Pierre Delèze: Beruf: Läufer.

25. August 1958 –

 

Aufgenommen am 20. Juli 1984 in St. Moritz und am 20. November 1984 in Villars-sur-Glâne.

Pierre Delèze – Association Plans Fixes

 

> Im Lauf des Films erzählt Pierre Delèze zweimal dieselbe Geschichte: Der junge Athlet befindet sich kurz vor dem Ziel, niemand kann ihm den Sieg streitig machen, doch dann verliert er, ein paar Meter vor der Linie, den Podestplatz durch Unachtsamkeit und Ungeschick. – Heute ist Pierre Delèze 63. Das Netz bleibt stumm bei der Frage, auf welche Weise er sich nach Aufgabe des „Berufs: Läufer“ im Leben durchgebracht hat. <

 

Als die Kamera der „Plans Fixes“ Pierre Delèze beim Lauftraining in St. Moritz besucht, bereitet er sich auf die Olympiade in Los Angeles vor. Das Konzept der Filmleute ist, den 26-jährigen Sportler zweimal zu befragen: Bei der Vorbereitung des Ereignisses (womöglich des Siegs) und nach der Rückkehr von den Wettkämpfen.

 

Doch nun entsteht das letzte Drittel des Films mit einer Verspätung von vier Monaten; die Kamera zeigt nicht mehr die Wiesen und Tannen der Engadiner Berge, sondern ein Wohnzimmer in Villars-sur-Glâne. Pierre Delèze sitzt auf einem Rattan-Sofa mit farbigen Kissen, und das Auge hat Mühe, ihn wiederzuerkennen. Den nervösen Kratz-Tick hat er abgelegt, gut; aber sein Gesicht ist nicht mehr hager, sondern aufgedunsen. Er wirkt älter und ein bisschen schlaff. Was ist passiert?

 

Passiert ist, dass er in der Zwischenzeit zum zweiten Mal einen sicher geglaubten Sieg verloren hat. Das erste Mal, erklärt er, sei es aus „Jugendtorheit“ geschehen. Die beiden Mitkonkurrenten sah er auf Platz 1 und 2 zulaufen, und sich selber auf Platz 3. Nichts konnte schief gehen. Da kam er auf den Einfall, den Zieleinlauf gemächlich zu nehmen. In dem Moment zischte ein Frechdachs von hinten an ihm vorbei und raubte ihm den Medaillenplatz. „Ich war selber schuld“, sagt er unsentimental. „Es war Leichtsinn. Das soll mir nie wieder passieren!“

 

Doch dann passiert es abermals. Ein paar Wochen nach der Filmaufnahme in St. Moritz rennt Pierre Delèze in Los Angeles wieder an der Spitze mit, und hinter ihm läuft wieder, abgehängt, das Feld. Der dritte Platz, mindestens, ist ihm sicher, meint er – doch da fällt er unerklärlicherweise hin, genau elf Meter vor dem Ziel, und die Olympiade ist für ihn, wie man so sagt, „gelaufen“.

 

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum immer wieder die gleiche Art von Person in Ihrem Leben auftaucht? Oder warum Sie immer wieder in dieselbe Situation geraten? Ohne es zu wissen, folgen Sie vielleicht einem Lebensskript. Wie jedes Filmdrehbuch kann auch Ihres ein Happy End haben oder in einer Katastrophe enden.

 

Mit diesen Worten stellten 1973 die Ballantine Books Eric Bernes Steadyseller vor: „Transactional Analysis in Psychotherapy“.

 

Der Autor der Skript-Theorie wurde bekannt durch die inzwischen volkstümlich gewordenen Begriffe „Winner“ und „Loser“: „Ein Winner ist jemand, der das, was er sich vorgenommen hat, auch schafft. Ein Loser ist jemand, der das, was er sich vorgenommen hat, nicht erreicht.“ Wenn sich dieses Ergebnis laufend wiederholt, erklärt Eric Berne, liegt der Verdacht auf ein Skript nahe:

 

Skripts sind darauf angelegt, ein Leben lang zu halten. Sie basieren auf Kindheitsentscheidungen und elterlichen Programmierungen, die laufend verstärkt werden. Eltern wollen, dass ihre Kinder entweder Gewinner oder Verlierer sind. Sie wollen, dass sie in der Rolle, die sie für sie gewählt haben, glücklich sind, aber sie wollen nicht, dass sie sich verändern. Nach dem Tod der Eltern sind ihre Anweisungen manchmal noch stärker als vorher.

 

Eric Berne ergänzt das Spektrum von Winners und Loosers mit der Position der Nonwinners:

 

Es gibt auch Beinahe-Gewinner, deren Skript von ihnen verlangt, sehr hart zu arbeiten, nicht, um zu gewinnen, sondern nur, um gleichmässig zu funktionieren. Dazu gehören jene Menschen, die gern „wenigstens“ sagen: „Na ja, wenigstens habe ich nicht ...“ Oder: „Wenigstens habe ich so viel, wofür ich dankbar sein kann.“ Nonwinner sind loyal, fleissig und dankbar, und neigen nicht dazu, Ärger zu machen.

 

In den „Plans Fixes“ wird das berührende Porträt von Pierre Delèze am Ende zu einem Spiegel, in dem sich die meisten wiedererkennen. Oder nicht?

 

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