Suzanne Chapuis-Rollier: Rhythmen und Sonne.

20. Juni 1917 – 2. August 2012.

 

Aufgenommen am 7. Dezember 2004 in Leysin.

Suzanne Chapuis-Rollier – Association Plans Fixes

 

> Einmal hat Suzanne Chapuis ihren Lebenslauf so zusammengefasst: Dreissig Jahre Tochter, dreissig Jahre Gattin, dreissig Jahre Witwe. Sie hätte auch sagen können: Dreissig Jahre Tuberkulose-Medizin, dreissig Jahre Pfarrersfrau, dreissig Jahre Tanz. Ein Riesenbogen. Aber Suzanne Chapuis hat ihn mit Bravour bewältigt. Zuerst im Leben, und jetzt bei der Filmaufnahme für die „Plans Fixes“. <

 

Die Geschichte beginnt damit, dass der 28-jährige Dr. med. Auguste Rollier bei seiner Braut Tuberkulose diagnostiziert. Zu ihrer Heilung bricht er die Assistenz beim Medizinprofessor Theodor Kocher in Bern ab und lässt sich mit Jeanne-Sophie Giauque im Lungenkurort Leysin nieder. Hier schliessen die beiden 1904 die Ehe.

 

Die Geschichte nachzuerzählen, wie es sich gehört, ist für Suzanne Chapuis, geb. Rollier, so wichtig, dass sie die Eingangsfrage des Interviewers bei der „Plans Fixes“-Aufnahme beiseiteschiebt: „Lassen Sie mich zuerst von Leysin sprechen: Im Jahr 1887 …“ Mit diesem Datum hebt Suzanne an, die jüngste Tochter des Ehepaars Rollier. Heute, am 7. Dezember 2004, ist sie 87, und sie wird noch das Alter von 94 Jahren erreichen. Man merkt es ihrer jugendlichen Frische an.

 

Der Tanzkritiker Jean Pierre Pastori, ein hocherfahrener Radiomann, sieht gleich, wie der Hase läuft, und lässt das Manuskript, auf dem er den Gesprächsgang skizziert hat, in der Versenkung verschwinden. Er beschränkt sich aufs Zuhören und räumt Suzanne Chapuis-Rollier die Solopartie ein. Sie ihrerseits zeichnet das Wirken Auguste Rolliers im wesentlichen so nach, wie es das „Historische Lexikon der Schweiz“ wiedergibt:

 

1903 liess sich Rollier in Leysin nieder und eröffnete die Kinderklinik Le Chalet. In der Folge baute er in Leysin ein medizinisches Imperium auf: 1940 unterstanden ihm 18 Kliniken, in denen beinahe 1’500 Tuberkulosekranke betreut und auch orthopädische Behandlungen angeboten wurden. Rollier liess sich von der geographischen Medizin inspirieren, die sich das Klima zunutze machte, aber auch von der Sonnentherapie nach Niels Ryberg Finsen in Dänemark oder Oskar Bernhard in Graubünden. Bei der Entwicklung seiner „Sonnenkur“ profitierte Rollier von der idealen Lage Leysins. Die vor allem für Patienten mit extrapulmonaler Tuberkulose und Knochentuberkulose konzipierte Therapie setzte zur Stärkung des gesamten Organismus auf die belebende Wirkung der Höhenkur und der Sonnenbäder. Als Vertreter einer holistischen Medizin entwickelte Rollier die „moralische Orthopädie“, welche die Effekte der Sonnenkur bzw. die körperliche Erholung der Patienten auf sozialer und moralischer Ebene verstärken sollte. Er förderte die körperliche Ertüchtigung und Aktivitäten zur Stärkung des moralischen und geistigen Wohlbefindens (Patientenchöre, Bibliothek, Pfadfindertum) und richtete Freiluftschulen ein. 1930 eröffnete er die sogenannte Clinique manufacture, in der die Kranken einer manuellen Tätigkeit nachgingen. Seine Bekanntheit ging über die Schweizer Grenzen hinaus: Zahlreiche Assistenzärzte und die Studenten der Universität Lausanne, an der er 1928 Honorarprofessor wurde, folgten in Leysin seinen Ausführungen. Nach 1945 [Entdeckung der Antibiotika] verlor Rolliers Behandlungsmethode zunehmend an Bedeutung.

 

Daneben erzählt Suzanne Chapuis Dinge, die nicht im Lexikon stehen: Die Clinique manufacture etwa wurde gegründet, damit die Kranken etwas verdienen konnten. Denn der Aufenthalt – zur Heilung waren zwei, drei Jahre nötig – ging damals zulasten der Angehörigen. Und das in der Weltwirtschaftskrise. Nun aber liess Auguste Rollier die Betten mit Hilfe befreundeter Unternehmer so umgestalten, dass es möglich wurde, im Liegen und Sitzen alle Arten von Federn herzustellen: für die Uhrenfabrikation, für den Lokomotivbau.

 

In 36 Kliniken (nicht 18, wie im Lexikon), sagt Suzanne Chapuis, sei Auguste Rollier Chefarzt gewesen; zwei davon hätten ihm gehört. Im „Imperium“, von dem das Lexikon spricht, habe die ganze Familie mitgearbeitet. Unter den elf Assistenten hätten sich zwei Brüder des Vaters und zwei Schwäger befunden. Auch die Töchter waren eingebunden: eine als Sekretärin des Vaters, eine als Chefkrankenpflegerin und eine als Bewegungstherapeutin.

 

Der Pioniergeist lag den Rolliers im Blut. Nach der Heirat mit einem Pfarrer zog die Schwester Odette nach Lausanne und begründete auf Bitte der Polizei um 1940 die Betreuung der Prostituierten. Das Gewerbe war damals noch nicht geschützt. Die Betätigung wurde mit Gefängnis bestraft. Nun aber bekamen die Prostituierten Zuwendung, Hilfe. Und an Weihnachten organisierte Odette jahrelang eine grosse Feier für alle vierhundert Frauen.

 

Schwester Anne-Marie liess sich in London zur Bewegungstherapeutin ausbilden. Die Engländer hatten nämlich angefangen, für kriegsversehrte Kinder mit amputierten Gliedern Gymnastik zu entwickeln. Diese Übungen kamen nun nach Leysin. Aber Anne-Marie blieb dabei nicht stehen: Sie erfand den Behindertensport, und mit ihm die Paralympics, erzählt Suzanne Chapuis.

 

Sie selber brachte den Tanz in den Kirchenraum. Die Ausbildung hatte sie sich in London bei Margaret Morris geholt, einer Pionierin in Free Style Dancing und Tanztherapie. Nun durchbrach sie mit choreographierten Gottesdiensten in der Kathedrale von Lausanne die Leibfeindlichkeit des Protestantismus.

 

Das Tanzen hatte Suzanne Chapuis aus der Lähmung befreit, in die sie nach dem Tod ihres Gatten André gefallen war. Dreissig Jahre hatte sie an seiner Seite als Pfarrersfrau das Gemeindeleben organisiert, zuerst im Unterwallis, dann in Morges und schliesslich in St-Saphorin. Lange hatten sich die beiden in der Ehe gesiezt. Eine Frage des Respekts. Noch jetzt, bei der Aufnahme, weigert sich die 87-jährige, von „meinem Mann“ oder „meinem Gatten“ zu reden. Für sie ist er „André Chapuis“.

 

Unabhängigkeit. Pioniergeist. Wenn Suzanne Chapuis mit Leben und Frische von sich und ihren Angehörigen erzählt, denkt man unwillkürlich: „Es sind gefährliche Leute; aber freilich, dass sie gefährlich sind, das ist eben ihre Tugend. Es liegt nicht in der Geburt und im Reichtum. Sondern es liegt darin, dass sie die Courage haben, das zu sein, wozu die Natur sie gemacht hat. Es ist an ihnen nichts verbildet und verbogen, es sind an ihnen keine Halbwahrheiten und Schiefheiten; sondern, wie sie auch sind, es sind immer durchaus komplette Menschen.“ (Goethe zu Eckermann)

 

Ist es in diesem Zusammenhang noch nötig nachzutragen, dass keines der Kinder von Dr. med. Auguste Rollier die Schule besucht hat?

 

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