Françoise Messant-Laurent: Soziologin.

12. Juni 1943 –

 

Aufgenommen am 12. Dezember 2009 in Lausanne.

Françoise Messant-Laurent – Association Plans Fixes

 

> Ein Jahr vor der Aufnahme wurde Françoise Messant-Laurent pensioniert. Heute betreut sie einmal pro Woche ihre beiden Grosskinder; daneben die Doktorandinnen, die bei ihr abschliessen möchten. Denn Françoise Messant-Laurent arbeitete am Ende ihrer Karriere als Professorin für Soziologie an der Universität Lausanne. Davor war sie mehr als zehn Jahre lang Privatdozentin, Assistentin, Doktorandin und Studentin gewesen, und zuvor – ebenfalls mehr als zehn Jahre lang – Sekretärin ohne Ambitionen. <

 

Am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern arbeiten zur Zeit 9 Männer: 1 assoziierter Forschender, 3 Doktoranden, 1 Projektmitarbeiter, 2 Hilfsassistenten und 2 Informatiker. Sie sind umgeben von 28 Frauen: 1 Professorin für Theaterwissenschaft als geschäftsführende Direktorin, 1 Professorin für Tanzwissenschaft, 1 Assistenzprofessorin Theaterwissenschaft, 1 Dozentin, 3 Assistentinnen, 10 Doktorandinnen, 5 Projektmitarbeiterinnen, 5 Hilfsassistentinnen und 1 Sekretärin.

 

Gerne wüsste man, was Françoise Messant-Laurent dazu sagt. Die Interviewerin ihres „Plans Fixes“-Porträts meint, das Ansehen von Berufen werde durch einen überproportionalen Frauenanteil entwertet. Doch die frisch pensionierte Soziologieprofessorin der Universität Lausanne weiss es besser: „Es ist nicht so, dass zuerst die Frauen kommen, und dann wird der Beruf entwertet. Es verhält sich umgekehrt: Ein Beruf verliert an Ansehen, und dann kommen die Frauen. Mein Doktorvater sagte dazu: Die Frauen steigen eine Rolltreppe hoch, die abwärts fährt.“

 

Anfänglich standen Frauenanliegen nicht auf Françoise Messants Prioritätenliste. Sie war einfach stolz, mit ihrem Sekretariatsjob Geld zu verdienen und den Freund, einen Studenten, für drei Wochen nach Sardinien in die Ferien einzuladen zu können. Zum Dank brachte er sie dann, wie man damals zu sagen pflegte, auf Abwege: Das Liebespaar zog in eine Kommune, natürlich ohne Trauschein, und Françoise bekam ein Kind.

 

Damit gestaltete sich ihr Leben so: Am Tag fuhr die ledige Mutter zur Arbeit. Der Kindesvater setzte derweil sein Jus-Studium fort und schaute zum Neugeborenen. Am Abend versammelte sich die revolutionäre marxistische Liga in der Kommunenküche, um von dort aus die trotzkistische Umgestaltung der Welt ins Werk zu setzen. In der Kampftruppe herrschte eine strenge hierarchische Ordnung, denn es ging um nichts Geringeres als die Befreiung der Arbeiter. Die Befreiung der Frau war kein Thema. Für „Die Bresche“ lieferten die Männer ihre Analysen und Aufrufe. Françoise tippte sie ab und verteilte das Organ in die Briefkästen.

 

Mit der Zeit wurde Françoise bewusst, dass vieles nicht stimmte. Die Revolution war, wie sie sah, nur ökonomisch ausgerichtet, nicht gesellschaftlich. Dass aber noch anderes zu tun sei, lernte sie durch den Beitritt zur Frauenbefreiungsbewegung MLF (Mouvement de libération des femmes). Es ging dort nicht nur um das Recht auf Arbeit, sondern auch um das Recht auf Lust; nicht bloss um die Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten, sondern um die Ausbeutung der Frau durch den Mann.

 

Und dann kam das Ereignis von aussen: Françoises jüngerer Bruder starb an Krebs. Dieser Tod stellte die Sinnfrage in ein neues Licht. Françoise begriff, dass es für sie nicht damit gemacht sei, einem grösseren Ganzen loyal zu dienen, sondern dass sie ihren Geist bis zur Selbständigkeit entwickeln müsse. Darum beschloss sie zu studieren. Doch ohne Maturität fand sie an der Universität Lausanne keine Aufnahme.

 

Am Ende verliess die Dreissigjährige das Vaterland, den Mann und den achtjährigen Sohn, um sich in England zu inskribieren. Mit einem Bachelor kehrte sie drei Jahre später in die Schweiz zurück. Aber immer noch blieb ihr die Universität Lausanne versperrt. Der Mann, mittlerweile Jurist, erzwang schliesslich durch zwei Rekurse die Aufnahme.

 

Nun begann für die zwischenzeitlich Verheiratete und Geschiedene ein neues Leben, und das bedeutete auch: neue Beziehungen mit männlichen Partnern. „Ich denke mit Dankbarkeit an die Zeit zurück, als ich regelmässig zwischen Lausanne und Paris pendelte.“ An der Universität Lausanne machte Françoise Messant-Laurent ein erstes Lizenziat, dann ein zweites. Es gelang ihr, Prozente zu ergattern: Zu 20 Prozent arbeitete sie als Assistentin. Den Rest, den sie zum Leben brauchte, verdiente sie als Institutssekretärin. Daneben entstand ihre Dissertation: Soziologie der Sekretärin.

 

Durch jahrzehntelange „teilnehmende Beobachtung“ konnte sie bei diesem Thema aus dem vollen schöpfen und gleichzeitig Neuland erobern. Denn die mittleren, dienenden Berufe waren, modebedingt, noch keiner wissenschaftlichen Beachtung für würdig befunden worden. Einmal habilitiert und mit einer Professur versehen, richtete Françoise Messant-Laurent deshalb weiterhin den Fokus auf diese Schicht. Unter ihrer Leitung entstanden arbeitssoziologische Dissertationen über die unauffälligen Hilfskräfte im Gastgewerbe, im Tourismus, im Gesundheitswesen.

 

Durch die wissenschaftliche Arbeit wurde Françoise Messant-Laurents Blickspanne erweitert. Und das Alter brachte Abklärung. Ein Jahr nach der Pensionierung verfolgt sie mit „teilnehmender Beobachtung“ die Entwicklung ihrer Grosskinder, Bub und Mädchen, acht und zehn Jahre alt. Und mit Wohlwollen begleitet sie die Dissertationen, die unter ihrer Leitung noch entstehen.

 

Unter die kleinen, aber zahllos häufigen und deshalb sehr wirkungsvollen Dinge, auf welche die Wissenschaft mehr acht zu geben hat als auf die grossen seltenen Dinge, ist auch das Wohlwollen zu rechnen; ich meine jene Äusserungen freundlicher Gesinnung im Verkehr, jenes Lächeln des Auges, jene Händedrücke, jenes Behagen, von welchem für gewöhnlich fast alles menschliche Tun umsponnen ist. Jeder Lehrer, jeder Beamte bringt diese Zutat zu dem, was für ihn Pflicht ist, hinzu; es ist die fortwährende Betätigung der Menschlichkeit, gleichsam die Wellen ihres Lichtes, in denen alles wächst; namentlich im engsten Kreise, innerhalb der Familie, grünt und blüht das Leben nur durch jenes Wohlwollen. Die Gutmütigkeit, die Freundlichkeit, die Höflichkeit des Herzens sind immerquellende Ausflüsse des unegoistischen Triebes und haben viel mächtiger an der Kultur gebaut als jene viel berühmteren Äusserungen desselben, die man Mitleiden, Barmherzigkeit und Aufopferung nennt. Aber man pflegt sie geringzuschätzen, und in der Tat: Es ist nicht gerade viel Unegoistisches daran. Die Summe dieser geringen Dosen ist trotzdem gewaltig, ihre gesamte Kraft gehört zu den stärksten Kräften. – Ebenso findet man viel mehr Glück in der Welt als trübe Augen sehen: wenn man nämlich richtig rechnet und nur alle jene Momente des Behagens, an welchen jeder Tag in jedem, auch dem bedrängtesten Menschenleben reich ist, nicht vergisst.

 

Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches.

 

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