Charles-Henri Favrod: Journalist, Schriftsteller, Historiker.

21. April 1927 – 15. Januar 2017.

 

Aufgenommen am 16. November 1999 in Saint-Prex.

Charles-Henri Favrod – Association Plans Fixes

 

> Mit den ersten Worten schon nimmt Charles-Henri Favrod die Zuhörer an der Hand und führt sie mit machtvollem Schritt durch sein Leben – und das heisst auch durch die Zeitumstände, die es geprägt haben: Wirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg, Indochinakrieg, Algerienkrieg, Entkolonialisierung, Zusammenbruch des Sowjetimperiums, internationale Fotografie, Musée de l’Elysée. <

 

Im Sommer 1974 feiert Janine Schwaar ihre 25-jährige Zugehörigkeit als Uhrenarbeiterin bei der Firma Longines in Saint-Imier. Reporter Frank Musy lässt sie für Radio Suisse Romande ihre Tätigkeit schildern. 4 Minuten und 31 Sekunden dauert die Aufnahme:

 

Im Moment mache ich eine erste Zählung. Es geht darum, die Spirale auf die richtige Länge zu bringen. Sie ist recht klein. Es ist ein kleines Kaliber. Die Arbeit ist überhaupt nicht schwierig. Es ist eine Frage der Gewöhnung. Die Arbeit kommt in Serien. Für die fünfhundert Spiralen hier dauert es, sagen wir, sieben Stunden. Ich mache das schon seit fünfundzwanzig Jahren. Ich feiere dieses Jahr mein Jubiläum, ja. Ich habe diesen Beruf gewählt, weil er mir gefallen hat. Mein Vater war bereits Uhrmacher. Neben der Arbeit und dem Haushalt, na ja, wissen Sie, da sind die Stunden am Abend gezählt. Wirklich eng. Ich kaufe ein, ich mache daheim mein Abendessen, ich bereite das Essen für den nächsten Tag vor, und dann sehen wir noch ein bisschen fern. In den Ferien fahren wir ins Wallis. Wir mögen die Berge ... Ich habe immer in Saint-Imier gelebt. Ich bin hier geboren. Ich bin hier zur Schule gegangen. Wissen Sie, ich hänge an diesem Ort. Ich glaube nicht, dass ich von hier weggehen möchte... Nein. Wirklich nicht.

 

Wie anders das Leben von Charles-Henri Favrod! Er war noch keine zwanzig Jahre alt, als es ihn mit aller Macht in die Welt zog. Der Zweite Weltkrieg war eben zu Ende. Frankfurt: Eine gelbe Wüste. Hamburg: Eine rote Wüste. Berlin: Eine graue Wüste. Aber Charles-Henri Favrod bereiste sie. Auch Italien. Dort verdeckte eine üppige Natur bereits die Kriegsschäden. Aber die Zeit war hart. Die Menschen waren grau und gebückt. Auch in Paris.

 

Dafür war es leicht, mit den Schriftstellern in Kontakt zu kommen. Man läutete bei André Breton, und schon ging die Wohnungstür auf: „Ah, Sie sind Schweizer! Nehmen Sie Platz.“ Oder es hiess: „Kommen Sie mit, junger Mann, ich werde Sie meinen Freunden vorstellen.“ „Heute undenkbar“, resümiert Charles-Henri Favrod. „Aber damals, gleich nach dem Krieg …“

 

Schwierigkeiten gab es nur bei Jean-Paul Sartre. Da bewachte ein Privatsekretär den Zugang zum Meister. Charles-Henri Favrod musste unverrichteter Dinge abziehen. Doch an der Haustür begegnete er einer alten Frau. Sie trug zwei schwere Einkaufstaschen. Bei der einen schauten Lauchstengel heraus. Charles-Henri Favrod bot ihr an, ihr die Last abzunehmen. So ging es wieder aufwärts, bis zur ominösen Tür, die nun aufging, und am Privatsekretär vorbei schritt die Mutter ins Arbeitszimmer des Philosophen: „Jean-Paul, ich bringe dir einen jungen Mann. Er möchte in Lausanne mit Freunden zusammen ‚Les faux nez’ von dir aufführen.“ Charles-Henri Favrod bekam die Rechte. Das Theater, das damals gegründet wurde, gibt es heute noch. Und es heisst immer noch „Les Faux Nez“.

 

Nach den Schriftstellern interessierte sich Charles-Henri Favrod für die Brennpunkte der Welt. Auch das war damals ganz einfach. Man brauchte nur hinzugehen. Der legendäre Chefredaktor der „Gazette de Lausanne“ Pierre Béguin versprach, die Artikel zu drucken, wenn sie brauchbar seien. Und schon war Charles-Henri Favrod Kriegsberichterstatter und „grand reporter“. Im Feld, in den Hauptquartieren, in den Pressehotels, in den Hauptstädten von Indochina und Afrika lernte er alle kennen: die Generäle, die Politiker, die Rebellenführer, die Fotografen, die Journalisten ...

 

Und in diesem Zusammenhang wies das Schicksal Charles-Henri Favrod die Rolle des ehrlichen Maklers zu. Die Franzosen und die Algerier, miteinander im Krieg, bekamen Vertrauen zu ihm. Nun verkehrte er zwischen den Lagern und trug Botschaften hin und her. In Genf organisierte er jene geheimen Vorgespräche mit, die am 18. März 1962 zum Abkommen von Evian-les-Bains führten und am 1. Juli zur algerischen Unabhängigkeit.

 

Charles-Henri Favrod aber erfand sich weiter und weiter. Er wurde Herausgeber von Fotobüchern und Fotorevuen. Er wurde Produzent von Filmdokumentationen, unter anderem über das Vichy-Regime, den Diktator Idi Amin Dada, die Staatspräsidenten Giscard d’Estaing und Charles Mitterrand und, und, und …

 

1985, als er 58 Jahre alt war, beauftragte ihn der Kanton Waadt mit der Gründung eines Fotomuseums. Charles-Henri Favrod leitete das Musée de l’Elysée bis 1996, dann übernahm er mit 69 den Auftrag, auch für Florenz ein Fotomuseum zu errichten. Es kam 2006 zur Eröffnung.

 

Während dieser Zeit beugten sich in Saint-Imier die Uhrenarbeiterinnen Tag für Tag über die Werkbank. Wer wie Janine Schwaar mit 16 eintrat und bis zur Pensionierung Longines treu blieb, brachte es auf eine Lebensleistung von 5’170’000 Spiralen.

 

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