger Oper zu Marie, der ledigen Mutter seines Kindes, als sie ihn fragt: „Was hast du, Franz? Du siehst so verstört?“

 

Ich hab’s heraus! Es war ein Gebild am Himmel, und alles in Glut! Ich bin vielem auf der Spur! Und jetzt! Alles finster, finster … Marie. Es war wieder was, vielleicht … Steht nicht geschrieben: „Und sieh, es ging ein Rauch auf vom Land, wie der Rauch vom Ofen.“ Es ist hinter mir hergegangen bis vor die Stadt. Was soll das werden?!

 

Das Numinose, das Wozzeck erlebt und Teuscher sieht, hat der Psychiater Klaus Conrad 1958 als „Apophänie“ diagnostiziert: „Grundloses Sehen von Verbindungen, begleitet von der besonderen Empfindung einer abnormen Bedeutsamkeit.“

 

Wozzeck: Die Schwämme! Haben Sie schon die Ringe von den Schwämmen am Boden gesehn? Linienkreise … Figuren … Wer das lesen könnte!

 

In diesem Lesenkönnen liegt indes, wie wir wissen, ein Kern der Kunst – und der Religion. Hier stehen die Bilder für etwas. Die Verbindung, die sie herstellen, kann stimmen – oder nicht. Dazu der kritische Nietzsche: „Auch der Dichter, der Künstler schiebt seinen Stimmungen und Zuständen Ursachen unter, welche durchaus nicht die wahren sind; er erinnert insofern ein älteres Menschentum und kann uns zum Verständnisse desselben verhelfen.“

 

Bei den mediumistischen Darstellungen geht es, wie Nietzsche erklärt, um die Verbindung von „Innen und Aussen in der Welt“. Dabei wird vorausgesetzt, es gebe ein „Wesen der Welt“. Die Künder und Seher „meinen, mit tiefen Gefühlen komme man tief ins Innere, nahe man sich dem Herzen der Natur. – Aber der tiefe Gedanke kann dennoch der Wahrheit sehr fern sein, ebenso wie der starke Glaube nur seine Stärke, nicht die Wahrheit des Geglaubten beweist.“

 

„Die Wahrheit des Geglaubten“ indes steht für Gaston Teuscher ausser Frage, und seine Überzeugung gibt ihm Halt. Bereitwillig erzählt er im Film von seinem Leben, seiner Eigenart und seiner Kunst. Als alleinstehender pensionierter Lehrer hat er offensichtlich „selbst die richtige Kur für sich herausgefunden“ (Ibsen).

 

In Henrik Ibsens „Wildente“ erklärt Doktor Relling: „Die Leute sind so ziemlich alle miteinander krank, leider.“ Aber weil Relling, „mein Gott“, ja schliesslich „zu meiner Schande sei’s gesagt, so ne Art Doktor sein“ soll, unterzieht er die Patienten der „üblichen Kur: Ich sorge dafür, dass das Flämmchen der Lebenslüge nicht erlischt. Denn, sehen Sie, die Lebenslüge, das ist das stimulierende Prinzip. Wenn Sie einem Durchschnittsmenschen seine Lebenslüge nehmen, so bringen Sie ihn gleichzeitig um sein Glück.“

 

Gaston Teuscher nun lebt mit seiner Lebenslüge voll im Glück. Er erfährt durch die Zeichnungen auf gebrauchtem Papier jeden Tag die Gewissheit, etwas Wichtiges und Bedeutendes zu schaffen. Und der Film zeigt: Ja, seine Tätigkeit macht ihn zu einer vollen, lebendigen, anregenden, eigenständigen, bedeutenden Persönlichkeit.

 

Wer möchte das nicht auch von sich sagen können?

 

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