Hugues Cuénod: Sänger.

26. Juni 1902 – 6. Dezember 2010.

 

Aufgenommen am 23. Juni 1984 in Vevey.

Hugues Cuénod – Association Plans Fixes

 

> Ein 82-jähriger Mann von bemerkenswert jugendlicher Ausstrahlung erzählt von seinem Unterricht mit jungen Sängern. Er hat noch eine schönes Stück Leben vor sich: Erst drei Jahre nach der Aufnahme für die „Plans Fixes" wird er mit 85 ein letztes Mal auf der Bühne stehen: als Kaiser in „Turandot“ von Puccini in der Metropolitan Opera New York. Dann wird er am Genfersee winters im Familienhaus an der Place du Marché von Vevey und sommers im Schloss von Lully, das ihm gehört, die Tage verbringen, bis er am 6. Dezember 2010 im Alter von 108 Jahren das Zeitliche segnen wird. <

 

Beim Anblick von Hugues Cunéod, der frisch und alert in hellem Kleid mit lockerer Haltung über seine Karriere als Sänger plaudert, denkt der analytisch geschulte Betrachter unwillkürlich an den von C. G. Jung geprägten Begriff des „ewigen Jünglings“ (puer aeternus). Das „Wörterbuch der Psychotherapie“ definiert ihn so:

 

Es handelt sich um Männer mit betontem → Mutterkomplex, die sich oft durch → Fantasie und → Kreativität, eine Art genialische Unangepasstheit, durch Angst vor Bindung und Verantwortung auszeichnen. Sie wollen mit der sogenannten Realität des Lebens nicht zu fest in Berührung kommen, ziehen ein nomadisches Leben den Verpflichtungen etablierter Lebensformen vor.

 

Und in der Tat: Erst an seinem 105. Geburtstag, also am 26. Juni 2007, lässt Hugues Cunéod seine Partnerschaft mit Alfred Augustin, dem Gefährten der letzten 25 Jahre, eintragen. Vorher spazierte der Sänger quer durch die Welt. Von Vevey aus an die Konservatorien von Lausanne und Genf, dann nach Basel zur Ausbildung an der Schola Cantorum und schliesslich ins Wien der 1920er Jahre. Dort zog die Gesangslehrerin die Stimme des Zwanzigjährigen nach oben, und aus dem leichten Bariton wurde ein Tenor. „Das war ein Fehler“, stellt Hugues Cunéod im Film nachträglich fest. „Die Höhe bewältigte ich immer nur mit technischen Tricks.“

 

Aber mit der Tenorstimme begann die Karriere. Sie brachte Hugues Cunéod nach Paris in die Operette und von dort aus ins leichte Genre von London und New York. Dann führte ihn das Geschick ins Oratorium: „Man singt Bach ganz anders, wenn man von der Operette herkommt.“ Erst dann, deutet Cunéod an, ermesse man seine Heiligkeit und seinen Ernst. Der Oratoriensänger erarbeitet sich nun, angeleitet von Nadja Boulanger, die alte Musik, und unter Leitung der Komponisten Arthur Honegger und Igor Strawinsky die Musik seiner Zeit.

 

Dann erfolgt von Venedig aus der internationale Durchbruch. Unter dem Dirigat des Komponisten singt der Fünfzigjährige in der Fenice die Titelrolle von Strawinskys „Oedipus Rex“. Daraufhin wird er eingeladen, die Partie in Covent Garden und an der Scala zu geben. Ab jetzt bewegt er sich nur noch in der Liga dieser Häuser. Anvertraut werden ihm die ersten Nebenrollen; und sie machen ihn glücklich: „Lieber in New York eine erste Nebenrolle als in Burgdorf die Hauptrolle“, erklärt Hugues Cunéod. (Offensichtlich ist ihm das Casino-Theater der Emmestadt bekannt …)

 

Glyndebourne, das ihn regelmässig beschäftigt, führt ihn auf den Gipfel der Alterskarriere, indem es die sogenannten Vignetten in seine Hände legt. Vignetten sind Partien, die eine einzige Arie umfassen: „Sieben, acht Minuten steht man allein im Scheinwerferlicht, und die ganze Aufmerksamkeit fliesst einem zu. Das ist etwas anderes als eine Rolle, die im ersten Akt drei Sätze zu sagen hat, im zweiten vier, und im dritten zwei.“

 

Der Gesangslehrer in „Eugen Onegin“, Monsieur Triquet, gehört zum Genre der Vignetten. Als der 84-jährige Hugues Cunéod an der Premiere vom 10. September 1986 mit dieser Partie im Grand Théâtre de Genève auftritt (musikalische Leitung: Hartmut Haenchen, Inszenierung: Johannes Schaaf), dauert der Applaus fast so lang wie die Arie selbst. Und der Kritiker Jean-Jacques Roth spricht in der „Tribune de Genève“ von „altersloser Feinheit“ (subtilité sans âge).

 

Bemerkenswert an Hugues Cunéods Interpretation ist nicht nur die helle, sicher geführte, vibratolose Stimme, sondern die stupende Textverständ­lichkeit. Die ist ihm wichtig, und auf ihr reitet er als Lehrer herum: „Die jungen Sänger sind verliebt in ihre Stimme. Sie verstehen aber meist nicht, was sie singen. Sie nehmen weder den Sinn der Wörter wahr, noch dass da ein Komma steht und da ein Punkt.“ Hugues Cunéod aber leitet sie an, zu den Stimmübungen die Tageszeitung aufzuschlagen: „Statt ua-ua-ua zu singen, sollen sie lernen, die Töne zu bilden, indem sie den Artikel vorlesen, der berichtet, wie die Hausmeisterin ihren Mann umgebracht hat. Ich verlange gestochen scharfe Silben, ohne das Legato zu vernachlässigen.“ Da liegt die Kunst. Hugues Cunéod beherrscht sie.

 

Es ist für ihn eben alles wichtig, nicht nur die Musik. Wer nur Musik kennt, versteht auch von dieser nichts (→ Fantasie, → Kreativität, → genialische Unangepasstheit …). „Nur Sänger“, bekennt Hugues Cunéod, „wäre für mich kein Leben“. Dazu blickt er sich um. Und an dieser Stelle mündet der Film in eine Situation, wie sie Nikolai Gogol in den „Toten Seelen“ beschrieben hat:

 

Es pflegt ja bei Zwiegesprächen oft vorzukommen, dass der eine der beiden Partner sich plötzlich aus unbekannten Gründen nicht an den anderen wendet, für den seine Worte bestimmt sind, sondern an irgendeine zufällig eingetretene, vielleicht sogar ganz unbekannte dritte Person, von der weder eine Antwort noch eine Meinungsäusserung, geschweige denn eine Zustimmung zu erwarten ist. Dennoch fixiert der Sprecher diesen völlig unbeteiligten Aussenseiter so scharf, als beabsichtige er, ihn sogleich als Schiedsrichter oder Vermittler in Anspruch zu nehmen, was den Fremden natürlich unsicher macht, im Zweifel darüber, ob er anstandshalber noch ein wenig herumstehen soll, bevor er sich wieder zurückzieht.

 

Im Fall von Hugues Cunéod ist die Sache klar: Die Aufnahme ist fertig. Was es mit dem angesprochenen Unbekannten auf sich hat, geht uns nichts an. Wir müssen uns zurückziehen. Zur Situation sagt das elfte Gebot: „Du sollst nicht vermuten.“

 

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