François Nordmann: Diplomat.

13. Mai 1942 –

 

Aufgenommen am 27. Juli 2017 in Freiburg i.Ü.

François Nordmann – Association Plans Fixes

 

> Am Sonntag, den 3. März 1991 besuchte mich der ehemalige Rektor der Universität Bern in meiner Basler Wohnung. „Wissenschaft ist laangweilig“, klagte er, „so laangweilig!“ Nun zeigt der Film mit François Nordmann, dass die Diplomatie ebenfalls nicht mehr Pep hat – zumindest wenn der frühere Spitzenbotschafter der Eidgenossenschaft davon erzählt. <

 

Nach Abschluss des Jusstudiums und ein paar Jahren in der Freiburger Lokalpolitik trat François Nordmann mit dreissig ins eidgenössische Aussendepartment ein. Zuerst arbeitete er als Bundesratssekretär, dann als Botschafter in London und Paris sowie bei verschiedenen multinationalen Organisationen wie der Unesco. Er schüttelte Ministern und Staatspräsidenten die Hand. In der Amtszeit von Tony Blair musste er, selber Jude, das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und den Umgang mit den sogenannten Judengeldern erklären.

 

Das kommt im Porträt der „Plans Fixes“ mit dem 75-jährigen François Nordmann zur Sprache. Doch mehr nicht. Er trägt bei sommerlichen 24 Grad Aussentemperatur für die Aufnahme Veston, Hemd und Krawatte; augenscheinlich hat er den Diplomaten noch nicht abgestreift; er unterliegt, wenn man so sagen kann, weiterhin dem Amtsgeheimnis. Seine Sprache ist höflich und korrekt, aber aussagearm.

 

Daten und Namen überblickt er mit Präzision. „Das war früher!“, wirft er auf eine Frage des Interviewers ein, oder: „Das war später!“ Immerhin bezeichnet er seinen ersten Chef, den Schweizer Aussenminister > Pierre Graber, als entscheidungsfreudigen Mann. Mehr nicht.

 

Wie anders Graber selbst! Bei seinem Auftritt in den „Plans Fixes“ bietet der 78-jährige alt Bundesrat Kern auf Kern – das heisst: durchgehende Substanz. Also das Gegenteil von dem, was man gemeinhin den Politikern nachsagt. Während Pierre Graber seine Lebensbahn nacherzählt und die Umstände, unter denen er sie verfolgte, entfaltet er eine Formulierungs- und Darstellungsgabe, die aufhorchen lässt. Er braucht die Sprache nicht, wie viele Politiker, als Maske. Deshalb ist das, was er sagt, glaubhaft.

 

Bei François Nordmann dagegen ist alles, was er sagt, in diplomatische Neutralität gehüllt. Das macht seine Äusserungen laangweilig. Doch seien wir gerecht: Als Diplomat, ja sogar als Spitzenbotschafter, war er stets nur „Vertreter“. Mehr nicht. Er durfte die Begleitstimme spielen, nicht aber den Lead. Sich hervorzutun und seine Ansichten zu äussern, war ihm untersagt.

 

Das muss jemand mögen: Mit Papieren von einem Büro zum anderen zu gehen und bei den Staatsbesuchen den Gepäcktransport des Aussenministers zu organisieren. Für Werner Säuberli, den legendären Deutschlehrer am Berner Neufeldgymnasium, wäre das zu wenig gewesen. Eine Professur an der Uni bedeutete für ihn keine Verlockung:

 

Als junger Mensch war Philosophie für mich das Höchste, und ein Professor der Philosophie kam gleich nach dem lieben Gott. Doch als ich zu studieren begann, musste ich einsehen, dass ich kein Heidegger bin. Meine Begabung reichte nicht aus, um eine eigenständige Philosophie zu schaffen. Da entschied ich: „Aut Caesar – aut nihil“ [entweder Caesar oder nichts], und verzichtete darauf, ein „Auch-Professor“ zu werden.

 

François Nordmann dagegen entschied sich fürs loyale Mitmachen. Das System sorgt ja dafür, dass sich seine Mitglieder gross vorkommen können, auch wenn sie es nicht sind.

 

Theodor Fontane, selber eine Zeitlang Mitglied des preussischen Aussenministeriums, trat, zum Entsetzen seiner Frau, aus dem Dienst wieder aus (zugunsten der freien Schriftstellerei) und verzichtete, trotz Kindern, auf gesichertes Einkommen:

 

Immer die unsinnige Vorstellung, dass das Mitwirtschaften in der grossen, langweiligen und, so wie ich sie kennengelernt habe, total konfusen Maschinerie, die sich Staat nennt, eine ungeheure Ehre sei. Das „Frühlingslied“ von Uhland oder eine Strophe von Paul Gerhardt ist mehr wert als dreitausend Ministerialreskripte. Nur die ungeheure Eitelkeit der Menschen, der kindische Hang nach Glanz und falscher Ehre, das brennende Verlangen, den alten [Generalfeldmarschall] Wrangel einladen zu dürfen oder eine Frau zu haben, die Brüsseler Spitzen an der Nachtjacke trägt; nur die ganze Summe dieser Miserabilitäten verschliesst die modernen Herzen gegen die einfachsten Wahrheiten und macht sie gleichgültig gegen das, was allein ein echtes Glück verleiht: Friede und Freiheit.

 

Gleich sahen es Hugo Portisch und seine Frau Traudi. Nach dem Waldheim-Skandal trugen die Roten und die Schwarzen, also die SPÖ und die ÖVP, gemeinsam dem integren, hoch angesehenen Journalisten die österreichische Staatspräsidentschaft an, um die internationale Reputation des Landes zu flicken. Doch Portisch lehnte ab. Er wollte sich seine Denk- und Meinungsäusserungsfreiheit nicht durch das diplomatische Protokoll beschneiden lassen. Um ihn gleichwohl noch herumzukriegen, machten sich die Parteien heimlich hinter seine Frau. Aber Traudi lachte sie bloss aus: „Staatspräsident ist keine Arbeit für Erwachsene.“

 

François Nordmann indes verlässt zehn Jahre nach der Pensionierung den Rahmen der Konformität noch immer nicht. Er hat zwar, wie Fontane, „viel erlebt und gesehen“, ist aber nicht in der Lage, darüber „in eingehender, bilderreicher und espritvoller Weise zu sprechen“. Dafür müsste er, was dem Diplomaten verwehrt ist, die Staatsvertreterrolle ablegen und bekennen können: „Es ist nichts Auswendiggelerntes, nichts Schablonenhaftes an mir, ich bin ganz selbständig in Leben, Anschauung und Darstellungsart und halte mich deshalb für interessant und apart.“ Man sieht: Der Dichter, der Bleibendes geschaffen hat, hat Selbst-Bewusstsein und zeigt es:

 

Ich darf mit gutem Gewissen behaupten, dass ich von Natur offen, ehrlich, unverstellt und ein lebhaftes, unterm Einfluss der Minute stehendes Menschenkind bin. Ich habe es noch immer nicht gelernt, mich im Zaume zu halten, ich lache und weine noch im Theater, wenn die Situation komisch oder rührend ist. Ich bin noch so dumm (wenn meine Frau nicht dazwischenkommt), meinen letzten Groschen zu teilen, und ich platze auch mit einer Zweideutigkeit heraus, wenn mir gerade danach zumute ist. Ich habe hinsichtlich meiner Taten und Worte eine grosse Unbekümmertheit, und von meinen Worten möcht ich gelegentlich sagen, sie haben mich. Wenn ich nun so die Menschen um mich herum sehe, kann ich aus ihnen nicht abnehmen, dass ich gut täte, meinen alten Adam auszuziehen und mir den modernen anständigen Menschen zuzulegen.

 

Er hat recht. Wie der Film zeigt, können Konforme nicht erzählen. Wenn man sich mit ihnen austauscht, kommt man, wie Fontane, zur Feststellung:

 

Es ging noch ganz leidlich ab, trotz alledem mache ich dergleichen höchst ungern mit. Es ist eine Zeitvergeudung, und im Besonderen lernt man herzlich wenig dazu.

 

Die Laangeweile entsteht dadurch, dass sich die Konformen vor Zuspitzung und Stellungnahme scheuen, obwohl erst durch Engagement etwas Bedeutungsvolles zustandekommt.

 

Aus diesem Grund schwor Egon Friedell für die Abfassung seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ der matten Neutralität ab:

 

Kunst ist subjektive und parteiische Bevorzugung gewisser Wirklichkeitselemente vor anderen, ist Auswahl und Umstellung, Schatten- und Lichtverteilung, Auslassung und Unterstreichung, Dämpfer und Drücker. Oft wird ein ganzer Mensch durch eine einzige Handbewegung, ein ganzes Ereignis durch ein einziges Detail schärfer, einprägsamer, wesentlicher charakterisiert als durch die ausführlichste Schilderung. Kurz: die Anekdote in jederlei Sinn erscheint mir als die einzig berechtigte Kunstform der Kulturgeschichtschreibung.

 

Gleich sah es Fontane:

 

Die wahre Kenntnis einer Epoche und ihrer Menschen, worauf es doch schliesslich ankommt, entnimmt man nicht aus Akten und Staatspapieren. In sechs altenfritzischen Anekdoten steckt mehr vom Alten Fritz als in den Staatspapieren seiner Zeit.

 

In der 50-minütigen Begegnung mit den „Plans Fixes“ steht hinter François Nordmann, Botschafter in New York, Paris und London, keine einzige Anekdote. Nur Akten und Staatspapiere. Zeitvergeudung.

 

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