Anne Richard: Vermittlerin von Emotionen.

12. Oktober 1968 –

 

Aufgenommen am 16. November 2018 in Corcelles-le-Jorat.

Anne Richard – Association Plans Fixes

 

> Interviewer Charles Sigel braucht Anne Richard nur anzuschubsen, und schon gibt sie gutwillig Auskunft über sich, ihre Lage und Tätigkeit. Sie spürt dabei den feinsten Regungen nach. Denn Anne Richard ist Schauspielerin. Ihr Beruf besteht darin, Inneres nach aussen zu bringen. Aus diesem Grund bleibt ihr, der Kunst geschuldet, nichts Menschliches fremd. <

 

Schon als Kind habe sie Schauspielerin werden wollen, erzählt Anne Richard. Ab acht Jahren sei ihr das klar gewesen. Sie habe auch gewusst, wo sie auftreten werde: nämlich in Paris, im Théâtre de l’Odéon. Und warum? Weil ihr der Name gefiel. Sonst wusste sie nichts von der Stadt; nichts vom Haus; und nichts von der Schauspielkunst. Denn aufgewachsen ist sie in Lausanne. Also weit weg vom Schuss.

 

Rückblickend denkt sie, dass sie es gerade dieser Naivität verdankt, ihren Platz erobert zu haben. Hätte sie gewusst, wie schwierig es ist, sich in der Szene zu behaupten; hätte sie gewusst, worauf es ankommt, dass man ankommt; und hätte sie gewusst, was man dabei auf gar keinen Fall machen darf – es hätte sie gelähmt, verwirrt, vom Ziel abgebracht.

 

Aus diesem Grund kommt ja K., die Hauptfigur in Franz Kafkas grossem Roman „Das Schloss“ nicht ans Ziel. Das Schloss bleibt K. verschlossen, und der Roman bleibt – folgerichtig – Fragment. Er endet mit dem Satz: „… vielleicht lasse ich dich holen.“

 

In ihrer grossen Kafka-Monographie „Denken als Verdacht“ erklärt Margret Walter-Schneider: „Die typische Kafkafigur ist nicht imstande zu glauben, zumal nicht an das, was in irgendeiner Weise mit ihr zusammenhängt. Weil ihr das Bewusstsein des eigenen Wertes fehlt, so ist für sie alles wertlos, was in ihrer Phantasie seinen Grund hat.“

 

Ohne Glauben an die Dinge, an sich und an seine Phantasie jedoch kommt man nicht durch die Welt. Und schon gar nicht zum Ziel. – Diese Tatsache bildet das Fundament der Philosophie von Goethes Jugendfreund Friedrich Heinrich Jacobi. „Jacobi ist heute nahezu vergessen“, schreibt Egon Friedell in seiner „Kultur­geschichte der Neuzeit“, „und doch gibt es kaum eine tröstlichere, menschlichere, ja man muss sogar sagen: wahrere Philosophie als die seine.“ – Friedell führt aus:

 

Dass Dinge ausser uns existieren, können wir niemals mit dem Verstand beweisen, vielmehr erlangen wir die Gewissheit hierüber nur durch einen unmittelbaren ursprünglichen Glauben. Mit unserer Erkenntnis können wir das wirkliche Dasein nie erfassen; was wir durch sie ergreifen, ist niemals der Gegenstand selber, sondern immer nur unsere Vorstellung von ihm. Dass wir die Gegenstände gleichwohl wahrnehmen, nämlich im buchstäblichen Sinne des Wortes für wahr nehmen, ist eine unabweisbare, unerklärliche und daher wahrhaft wunderbare Tatsache.

 

Zu allem brauchen wir Glauben, zu jeder einfachsten Betätigung. Von diesem Glauben leben wir. Der Schuster, der nicht an seine Tätigkeit und deren Objekt von Herzen glaubt, wird niemals ein rechtes Paar Stiefel zusammenbringen. In dem Augenblick, wo wir von den Dingen unseren Glauben an sie abziehen, fallen sie in nichts zusammen wie Zunder; in dem Augenblick, wo wir an sie glauben, sind sie da, wirklich, unangreifbar, unzerstörbar, ja bis zu einem gewissen Grade unsterblich.

 

So verhält es sich auch, Margret Walter-Schneider zufolge, in Kafkas Erzählung „Das Schweigen der Sirenen“ mit Odysseus:

 

„Um sich vor den Sirenen zu bewahren, stopfte sich Odysseus Wachs in die Ohren und liess sich am Mast festschmieden. Ähnliches hätten natürlich seit jeher alle Reisenden tun können, aber es war in der ganzen Welt bekannt, dass dies unmöglich helfen konnte.“ Weil Odysseus nicht eingeht auf das, was der ganzen Welt bekannt ist und was die ganze Welt glaubt („daran dachte Odysseus nicht“), deshalb kann das Unglück, das alle Welt fürchtet, nicht über ihn kommen. Vom Standpunkt der ganzen Welt aus gesehen, muss Odysseus, der sich mit Hilfe lächerlicher Wachspfropfen vor einer ungeheuren Gefahr zu bewahren versucht, dumm wirken.

 

Doch weil Odysseus auf sein Mittelchen vertraut, weil er zu glauben vermag, dass es ihm helfen wird, aus diesem Grunde wird er gerettet; nicht weil das Mittel, das er zur Rettung anwendet, ein geeignetes ist. Er vermag daran zu glauben, weil er an nichts anderes denkt als an sein Mittelchen: („Odysseus, der an nichts anderes als an das Wachs und die Ketten dachte“), weil er vor allem nicht an das denkt, was die Welt von den Sirenen sagt, („Der Sang der Sirenen durchdrang alles, und die Leidenschaft der Verführten hätte mehr als Ketten und Mast gesprengt. Daran aber dachte Odysseus nicht, obwohl er davon vielleicht gehört hatte.“). Das Mittel selber nennt Kafka „unzulänglich“ („Beweis dessen, dass auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen können.“).

 

Und so – mit „kindischem“ Glauben und „unzulänglichen“ Mitteln – brachte es Anne Richard mit 19 Jahren von Lausanne nach Paris, ins Théâtre de l’Odéon, und zum Film. Dort verkörperte sie 17 Jahre lang, von 1999 bis 2016, auf France 2 in Langspielfilmen, die zur Kultserie „Boulevard du Palais“ auswuchsen, die Richterin Nadia Linz. – Doch dieser Erfolg hat sie als Schauspielerin abgestempelt. Heute nun lernt sie die Angst kennen: Vor dem schweigenden Telefon, vor dem Vergessenwerden, vor dem Ausbleiben von Angeboten. Und zum naiven Kinderglauben der Unverwundbarkeit findet sie, aus entwicklungspsychologischen Günden, natürlich nicht mehr zurück.

 

Im Gespräch mit den „Plans Fixes“ erklärt sie, wie entscheidend das Netzwerk ist: „Darum sitzen die Film- und Theaterleute immer zusammen. Es ist wichtig, an allen Premieren sein Gesicht zu zeigen, sonst wird man vergessen.“ Für Anne Richard braucht das Überwindung. Denn im Grunde ihres Herzens ist sie ein scheues Mädchen geblieben. Nur beim Spielen fühlt sie sich frei, kann sich entfalten. Aber im Leben?

 

Es gibt für Künstler nichts Schlimmeres als die beschäftigungslose Leere. Viele haben sie durchlitten; sogar der grosse Schweizer Theatermann Kurt Josef Schildknecht, Oberregisseur am Grazer Schauspielhaus und Hausregisseur am Theater in der Josefstadt. Als er nach zehn Spielzeiten merkte, dass ihm sein Wirken wohl einen „Ruf“ geschaffen, nicht aber einen eingetragen habe, setzte er auf Heiner Müllers Wort: „Damit etwas kommt, muss etwas gehen“, und kündigte seinen Vertrag. Er fiel – zu seiner Überraschung – in ein Loch: Kein Mensch rief an. Kein Angebot traf ein. Niemand wollte etwas von ihm. Ein Jahr lang dauerte die Stille. Dann wurde ihm, der stets darauf gehofft hatte, dass man sich in der Schweiz an ihn erinnern würde, die Generalintendanz des Saarländischen Staatstheaters angeboten. Kurt Josef Schildknecht griff zu. Ein wenig erinnert diese Geschichte an die Freundschaft zwischen Gide und Valéry: Als sich die beiden nach einem Gespräch – „wir sind beide bewegt“ – verabschieden und feststellen, dass sie so lange schon Freunde sind, entfährt Valéry der Satz: „Wir haben ja keine besseren gefunden!“

 

Manche Künstler finden ab fünfzig nichts Einträgliches mehr, nicht einmal eine Generalintendanz. Die Hochschulen für darstellende Künste sind deshalb voll von Professoren, die sich ins Unterrichten geflüchtet haben. Sie sind die Glücklichen. Wo aber die zahllosen andern geblieben sind, weiss nur der liebe Gott (und die „freie“ Szene).

 

Anne Richard, geboren am 12. Oktober 1968 in Lausanne, ist heute 52. Sie ist frei für Angebote. Immerhin meldet ihre Agentur: „Zur Zeit auf Schauspieltournee“. Man reibt sich die Augen: Wie ist das möglich in Pandemiezeiten?

 

Ach, der achtzigjährige Goethe hatte recht: „Prüfungen erwarte bis zuletzt.“ Das Leid der Künstler ist heute noch nicht ausgestanden. Anderseits endet „Das Schloss“ mit dem Satz: „… vielleicht lasse ich dich holen.“ Orandum est, ut sit ... Beten wir, dass es so sei!

 

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