Marie-Louise Fournier: Militante Gehörlose.

7. Dezember 1928 – 15. Februar 2021.

 

Aufgenommen am 3. Dezember 2005 in Lausanne.

Marie-Louise Fournier – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> Im Alter von vier Jahren erkrankte Marie-Louise Fournier an einer Hirnhautentzündung. Von da an war sie taub. Sie kam in ein Internat für Gehörlose. Darauf lernte sie mit vierzehn den Beruf der Näherin. Der Mann, den sie heiratete, war ebenfalls gehörlos. Das Paar bekam drei gesunde Kinder. Als sie 45 Jahre alt war, starb der Mann. Marie-Louise Fournier begann, sich für die Sache der Gehörlosen einzusetzen. Sie wurde zuerst Redaktorin des Verbandsblatts, dann Präsidentin und schliesslich Ehrenpräsidentin des schweizerischen Gehörlosenbunds. 1993 erhielt sie den Ehrenpreis der World Federation of the Deaf (WFD). <

 

1785 erschien ein merkwürdiges Buch. Es beschrieb zum ersten Mal in der Literaturgeschichte das Leben der Kleinhandwerker, und es trug – ebenfalls zum ersten Mal in der Literaturgeschichte – die Gattungsbezeich­nung „ein psychologischer Roman“. An Anton Reiser, der dem Buch den Titel gibt, schilderte der Autor Karl Philipp Moritz mit Genauigkeit und Sorgfalt die Entwicklung eines Kindes, um „den Blick der Seele in sich selber zu schärfen“ und dem Menschen „sein individuelles Dasein wichtiger zu machen“.

 

In „Anton Reiser“ findet sich auch die Begegnung mit einem Gehörlosen:

 

Um diese Zeit führte ihn sein Vater zum ersten Male zu einem äusserst merkwürdigen Manne in Hannover. Dieser Mann hiess Tischer, und war 105 Jahre alt. [Fussnote bei Reclam: „nach Eybisch der Kandidat der Theologie Johann Heinrich Discher, am 28. Juli 1773 im Alter von 107 Jahren gestorben.“] Seit seinem fünfzigsten Jahre war er taub, und wer mit ihm sprechen wollte, musste beständig Tinte und Feder bei der Hand haben und ihm seine Gedanken schriftlich aufsetzen, die er dann sehr vernehmlich und deutlich mündlich beantwortete.

 

Dabei konnte er noch im hundertundfünften Jahre sein kleingedrucktes griechisches Testament ohne Brille lesen und redete beständig sehr wahr und zusammenhängend, obgleich oft etwas leiser, oder lauter, als nötig war, weil er sich selber nicht hören konnte.

 

Anton betrachtete den alten Mann in seinem Herzen beinahe wie ein höheres, übermenschliches Wesen. Und als er den Abend zu Hause kam, wollte er schlechterdings mit einigen seiner Mitschüler sich nicht auf einem kleinen Schlitten im Schnee herumfahren, weil ihm dies nun viel zu unheilig vorkam und er den Tag dadurch zu entweihen glaubte.

 

250 Jahre nach dieser Begegnung ermöglichen es die „Plans Fixes“, das Wesen der Gehörlosigkeit in den Darlegungen von Marie-Louise Fournier anschaulich kennenzulernen. Die 77-jährige benutzt dazu die Gebärden­sprache. Aus dem Off wird ihre Rede für die Hörenden übersetzt. Und es wird offensichtlich, dass die Zeichen der Hände einen gleich flüssigen, raschen und exakten Ausdruck der Gedanken erlauben wie die Zeichen der Stenographie.

 

Es zeigt sich auch, dass Marie-Louise Fourniers Ausdruck durch Begriffe strukturiert wird. Diese Begriffe werden durch ihre Lippen geformt. Und selbst, wenn die Stimme keinen Laut gibt, sondern das Gesagte nur haucht, tauchen im Gewisper die aussageformenden Begriffe auf wie die Steine einer Furt. Erklärlich ist diese Eigenart vielleicht dadurch, dass es in Marie-Louise Fourniers Jugend den Kindern im Gehörloseninternat verboten war, Gebärden für die Verständigung zu benützen. Sie sollten sich, auch wenn sie untereinander waren, der Lautsprache bedienen und das Lippenlesen anwenden.

 

Nun aber ist, wie Marie-Louise Fournier ausführt, dieses Kommunikations­mittel für die Tauben anstrengend. Umgekehrt klingt die Sprache der Gehörlosen für die Hörenden oft missgestaltet, und die Verständigung leidet. Deshalb begann sich Marie-Louise Fournier politisch dafür einzusetzen, dass die Gebärdensprache neben der Lautsprache den Status der Gleichberechti­gung erhielt. Darin lag ihre Lebensleistung.

 

Im Nachruf auf Marie-Louise Fournier schrieb der schweizerische Gehörlosenbund im Februar 2021:

 

Ende der 1970er Jahre erwachte das Bewusstsein der gehörlosen Menschen für ihre eigene Identität und ihre eigene Kultur, die durch die Gebärdensprache geprägt ist. Nach einem Jahrzehnt des Verbotes und der Unterdrückung der Gebärdensprache, zeichnete sich eine grosse Wende ab. Zusammen mit anderen Pionieren aus der Gehörlosengemeinschaft der französischen Schweiz, widmete Maire-Louise Fournier ihr Können und ihre aussergewöhnliche Energie, damals bereits in ihren Fünfzigern, dem Aufbau des französischen Gebärdensprachunterrichts, gefolgt von der Umsetzung eines Lehrganges fürs Dolmetschen in der französischen Gebärdensprache (LSF).

 

Ihren Anstrengungen war es auch zu verdanken, dass die Organisation der Gehörlosen nicht mehr länger von Hörenden geführt wurde. Das führte zum Ende des paternalistischen Wohlmeinens, zu Gleichberechtigung und zu Autonome in der Gestaltung der eigenen Belange.

 

In den „Plans Fixes“ erklärt Marie-Louise Fournier, wie wichtig es ist, sich ungehindert aussprechen zu können und voll verstanden zu werden. Das aber gehe nur von gleich zu gleich.

 

Diese Erfahrung machte auch Anton Reiser:

 

Der Winter kam heran, und jetzt fing Antons Zustand wirklich an, hart zu werden. Er musste fast alle Wochen ein paarmal des Nachts mit dem andern Lehrburschen aufbleiben, um die geschwärzten Hüte aus dem siedenden Färbekessel herauszuholen und sie dann unmittelbar darauf in der vorbeifliessenden Oker zu waschen, wo zu dem Ende erst eine Öffnung in das Eis musste gehauen werden. Dieser oft wiederholte Übergang von der Hitze zum Frost machte, dass Anton beide Hände aufsprangen und das Blut ihm heraussprützte.

 

Dafür fingen die Unterhaltungen mit seinem Mitlehrburschen an, einen neuen Reiz für ihn zu bekommen, und ihre Gespräche wurden vertrau­lich, da sie einander gleich waren. Die Nächte, welche sie oft zusammen durchwachen mussten, machten ihre Freundschaft noch inniger. Hier entdeckten sie sich die innersten Gedanken ihrer Seele; hier brachten sie die seligsten Stunden zu.

 

Während Karl Philipp Moritz’ psychologischer Roman vom immer vergeblichen Aufrappeln eines hochbegabten Kindes erzählt …

 

Oft will ich mich erheben

Und sinke schwer zurück

Und fühle dann mit Beben

Mein trauriges Geschick.

 

… verlief Marie-Louise Fourniers Leben gesegnet. Und der Grund für den Unterschied liegt im Elternhaus. Obwohl die Familienverhältnisse einfach waren – der Vater war Bauer und Strassenarbeiter, die Mutter kümmerte sich um den Haushalt und half auf den Feldern und auf dem Hof aus – erlebte das taube Mädchen, umgeben von acht Geschwistern, nur Liebe und Fürsorge. Im Film spricht Marie-Louise Fournier voller Dankbarkeit von ihrer Herkunft.

 

Wie anders verhielten sich die Dinge bei Anton Reiser!

 

Wenn er in das Haus seiner Eltern trat, so trat er in ein Haus der Unzufriedenheit, des Zorns, der Tränen und der Klagen.

 

Die Folge:

 

Diese ersten Eindrücke sind nie in seinem Leben aus seiner Seele verwischt worden, und haben sie oft zu einem Sammelplatze schwarzer Gedanken gemacht, die er durch keine Philosophie wegbringen konnte.

 

Die unersetzliche Geborgenheit der Kindheit. In einer Vorbemerkung rät Karl Philipp Moritz, bei schwierigen Kindern besonders sensibel vorzugehen:

 

Vielleicht enthält diese Darstellung manche, nicht ganz unnütze Winke für Lehrer und Erzieher, woher sie Veranlassung nehmen könnten, in der Behandlung mancher ihrer Zöglinge behutsamer, und in ihrem Urteil über dieselben gerechter und billiger zu sein!

 

Marie-Louise Fourniers Leben wurde durch eine intakte Familie begünstigt. In der Folge wurde sie zu einer „wichtigen Persönlichkeit für den Gehörlosenbund und einer grossen Kraft für die Gehörlosengemeinschaft in der Schweiz. Die Gehörlosengemeinschaft ist ihr zu grossem Dank verpflichtet, und sie wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.“ Das schrieb die Präsidentin des schweizerischen Gehörlosenbunds im Februar 2021 im Nachruf auf „das unermüdliche Engagement, das Marie-Louise Fournier ihr Leben lang gezeigt hat“.

 

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