Jacques Piccard: Ozeanograph.

28. Juli 1922 – 1. November 2008.

 

Aufgenommen am 8. November 1997 in Cully.

Jacques Piccard – Association Plans Fixes

 

> Jacques Piccard gehört zur Sorte der überlegenen Macher. Sie sind weit seltener als die herkömmlichen, bringen aber – weil das Überlegen vor dem Machen kommt – auch weitaus Bemerkenswerteres zustande. 1960 tauchte Jacques Piccard zusammen mit dem amerikanischen Marineleutnant Don Walsh im Marianengraben in eine Tiefe von 10’916 Metern. Bis heute ein Rekord. Aber in Wirklichkeit ging es um Höheres. <

 

Wer es mit der Ausbildung von Fachhochschul-Ingenieuren und -Architekten zu tun hat, merkt bald, dass die meisten Studenten zur Sorte der herkömm­lichen Macher gehören. Sie werfen sich mit Eifer auf die vorgelegte Aufgabe und fangen gleich an zu rechnen oder zu zeichnen oder zu modellieren, so wie sie sich als Buben im Sandkasten oder in der Kita auf die Baumaschinen stürzten und ungesäumt zu hantieren begannen: „Brrrr, brrrr.“

 

Legt man ihnen den Test von Stefanie Stahl und Melanie Alt vor, zeigt sich, dass sie zum Typ der Pragmatiker gehören: „Gesunder Menschenverstand“, Genauigkeit und Faktenwissen gehören zu ihren Lieblingswerten. Sie interessieren sich für das, was machbar ist. Abstrakte und theoretische Diskussionen ermüden und langweilen sie schnell. Da sie sich gern auf ihre Erfahrung verlassen, bevorzugen sie konventionelle Wege, die sich bewährt haben. Sie haben eine starke Arbeitsmoral und klare Grundsätze. Was sie anpacken, wird zu Ende gebracht, und wenn sie eine Zusage machen, kann man sich hundertprozentig auf sie verlassen. Neuem stehen sie eher skeptisch gegenüber.

 

Was den herkömmlichen Machern fehlt, ist die Überlegung. Sie schneiden gut ab bei den Punkten „Motivation“, „Ruhe und Selbstbewusstsein“, sind aber schwach bei „Prioritäten setzen“ und „Wesentliches erkennen“. Der Test von Christoph Metzger, der die zehn wichtigsten Eigenschaften abfragt, die für ein Hochschulstudium nötig sind, weist nach, dass die herkömmlichen Macher schlechte „Prüfungsstrategien“ haben.

 

Ohne diese Hintergründe zu kennen, kam Professor Martin Stolz, der zum Typ der Experimentierer gehört, auf den Gedanken, fürs Fach Bodenmechanik eine neuartige Prüfung zu entwickeln. Sie bestand aus sechs Fragen. Jede baute auf der früheren auf. Die sechste Frage stand auf der Rückseite des Blatts. Wer sie erreichte, sah, dass er die fünf vorangehenden Schritte überspringen konnte.

 

Nun wurde das Blatt ausgeteilt. Die Studenten begannen zu rechnen. Nach einer Stunde kehrten die ersten die Seite um. Da kam eine Unruhe auf, wie sie der beliebte Professor noch nie erlebt hatte. Die Studenten schrien, sie seien hereingelegt worden, das Verfahren sei nicht fair. Die Prüfung musste annulliert werden. „Und dabei“, murmelte Martin Stolz ernüchtert, „wollte ich doch nur die belohnen, die zuerst alle Fragen lesen, bevor sie zu arbeiten beginnen.“

 

Den überlegenen Machern bleibt diese Frustration erspart. Bevor sie zu arbeiten beginnen, überlegen sie sich zuerst alle Fragen. Das tritt aus dem Porträt hervor, das die „Plans Fixes“ vom Tiefseeforscher Jacques Piccard übermitteln. Jacques, geboren am 28. Juli 1922 in Brüssel, war der Sohn von Auguste, geboren am 28. Januar 1884 in Basel. Im Geburtsjahr von Jacques war die Familie nach Belgien gezogen, wo der Vater als Professor der Physik das Projekt umsetzen konnte, das ihm die ETHZ verweigert hatte: Erfor­schung der Stratosphäre. Mit dem Assistenten Paul Kipfer unternahm er 1931 von Augsburg aus den ersten Stratosphärenflug mit einem Ballon. Er erreichte eine Höhe von 15’781 m. (Das Jahr darauf von Zürich aus 16’940 m.)

 

Der Flug in die Stratosphäre sollte beweisen, dass der Mensch dort überleben könne. Und mit diesem Ergebnis liess sich der Flugverkehr verbessern: In der Höhe, wo die Luft weniger dicht ist, kommen die Flugzeuge schneller voran und brauchen weniger Energie. In diesem Nachweis lag der Sinn des Experiments.

 

Anschaulich schildert der Sohn im Film das Abenteuer, das er mit Mutter und Geschwistern von der Erde aus verfolgte. Bei unruhigem Wetter hatte sich der Ballon losgerissen und ein letztes Seil mit sich in die Höhe gezogen. Es verhedderte sich im Ventil. Es war nun nicht mehr möglich, die Tiefe wiederzugewinnen. Die Forscher blieben länger als vorgesehen oben. Die Welt gab sie verloren. Doch der Professor in der Kapsel blieb ruhig: „Jeder Ballon kommt wieder herunter. Wir müssen jetzt nur unseren Sauerstoff schonen, nicht mehr sprechen und flach atmen.“

 

Ein ähnliches Abenteuer durchleben Tim und Struppi, nicht in der Strato­sphäre freilich, sondern in der Meerestiefe. Bei der Suche nach dem Schatz Rackhams des Roten verwickelt sich die Schraube ihres U-Boots in den Algen. Auf dem Deckel des Albums ist die dramatische Situation abgebildet. Im Inneren des Bandes sieht man, wie der geniale Erfinder des Forschungs­geräts von einem Boot aus die Situation verfolgt: Es ist Professor Bienlein. Das Vorbild zu ihm fand Hergé in Auguste Piccard. Die gezeichnete Gestalt gleicht der photo­graphierten wie ein Ei dem andern.

 

In der physikalischen Wirklichkeit kam Bienlein, pardon: Auguste, zum ersten Mal 1953 in die Tiefe des Meeresgrunds. Begleitet wurde er nicht von Struppi, sondern von Jacques, dem Sohn und Mitarbeiter. „Trieste“ hiess der Batyskaph, den die beiden gebaut hatten: „Eigentlich ein Ballon, mit dem man in die Tiefe tauchen kann“, erklärt Jacques. Nachdem das Gefährt seine Tauglichkeit bewiesen hatte, kam es sieben Jahre später für die US-Marine im Marianengraben zum Einsatz. „Als Begleiter hatte ich einen Offizier in Uniform“, erzählt der Tiefseeforscher. Die beiden sollten den Beweis erbringen, dass dort unten kein Leben vorhanden sei. Doch der Lichtstrahl fiel auf einen flachen Fisch, der sich gemächlich dem Grund entlang bewegte.

 

Jacques Piccard: „Damit war klar: In 10’000 Metern Tiefe gibt es Sauerstoff. Denn Leben ohne Sauerstoff ist nicht möglich. Dieser Sauerstoff muss von oben kommen. Also gibt es einen Austausch. Das Wasser von oben kommt nach unten, und das Wasser von unten steigt auf. Also ist es nicht möglich, radioaktive Abfälle im Meer zu deponieren, wie sich das die USA gewünscht hätten.“ Auch bei Jacques war das Tauchen und Tüfteln und Rekorde­erreichen also nicht Selbstzweck, so wenig wie bei Auguste – und so wenig wie bei Bertrand, Jacques’ Sohn, dem Solarflugzeugpionnier, den man nicht vorzustellen braucht.

 

Als überlegene Macher haben die Piccards, Grossvater, Sohn und Enkel, ihre Aktivitäten stets in einen grösseren Kontext gestellt. 1973 forderte Jacques die Abkehr von der fossilen Energie. „Wesentliches erkennen.“

 

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