Sylviane Roche: Gymnasiallehrerin und Schriftstellerin.

10. Juni 1949 –

 

Aufgenommen am 5. Juli 2012 in Lausanne.

Sylviane Roche – Association Plans Fixes

 

> Wenn Sylviane Roche ihren Unterricht am Gymnasium von Nyon beschreibt, möchte man am liebsten das Wunder der Verjüngung erfahren, um in ihre Klasse sitzen und den grossen Autoren der französischen Literatur begegnen zu können, die einem aufgehen, sobald man merkt: „Tua res agitur“ (es geht um dich). Die (Ver-)Führerin kennt sich im Bezirk des kondensierten Lebens aus: Sie schreibt selber Romane. <

 

Die Begegnung mit Sylviane Roche beginnt vor einer wimmelbildartigen Wohnzimmerwand. Sie ist übersät mit schwarz umrahmten Porträtfotos. Und was zeigen die vielen Bilder? „Mich. Meine Vorfahren.“ Als Lehrerin, als Mutter und als Schriftstellerin versteht sich Sylviane Roche als Vermittlerin zwischen den Generationen, als Glied einer Kette, die aus der Vergangenheit kommt und in die Zukunft führt.

 

Im konkreten Fall reichen die Anfänge ins Elsass zurück, in die jüdische Gemeinde, die sich dort vor grauen Jahren aus dem Osten niedergelassen hat. Als die Deutschen 1870 die Region besetzten, um sie anschliessend zum Reich zu schlagen, zogen Sylviane Roches Urgrosseltern weg nach Besançon. Der Grund: „Seit uns die Republik nach der Revolution 1789 aufgenommen hat, verstehen wir uns als Franzosen.“

 

Fleiss und Erfindungsgeist brachten Wohlstand. Ein Vorfahre erfand eine Maschine, die kreisförmig nähen konnte. Die Familie liess sich in Paris nieder. Sylviane Roches Vater heiratete eine Ethnologin. Das Paar war so emanzipiert, dass die Tochter die 1968er Revolution gar nicht mitzumachen brauchte, denn sie hatte mit 19 Jahren bereits alle Freiheiten, die die andern für sich forderten, ja sie lebte schon mit dem Geliebten in New York, frisch entbunden von ihrem ersten Kind. Aus Liebe folgte sie dem Mann ihres Lebens in die Schweiz, heiratete ihn, nahm in Lausanne das Literaturstudium auf und wurde mit 29 Jahren Lehrerin für Französisch und Spanisch am Gymnasium von Nyon.

 

Die Faszination, die von Sylviane Roche ausgeht, lässt sich zusammenfassen im Begriff „Zugänglichkeit“. C. G. Jung verwendet dafür den Ausdruck „Extraversion“ und bezeichnet auf diese Weise ein „entgegenkommendes, anscheinend offenes und bereitwilliges Wesen, das sich leicht in jede gegebene Situation findet, rasch Beziehungen anknüpft und sich oft unbekümmert und vertrauensvoll in unbekannte Situationen hinauswagt unter Hintansetzung etwaiger möglicher Bedenken.“ Zugängliche Menschen sind für die andern gut lesbar. Sie zeigen immer, wo sie stehen, was sie denken und fühlen, und sie ermutigen die anderen, ihrerseits die Verhinderungen abzulegen.

 

Wie Sylviane Roche als Lehrerin ankam, kann man sich vorstellen, wenn man sich Goethes Bemerkung vor Augen hält: „Der Zugeschlossne schliesst alle zu, und der Offne öffnet, vorzüglich, wenn Superiorität in beiden ist.“ Der Unterricht von Sylviane Roche ermutigte die Schüler, die Texte der grossen Autoren in sich einzulassen und zu merken, dass in ihnen die grossen Fragen behandelt werden – also jene Bereiche, an denen jeder Mensch vorbeikommt. Goethe: „Die Geheimnisse der Lebenspfade darf und kann man nicht offenbaren; es gibt Steine des Anstosses, über die ein jeder Wanderer stolpern muss. Der Poet aber deutet auf die Stelle hin.“ Damit realisierte sich bei Sylviane Roche die Erziehung zur Literatur als Erziehung durch Literatur.

 

Ebenso offenherzig wie über sich, ihre jahrzehntelange monogame Beziehung und ihren Unterricht spricht Sylviane Roche über ihr Schreiben. Sie hatte das Glück, von den Verlegern Bertil Galland und Bernard Campiche gleich angenommen zu werden. Heute findet sie das ganz okay, wenn sie auch zugibt, dass sie der Mutter gern die Freude gemacht hätte, unter das Dach eines renommierten Pariser Verlags zu kommen und einen renommierten französischen Buchpreis zu gewinnen statt nur den Hörerpreis des Westschweizer Radios und den unbekannten Prix franco-européen. „Aber das“, sagt sie, „sind ausserliterarische Überlegungen“. Immerhin wurden ihre Bücher mehrfach übersetzt: ins Spanische, Italienische, Deutsche, Rumänische, Griechische und Albanische.

 

Ihre Erzählweise ist traditionell. „Warum das Bewährte verachten?“, fragt sie. In ihren Augen ist der gute Stil unsichtbar, lenkt nicht vom Inhalt ab. Und der Inhalt behandelt immerhin eine eminent literarische Frage: Zeit und Vergänglichkeit. Zu ihrer Darstellung nimmt Sylviane Roche gern hochbetagte männliche Protagonisten, deren Erinnerung einen grossen Zeitraum umfasst. Für sie als Autorin ist das noch gleich unproblematisch wie es für sie als Lehrerin unproblematisch war, in der Klasse Ramuz‘ „Aline“ durchzunehmen, also ein Buch, in dem ein Mann das Schicksal einer jungen ledigen Mutter schildert – und damit im übertragenen Sinne Blackfacing betreibt. Gestern war solches Erzählen noch möglich. Sensibel und klar erkannte die Leserschaft, von Leuten wie Sylviane Roche geschult, in den Geschichten das „Tua res agitur“.

 

„Und wie möchten Sie Ihren Nachkommen in Erinnerung bleiben?“, fragt Françoise Fornerod, die Interviewerin, zum Schluss. Sylviane Roche: „Als die Frau, die in der Küche sang, während sie für die Familie Clafouti und Apfelkuchen zubereitete.“

 

Selig sind die Friedfertigen.

 

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