Jacques Neirynck: Professor, Schriftsteller und Politiker.

17. August 1931 –

 

Aufgenommen am 28. August 2006 in Ecublens.

Jacques Neirynck – Association Plans Fixes

 

> Man könnte meinen, Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) sei Jacques Neirynck (*1931) begegnet. Immerhin waren die beiden ja Physikprofessoren; der eine an der Universität Göttingen, der andere an der ETH Lausanne. In Göttingen nun schrieb der ältere in seine Notizhefte: „Ich habe einen Mann von grossen Talenten gekannt, dessen ganzes Meinungensystem sowie sein Möbelvorrat sich durch eine besondere Ordnung und Brauchbarkeit unterschied; er nahm nichts in sein Haus auf, wovon er nicht den Nutzen deutlich sah; etwas anzuschaffen, bloss weil es andere Leute hatten, war ihm unmöglich.“ Wer Jacques Neirynck in den „Plans Fixes“ begegnet, wird den Verdacht nicht los, Lichtenberg habe von ihm gesprochen. <

 

Die Eigenständigkeit von Jacques Neirynck zeigt sich schon beim ersten Satz. Von Pascal Décaillet gefragt, was ihm Belgien bedeute, wo er aufgewachsen ist, antwortet er: „Nichts.“ Der Professor der Elektrizitätslehre, insbesondere der Netzwerke und Systeme, dessen Fach fraglos zu den „exakten“ Wissenschaften zählt, führt aus, Belgien sei eine Konstruktion der europäischen Mächte, die am Wiener Kongress zwei Völker zusammen­gebracht hätten, die nichts miteinander verbinde. Der Staat sei gleich künstlich wie die Tschechoslowakei (auseinandergebrochen 1992) und Jugoslawien (auseinandergebrochen 2003). Nun hoffe er, Neirynck, auf ein autonomes Flandern, von dem seine Familie herstamme.

 

Gleich eigenständig – und das heisst auch: gleich ehrlich – gibt Jacques Neirynck Auskunft, wie er den Einmarsch der Deutschen erlebt hat: „Fröhlich.“ Er war zu dem Zeitpunkt acht Jahre alt. Die Truppen der Wehrmacht beeindruckten ihn durch ihren Schmiss, ihre Sauberkeit und ihre gute Laune. „Weil der Krieg ausgebrochen war“, erzählt Jacques Neirynck weiter, „funktionierte nichts mehr, kein Gas, kein Strom. Der Grossvater zerkleinerte im Hof Holzkistchen, zündete sie an und bereitete uns auf dem Feuer heisse Schokolade zu.“ Dieses Erlebnis markierte für Jacques die Erinnerung an die belgische Kapitulation.

 

Zwei weitere Jahre lebte er unbelastet vor sich hin; dann tauchten eines Tages zwei Gestapo-Männer in seiner Klasse auf und nahmen zwei Mitschüler heraus. Am selben Tag verschwanden auch zwei Lehrer. Von da an datiert Jacques Neiryncks politische Haltung: Sie richtet sich gegen Totalitarismus, Knechtschaft und Populismus.

 

Ich habe sehr oft schon darüber nachgedacht, worin sich eigentlich das grosse Genie von dem gemeinen Haufen unterscheidet. Hier sind einige Bemerkungen, die ich gemacht habe. Der gewöhnliche Kopf ist immer der herrschenden Meinung und der herrschenden Mode konform, er hält den Zustand, in dem sich alles jetzt befindet, für den einzig möglichen und verhält sich leidend [passiv] bei allem. Ihm fällt nicht ein, dass alles, von der Form der Möbel bis zur feinsten Hypothese hinauf, in dem grossen Rat der Menschen beschlossen werde, dessen Mitglied er ist. Er trägt dünne Sohlen an seinen Schuhen, wenn ihm gleich die spitzen Steine die Füsse wunddrücken, er lässt die Schuhschnallen sich durch die Mode bis an die Zehen rücken, wenn ihm gleich der Schuh öfters steckenbleibt. Er denkt nicht daran, dass die Form des Schuhs so gut von ihm abhängt, als von dem Narren, der sie auf elendem Pflaster zuerst dünne trug. Dem grossen Genie fällt überall ein: könnte auch dieses nicht falsch sein? Es gibt seine Stimme nie ohne Überlegung. Ich habe einen Mann von grossen Talenten gekannt, dessen ganzes Meinungensystem sowie sein Möbelvorrat sich durch eine besondere Ordnung und Brauchbarkeit unterschied; er nahm nichts in sein Haus auf, wovon er nicht den Nutzen deutlich sah; etwas anzuschaffen, bloss weil es andere Leute hatten, war ihm unmöglich. Er dachte, so hat man ohne mich beschlossen, dass es sein soll, vielleicht hätte man anders beschlossen, wenn ich mit dabei gewesen wäre. Dank sei diesen Männern, dass sie zuweilen wenigstens wieder einmal schütteln, wenn es sich setzen will, wozu unsere Welt noch zu jung ist.

 

Georg Christoph Lichtenberg.

 

Mit 26 kam Jacques Neirynck für sechs Jahre als Professor an die Universität Lovanium in Leopoldville (heute Kinshasa). Das Land war damals noch belgische Kolonie. „Und wie ging es Ihnen dort?“, fragt Pascal Décaillet. „Wie ‚Tintin au Congo‘ [Band 2 der „Aventures de Tintin et Milou“ von Hergé, herausgekommen 1946]. Ich war der erste Mensch in Afrika, der Elektrizitätslehre vortrug. Es gab keine zuführenden Schulen. Ich baute den Unterricht von unten her auf und lebte in der besten aller Welten.“

 

Nach neun Jahren in Brüssel bei der Forschung von Philips wurde Jacques Neirynck mit 41 ordentlicher Professor für Netzwerke und Systeme an der ETH Lausanne (bis 1996, wo er die Altersgrenze von 65 Jahren erreichte). Längst war er schon in der europäischen Konsumentenbewegung aktiv (seit 1963). In dieser Rolle trat er auch in den Konsumentensendungen des Westschweizer Fernsehens auf. Mit seiner Bekanntheit wurde er von den Waadtländern auf der Liste der christlichen Volkspartei CVP für drei Legislaturen in den Schweizer Nationalrat geschickt: von 1999 bis 2003 und von 2007 bis 2015.

 

Zeitlebens verstand sich Jacques Neirynck auch als Schriftsteller, gleich wie Lichtenberg. Sein Roman „Die letzten Tage des Vatikan“ war von 35 Verlagen abgelehnt worden. Doch als er endlich erschien, erreichte er mehrere hunderttausend Leser in einem halben Dutzend Sprachen. Das Buch ist heute noch bei Rowohlt im Sortiment und hat 396 Seiten:

 

Theo de Fully ist mit Leib und Seele Physiker. Mit seiner einzigartigen Methode soll er die Echtheit des Turiner Grabtuchs bestimmen. Doch das Ergebnis sorgt für Hektik und Verstörung. Um seine These zu belegen, macht Theo sich auf, das Heilige Grab zu suchen. Als er ein Skelett findet, auf das die Umrisse des Grabtuchs zutreffen, ist die Aufregung gross. Ist Jesus gar nicht auferstanden? Doch de Fully ahnt, dass er noch weiter forschen muss ...

 

Eine mitreissende Geschichte um eine der rätselhaftesten Reliquien der katholischen Kirche: das Grabtuch von Turin.

 

Obzwar praktizierender Katholik, meint Jacques Neirynck, man könne das Dogma schon lange nicht mehr wörtlich nehmen: „Aufgefahren zum Himmel, sitzend zur Rechten Gottes“. Für ihn sind das heidnische, überholte Vorstellungen. Längst fällig sind dafür die Frauenordination, die Dezentralisierung der Kirche und die Wahl der Bischöfe durch die Gläubigen. „Warum sind Sie nicht zum Protestantismus übergetreten?“, fragt Pascal Décaillet. „Dort finden Sie, was Sie fordern.“ „Stimmt. Für einen, der das Waadtländer Bürgerrecht angenommen hat, würde das naheliegen.“ Doch im Weg steht Jacques Neirynck die Herkunft: Die Verbindung mit der Familie und den Ahnen. „So einfach ist das. Wäre ich als Moslem aufgewachsen, wäre ich heute Moslem. Und als Kind von Protestanten Protestant.“

 

So ist es. „Gewöhne deinen Verstand zum Zweifel und dein Herz zur Verträglichkeit“, schrieb Lichtenberg. Und Panaït Istrati, der „Gorki des Balkans“:

 

Ich habe die charakteristischsten Teile unserer Stadt kennengelernt: die Quartiere der Russen, der Juden, der Griechen und der Zigeuner. Aber meine Mutter, die alle Farben gesehen hatte, pflegte zu sagen: „Die Völker beten auf viele Weisen zu Gott, doch sie verhöhnen ihn alle auf die gleiche Art.“

 

So ist es.

 

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