Sofia de Meyer: Das Unternehmen, anders.

17. September 1974 –

 

Aufgenommen am 28. März 2019 in Orsières.

Sofia de Meyer – Association Plans Fixes

 

> Sofia de Meyer gehört zur Sorte Menschen, welche in der Nomenklatur der Typenpsychologinnen Stefanie Stahl und Melanie Alt „Einfühlungsminister“ heissen: „Sie sind liebenswert, zurückhaltend und tiefgründig. Sie sinnieren gern über die ‚grossen Fragen des Lebens‘ und interessieren sich für die Zusammenhänge und Beziehungen zwischen den Dingen und zwischen den Menschen, die nicht auf den ersten Blick zu erfassen sind.“ <

 

Das Interesse „für die Zusammenhänge und Beziehungen zwischen den Dingen und zwischen den Menschen“ führte Sofia de Meyer zur Gründung der „Opaline Factory“, einem Fruchtsaftunternehmen mit ethischer Ausrichtung:

 

Solidarität und Ökologie gehen für uns Hand in Hand. Deshalb spenden wir seit dem 1. Januar 2019 pro verkaufte Flasche fünf Rappen an die Opaline Stiftung. Diese Spende ermöglicht uns den Anbau von alten, traditionellen Obstsorten durch Landwirtschafts­partner, eine angemessene Bezahlung des Landwirts, der dieses Land pflegt, die Förderung der biologischen Vielfalt, die Erschaffung von Obstgärten, die für uns alle zugänglich sind, und ein Angebot an Workshops zum Thema Naturbewusstsein.

 

Mit einem Ausstoss von einer Million Flaschen pro Jahr ist das Unternehmen finanziell selbständig. Sofia de Meyer nennt es „Ökosystem“: Es hat nicht die Aufgabe, Gewinn abzuwerfen, sondern zu leben – und zwar im Gleichgewicht zwischen den beteiligten Menschen, der Arbeit und den Produkten:

 

Wenn man Früchte und Gemüse presst, oder einen Saft mit verschiedenen Kräutern aufgiesst, ohne etwas hinzuzufügen, muss man jede Zutat, jede Vielfalt sorgfältig auswählen. Nur so erreichen wir eine Harmonie der Aromen.

 

Mit dieser Auffassung entspricht Sofia de Meyer dem Typ der Einfüh­lungsminister:

 

Sie wollen und brauchen eine Arbeit, mit der sie einen übergeordneten Sinn verbinden können, eine Arbeit, die mit ihren inneren Einsichten und Werten im Einklang steht.

 

Demgemäss verliess Sofia de Meyer, die sieben Jahre lang in der Londoner City als Juristin an Unternehmensfusionen beteiligt gewesen war, mit dreissig das Business. Immer unabweislicher war ihr geworden, wie sinnleer der Betrieb war, dem sie sich verschrieben hatte. 

 

Klaus Bolzano: Die Neidgesellschaft. Warum wir anderen nichts gönnen:

 

Bei Gehältern und Abfertigungen scheint es zu sein, dass sie genauso wenig gerechtfertigt sind, wie heute Banknoten zumeist nicht mehr durch Geldreserven gedeckt sind. So wie hinter dem Papiergeld oft kaum mehr ein realer Wert steht, so sind auch die Wertdemonstrationen vieler Führungskräfte in Form der Gehälter oder Abfertigungen durch ihre Arbeit nicht mehr gerechtfertigt. Leute in gehobenen Positionen geben sich nach aussen hin einen Wert, der weit über dem der anderen liegen muss. Deswegen sind ihre Gehälter, wie ihre Abfertigungen von unverständlicher Höhe. Dies müssen sie aber tun, da sie innerlich durch die hohe Position in keiner Weise in jenes kraftvolle lebendige Wesen verwandelt wurden, das sie sich ersehnt hatten. Sie selber glauben an ihre Position im Grunde nicht, aber die Höhe dieser Abfertigungen beziehungsweise Gehälter lässt zumindest die anderen glauben, sie seien so viel wert, so dass niemand ihr wahres Elend erkennt.

 

Sofia de Meyer erkannte das Elend des Grosskapitalismus, zerschnitt die Verbindungen und liess sich in Orsières nieder, einer Walliser Gemeinde von 165 Quadratkilometern (einem Zehntel der Londoner Stadtfläche) mit 3’200 Einwohnern (drei Hunderttausendstel der Londoner Einwohnerzahl). Einfacher gesagt: London hat 5’700 Einwohner pro Quadratkilometer, Orsières 19. Auf diesem Boden brachte Sofia de Meyer acht Menschen zusammen, die sich, wie die Homepage sagt, „im Team Opaline engagieren, basierend auf Werten wie gegenseitige Unterstützung, offenes Zuhören sowie Gerechtigkeit“.

 

Der Erfolg des Teams geht darauf zurück, dass es Sofia de Meyer gelang, mit Hilfe der Erfahrungen aus dem globalisierten Haifischbecken einen Rahmen zu definieren, in dem sich ihr humanistisches Ideal von Leben und Arbeiten verwirklichen liess. Aber so sind eben die Einfühlungsminister: „Sie haben meist das notwendige Durchhaltevermögen, um an der Umsetzung ihrer Ideale festzuhalten. Wenn ihr Gedankenprozess abgeschlossen ist und ihre innere Vision klar ist, setzen sie alles daran, ihre Ziele zu realisieren.“

 

Zugute kam Sofia de Meyer auch die Erfahrung, die sie aus Kindheit und Familie mitbrachte. Aufgewachsen war sie mit acht Geschwistern, als Tochter eines Privatschuldirektors. In dieser Lage war sie gezwungen, sich durchzusetzen und immer die besten Noten zu erzielen. Doch gegenüber dem Zwang lernte sie sagen: „Dann mache ich halt das Beste daraus!“

 

Mit diesem Dreh gelang es ihr, sich über die Situation zu stellen, in die sie, wie Heidegger sagt, „geworfen“ worden war. Und mit dem Erwerb der seelischen Überlegenheit ist auch das Geheimnis der Resilienz erfasst, wie es die Brüder Grimm bei „Hans im Glück“ so trefflich beschrieben haben:

 

Er konnte nur mit Mühe weitergehen und musste jeden Augenblick haltmachen; dabei drückten ihn die Steine ganz erbärmlich. Da konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, wie gut es wäre, wenn er sie gerade jetzt nicht zu tragen brauchte. Wie eine Schnecke kam er zu einem Feldbrunnen geschlichen, wollte da ruhen und sich mit einem frischen Trunk laben. Damit er aber die Steine im Niedersitzen nicht beschädigte, legte er sie bedächtig neben sich auf den Rand des Brunnens. Darauf setzte er sich nieder und wollte sich zum Trinken bücken, da versah er’s, stiess ein klein wenig an, und beide Steine plumpsten hinab. Hans, als er sie mit seinen Augen in die Tiefe hatte versinken sehen, sprang vor Freuden auf, kniete dann nieder und dankte Gott mit Tränen in den Augen, dass er ihm diese Gnade erwiesen und ihn auf eine so gute Art von den schweren Steinen befreit hätte, die ihm hinderlich gewesen wären. „So glücklich wie ich“, rief er aus, „gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“ Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.

 

Neben Opaline – dem Unternehmen, das Fruchtsäfte herstellt, und der Stiftung, die sich für Biodiversität und Zusammenarbeit einsetzt – schenkt Sofia de Meyer ihre Zeit dem Sohn, der bei der Aufnahme für die „Plans Fixes“ acht Jahre alt ist. Auch ihm gegenüber verhält sich die Mutter so, wie es Beziehungsministern angemessen ist:

 

Sie sind sehr liebevolle und fürsorgliche Eltern, die ihren Kindern sehr tief verbunden sind. Sie unterstützen ihre Kinder sehr bei der Entfaltung ihrer Fähigkeiten und verpassen kaum eine Gelegenheit, deren Talente zu fördern. Hierbei sind sie recht tolerant, was die Richtung der kindlichen Entwicklung angeht. Sie haben lediglich den Anspruch, das Potenzial ihrer Kinder bestmöglich zu fördern.

 

Herz, was willst du mehr?

 

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