Jean Lecoultre: Maler.

9. Juni 1930 –

 

Aufgenommen am 30. Mai 1988 in Pully.

Jean Lecoultre – Association Plans Fixes

 

> Die Begegnung mit Jean Lecoultre zeigt, dass Künstlerschaft kein Beruf ist, sondern ein Zustand. Darum stellt sich bei Kunst auch nicht die Frage des Lernens, sondern des Hineinkommens. Wenn man mal drin ist, entwickelt man sich weiter und weiter – gleich, wie man im Ausland eine neue Existenz zu führen beginnt. Die Zurückgebliebenen aber spüren: „Das ist nicht mehr einer von uns. Das ist einer von denen.“ <

 

Jean Lecoultre kann nicht recht angeben, wie er in die Künstlerschaft hineingekommen ist: „Es ergab sich.“ „Es war irgendwie von Anfang an klar.“ „Eine Begegnung, die ich aus Zufall machte, warf mich um.“ „Doch alle Zufälle bahnen sich aus langer Hand an, sind also eigentlich Notwendigkeiten.“ Mit Formulierungen solcher Art versuchen Menschen, die von der Norm abweichen, darzulegen (oder zu entschuldigen), warum sie nicht gleich geraten sind wie die andern.

 

Kunst war ja für Jean Lecoultre im elterlichen Lebensplan nicht vorgesehen: Zu unsicher, zu unseriös. Die kaufmännische Berufsschule, fand der Vater, ein Bankangestellter, sei der richtige Weg zum tätigen Leben. Nietzsches Bemerkung über den „Hauptmangel der tätigen Menschen“ kannte er nicht:

 

Den Tätigen fehlt gewöhnlich die höhere Tätigkeit: ich meine die individuelle. Sie sind als Beamte, Kaufleute, Gelehrte, das heisst als Gattungswesen tätig, aber nicht als ganz bestimmte einzelne und einzige Menschen; in dieser Hinsicht sind sie faul.

 

Zu einem nützlichen (Ketten-)Glied der Gesellschaft sollte also Jean Lecoultre zurechtgeschmiedet werden, auch wenn Nietzsche schrieb:

 

Es ist das Unglück der Tätigen, dass ihre Tätigkeit fast immer ein wenig unvernünftig ist. Man darf zum Beispiel bei dem geldsammelnden Banquier nach dem Zweck seiner rastlosen Tätigkeit nicht fragen: sie ist unvernünftig. Die Tätigen rollen, wie der Stein rollt, gemäss der Dummheit der Mechanik.

 

Neben der kaufmännischen Ausbildung wandte sich Jean Lecoultre indes der Malerei zu. Um einen ersten Versuch mit Öl zu unternehmen, kaufte er sich heimlich Farben und Pinsel, zimmerte einen Rahmen und nagelte darüber ein Stück Leintuch aus dem Schrank der Mutter.

 

Als Kunstbetrachter begann er, auf die Ansprache der grossen Werke zu achten. Er vernahm sie in den Ausstellungen, mit denen nach dem Zweiten Weltkrieg die europäische Kunst der Gegenwart und Vergangenheit nach Lausanne gebracht wurde.

 

Das Ziel war noch undefiniert. Aber Jean Lecoultre spürte im Verkehr mit der Kunst eine geheimnisvolle, wenn auch konfuse Offenbarung. Leonardo da Vincis Notizen fand er spannend wie einen Roman.

 

Um zu sehen, wie es bei einem Künstler aussieht, organisierte er mit 16 systematische Atelierbesuche. Samstag für Samstag läutete er in Begleitung eines Freunds an der Tür eines Malers: „Dürfen wir hereinkommen?“

 

Wo das hinausführen würde, wer konnte es sagen?

 

Jeder hat angeborenes Talent, aber nur wenigen ist der Grad von Zähigkeit, Ausdauer, Energie angeboren und anerzogen, so dass er wirklich ein Talent wird, also wird, was er ist, das heisst: es in Werken und Handlungen entladet.

 

Nietzsche: Anzeichen höherer und niederer Kultur.

 

Das Talent in Werken und Handlungen entladen. Mit 21 Jahren kündigte Jean Lecoultre seinen Vertrag als Büroangestellter und zog nach Madrid. Das war 1951 – also in einer Epoche, in der alle Welt, die künstlerische Ambitionen hatte, Paris aufsuchte. Warum ausgerechnet Spanien? „Zufall.“ „Es ergab sich.“ Nun, Jean Lecoultre fand dort seine Frau. Er kam mit dem Maler Antonio Saura zusammen, dem Bruder des Cineasten Carlos Saura. Und was er malte, wurde als Avantgarde aufgenommen.

 

Mit 23 Jahren erhielt er eine erste Einzelausstellung in der Galerie der Moderne. Was danach von ihm in die Schweiz hinüberkam, galt nun hier als Avantgarde.

 

Wie kam das nur zustande?

 

Nietzsche:

 

Jemand, der sich auf seinem Wege im Walde völlig verirrt hat, aber mit ungemeiner Energie nach irgendeiner Richtung hin ins Freie strebt, entdeckt mitunter einen neuen Weg, welchen niemand kennt: So entstehen die Genies, denen man Originalität nachrühmt.

 

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