Marx Lévy: Städteplaner, Gemeinderat.

9. Februar 1924 – 12. Januar 2017.

 

Aufgenommen am 28. Januar 2010 in Lausanne.

Marx Lévy – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> In einem offenen Kamin ein fröhlich flackerndes Feuer. Darum herum eine Bücherwand, die sich in der Tiefe des Raumes verliert. Vor dieser Kulisse sitzt Marx Lévy, seines Zeichens Architekt und Städteplaner. Als Mitglied der sozialistischen Partei wirkte er zuerst im Parlament, dann, von 1974 bis 81, in der Exekutive der Stadt Lausanne als Bauverantwortlicher. Wenn ihm nun im Jahr 2010 Bertil Galland für die „Plans Fixes“ Fragen stellt, hört der 84-jährige so ruhig zu, dass man glauben möchte, das Bild sei stehen geblieben, wenn sich nicht im Hintergrund die Flamme diskret bewegte. <

 

Das Filmpantheon der „Plans Fixes“, das im Lauf von fünfzig Jahren 360 Westschweizer Persönlichkeiten aufgenommen hat, überliefert der Nachwelt mehr als Faktenwissen zu einem Namen; das kann man bei siebzig Prozent der Porträtierten anstrengungslos hervorgoogeln und in fünf Minuten lesen – was effizienter ist, als am Bildschirm einem Gespräch zu folgen, das sich in fünfzig Minuten entwickelt.

 

Die Qualität des Formats liegt darin, eine intensive, ablenkungsfreie Begegnung zu ermöglichen. Wer sich ihr aussetzt, bekommt einen persönlichen Eindruck, aus welchem Holz der Mensch geschnitzt ist, der sich in seiner Sphäre so hervorgetan hat, dass der Stiftungsrat der Sammlung entschied: Den müssen wir filmen!

 

Wenn der Gefilmte, wie Marx Lévy, seine Leistung noch vor der Digitalisie­rung erbracht hat, kann es vorkommen, dass das Netz, zu ihm befragt, stumm bleibt. Auf Umwegen lässt sich sein Sterbedatum eruieren: 12. Januar 2017. Aber für das Geburtsdatum muss man die Einwohnerkon­trolle der Stadt Lausanne zuhilferufen. Mit ihrer Auskunft lässt sich errechnen, dass der Mann das gesegnete Alter von 93 Jahren erreicht hat.

 

Damit wurde er schon zu Lebzeiten historisch; und als seine Todesanzeige erschien, riefen die Alten, die seinen Namen gekannt hatten: „Was, der hat noch gelebt?!“ Sie erinnerten sich dann an die lokalen Bauprojekte, zu denen die Einwohnerschaft unter seiner Ägide an die Urne gerufen worden war. Für den Betrachter des Films, der mit der Stadt Lausanne nicht vertraut ist, bedeutet jedoch die Nennung von Strassen, Plätzen und Objekten nichts als leerer Schall.

 

Das Ganze liegt ja ein halbes Jahrhundert zurück – länger als die dreissig Jahre, die Friedrich Torberg im kalifornischen Exil während des Zweiten Weltkriegs von den Gesprächsthemen der Emigranten trennten. In seinen Erinnerungen an die sonntäglichen „Gespensterjausen“ bei Professor Hildesheimer, einem emeritierten deutschen Musikologen, schreibt er:

 

Man fühlte sich im Nu vom verstaubten Zauber einer musealen Vergangenheit umsponnen. Ernst Licho, einst Intendant des Dresdner Schauspielhauses, ärgerte sich gerade über seine Repertoirenöte im Kriegswinter 1916/17, als einer seiner Stars plötzlich einrücken musste, Gisela Werbezirk schimpfte auf Josef Jarno, weil er damals als Direktor des „Renaissancetheaters“ eine ihr versprochene Hauptrolle mit Hansi Niese besetzt hatte, der alte Korngold [der achtzigjährige Vater des Komponisten Erich Wolfgang Korngold] zwickte die nicht viel jüngere Opernsängerin Vera Schwarz in die starrgepuderte Backe und fragte: „Wie geht’s, schöne Frau?“ Mich schwindelte.

 

Im Gegensatz zum jungen Mitlebenden hat die Szene für die Nachgeborenen einen unendlichen Reiz. Wäre sie filmisch festgehalten worden, könnte sie uns nun überliefern, „was man sah, was man spürte und atmete in jenen flüchtigen Minuten“ (Friedrich Luft).

 

Dies Flüchtige kommt nun aber durch die Worte des 84-jährigen Sohnes zu uns hinüber, wenn er den Weg erzählt, den das jüdische Ehepaar Lévy vom Elsass nach New York zurücklegte, wo sich der Mann so beengt fühlte, dass er auf den alten Kontinent zurückflüchtete und sich da, aus unbekannten Gründen, in Tramelan im Berner Jura niederliess, wo er ein Schneideratelier eröffnete und die Frau den jungen Marx zur Welt brachte.

 

Nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise zog die Familie nach Biel. Aus der Erzählung des alten Mannes erfahren wir, wie der Heranwachsende den Zweiten Weltkrieg erlebte, wie er auf dem Rangierbahnhof nächtliche Sabotageakte an deutschen Güterwagen vornahm, in die Auseinandersetzun­gen der Linken und der Surrealisten eintauchte, zum Architekturstudium nach Lausanne fand, dem Charme der Stadt erlag und merkte, dass er in dieser provinziellen Idylle die Aufgabe wahrnehmen könne, sie der Moderne näherzubringen.

 

Wir bemerken dann, gerade auch im Porträt von Marx Lévy, die Stimmigkeit von Goethes Beobachtung: „Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen: das Besondere ist das Allgemeine, unter verschiedenen Bedingungen erscheinend.“ Die Tinktur aber, die der Einzelmensch den Dingen gibt, verleiht der Begegnung mit ihm den Charakter der Einmaligkeit – und das heisst: der Unersetzlichkeit.

 

Darum ist jedes „Plans Fixes“-Dokument ein Geschenk.

 

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