Marie-Christine Mikahïlo: Vom skandinavischen Grossbürgertum zum Anarchismus.

11. Oktober 1916 – 8. November 2004.

 

Aufgenommen am 3. Oktober 1995 in Lausanne.

Marie-Christine Mikhaïlo – Association Plans Fixes

 

> Das grosselterliche Haus in Lausanne beherbergte eine Pension für Söhne und Töchter wohlhabender Familien während ihres Fremdsprachen­aufenthalts. Dann beherbergte es im oberen Stock die geschiedene Marie-Christine Mikhaïlo mit ihren fünf Kindern – und im Erdgeschoss Kriegsdienstverweigerer, Algerienflüchtlinge und Anarchisten. Seit 1964 beherbergt es schliesslich das Centre international de recherches sur l’anarchisme. <

 

Marie-Christine Mikhaïlos Lebensbericht beginnt so verknäuelt wie ein russischer Roman aus dem 19. Jahrhundert: Herkunft der Familie. Verwandtschaftsverhältnisse und biographische Fragmente, angefangen mit dem Grossvater. Onkel, Tanten. Marie-Christines Mutter und ihr früh verstorbener Ehemann … Marie-Christine und ihr Mann. Die Schwiegereltern. Die fünf Kinder … Länder: Die Schweiz, Finnland, Russland, Schweden, Frankreich … Städte: Lausanne, Helsinki, Stockholm, Paris …

 

Und immer dasselbe Milieu: Grossbürgertum. Das bedeutet: Achtgeben auf den Ruf. Umgang mit den richtigen Leuten pflegen, schlechte Gesellschaft meiden. Auf gute Kleidung achten. Manieren zeigen.

 

Geteilte Rolle der Frau. Nach innen: Vorsteherin des Haushalts und Mutter der Kinder. Nach aussen: strahlende Gattin, Grande Dame. – Marie-Christine Mikhaïlos Lebensbericht erinnert an ein Drama von Ibsen: „Nora oder Ein Puppenheim“.

 

Nora: Ich spreche nicht von Widerwärtigkeiten. Ich sage nur, dass wir niemals ernst beieinander gesessen haben, um etwas gründlich zu überlegen.

Helmer: Aber liebste Nora, das wäre doch nichts für dich gewesen.

Nora: Da sind wir bei der Sache. Du hast mich nie verstanden.

Helmer: Nora, was sind das für Worte!

Nora: Ich ging aus meiner Familie in deine über. Du hast alles nach deinem Geschmack eingerichtet, und so bekam ich den selben Geschmack wie du; oder ich tat nur so; ich weiss es nicht mehr genau – vielleicht war es auch beides: bald so und bald so. Ich lebte davon, dass ich dir Kunststücke vormachte.

Helmer: Wie lächerlich und wie undankbar! Bist du hier nicht glücklich gewesen?

Nora: Nein. Das bin ich nie gewesen. Ich hab’s geglaubt, aber ich war es nie.

Helmer: Nicht – nicht glücklich?

Nora: Nein, – nur lustig. Und du warst immer so lieb zu mir. Aber unser Heim war nichts anderes als eine Spielstube. Hier war ich deine Puppenfrau ...

 

„Hier“ bedeutet im Lebensbericht von Marie-Christine Mikhaïlo die Botschaft Finnlands in Paris. Und „Nora“ trägt in Wirklichkeit den Geschlechtsnamen Söderhjelm, verheiratete Enkell. Sie ist die Frau des Botschafters. In Wirklichkeit zieht nicht sie aus dem Puppenheim, sondern er. Und nicht, weil es um Ehrlichkeit ging, sondern weil Marie-Christine die Rolle der Botschaftersgattin nicht brillant genug ausführte. „Daneben war auch noch anderes im Spiel“, sagt die 79-jährige lakonisch bei der Aufnahme ihres Porträts für die „Plans Fixes“.

 

Aus Finnland erhält sie die Scheidungsurkunde. Mit ihren fünf Kindern zieht sie nach Lausanne, ins grosselterliche Haus, und übernimmt 1956 die Leitung der Pension. Die Ehe mit einem Schweizer Arzt wird bald wieder aufgelöst. Marie-Christine will nicht darüber sprechen, und der Name des Mannes erscheint auch nicht in der Biografie, die der „Dictionnaire des anarchistes“ wiedergibt. Den vierten Familiennamen erhält Marie-Christine schliesslich vom dritten Gatten Stoyadin Mikhaïlov (später Mikhaïlo), einem anarchistischen Flüchtling aus Bulgarien.

 

Längst steht das Haus unter Beobachtung der schweizerischen Bundespolizei, denn nicht nur Studenten gehen dort aus und ein, sondern auch Kriegsdienstverweigerer und Anarchisten, darunter der spätere Europa-Abgeordnete der Grünen Daniel Cohn-Bendit und der spätere Studienleiter des Institut de stratégie comparée de Paris > Jean-Jacques Langendorf.

 

Nach der Landesverweisung des italienischen Kriegsdienstverweigerers Pietro Ferrua im Januar 1963 zügelt Marie-Christine zusammen mit ihrer Tochter Marianne Enkell dessen Bücher- und Schriftenbestände nach Lausanne und gibt ihnen im Jahr der schweizerischen Landesausstellung 1964 unter dem Namen Centre international de recherches sur l’anarchisme Heimstatt im Familienhaus. Dort findet sich das Zentrum auch heute noch, betreut von der Tochter.

 

Im Film aus dem Jahr 1995 stellt Marie-Christine Mikhaïlo, Grande Dame der Bewegung, fest: „Die Anarchisten sind die einzigen Gesellschaftsveränderer, die nicht an die Macht wollen.“ – Explosiv aber sind ihre Überlegungen immer noch, seit Henrik Ibsen in seinem „Volksfeind“ Dr. med. Thomas Stockmann erklären liess:

 

Viele Stimmen schreien: Wir wollen’s nicht hören! Schwamm drüber!

Stockmann: Ich habe gesagt, ich wollte über die grosse Entdeckung sprechen, die ich dieser Tage gemacht habe – die Entdeckung, dass die sämtlichen Quellen unseres geistigen Lebens vergiftet sind, dass unsere ganze bürgerliche Gesellschaft auf dem verpesteten Boden der Lüge steht.

Eine Stimme: Die Mehrheit hat immer das Recht auf ihrer Seite.

Eine andere Stimme: Und auch die Wahrheit; Gott verdamm mich!

Stockmann: Die Mehrheit hat nie das Recht auf ihrer Seite. Nie, sag ich! Das ist auch so eine von den konventionellen Lügen, gegen die ein freier, denkender Mensch sich empören muss. Woraus besteht denn in einem Land hat die Mehrheit der Bewohner? Aus den klugen Leuten oder aus den dummen?

Lärm und Geschrei.

Jawohl, ja; ihr könnt mich wohl niederschreien, aber ihr könnt mich nicht widerlegen. Die Mehrheit hat die Macht – leider Gottes –; aber das Recht hat sie nicht. Das Recht hat immer die Minderheit.

 

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