Anne Rosat: Scherenschnitt, eine glückliche Kunst.

1. August 1935 –

 

Aufgenommen am 18. Juni 2009 in Les Moulins.

Anne Rosat – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> Erholungsbedürftigkeit führte die 21-jährige belgische Lehrerin Anne Rosat aus Brüssel ins Saanenland. Dort begegnete sie ihrem Mann. Bei beiden funkte es gleich. Zwei Jahre später war die Heirat. Anne zog ein ins Chalet der Familie Rosat, erbaut um 1750 im Weiler Les Moulins von Château d’Oex. Da lernte sie die Scherenschnitte von Johann Jakob Hauswirth kennen und begann ihre künstlerische Karriere. <

 

Wie der Bergler vom Col des Mosses > Jacob Sumi, den die „Plans Fixes“ 1978 im vierten Film der Sammlung festgehalten haben, lebte auch Johann Jakob Hauswirth (1809–1871) im Saanenland an der Grenze zwischen der Deutsch- und Welschschweiz, und wie Sumi betätigte er sich als Tagelöhner, Holzfäller und Köhler. Wenn er nichts zu tun hatte, machte er Scherenschnit­te. Fand er einen Käufer, verkaufte er sie; sonst gab er sie zum Tausch für anderes oder verschenkte sie.

 

Dreissig Jahre nach seinem Tod entdeckte der spätere Leiter des ethnogra­phischen Museums Neuenburg und des naturhistorischen Museums Théodore Delachaux den künstlerischen Wert von Hauswirths Scheren­schnitten. Er begann sie zu suchen und zu sammeln. Der Preis für die Werke des bäuerlichen Autodidakten stieg für die Einheimischen ins Unerschwing­liche.

 

Als Anne Rosats Ehemann Alois, ein Kunsttischler und Antiquar, eine Mappe zum Weiterverkaufen im Angebot hatte, war es ihm nicht möglich, für sich auch nur ein Stück davon zu erstehen. „Welches hättest du denn am liebsten gehabt?“, fragte Anne. „Leih mir’s aus. Ich mache dir eine Replik!“ Sie legte das antike Kunstwerk aufs Pult, untersuchte die Technik, und begann die Arbeit mit einer Nagelschere aufzunehmen. Und siehe: Der Geist des Alten fuhr in ihre Hände und trieb sie an, das Werk in seinem Sinn auszuführen und weiterzuführen.

 

Nach sechs Monaten organisierte bereits eine Galeristin in Lausanne eine Ausstellung der neu entstandenen Scherenschnitte. Es folgten Ausstellungen in Zürich, Genf, Paris, New York. Hermès beauftragte die 37-Jährige mit der Kreation eines Foulards. Es wurde ein Bestseller; und ein zweites Mal bei der Neuauflage.

 

Wiederkehrendes Sujet der Scherenschnitte von Hauswirth und Rosat ist der Alpaufzug. Emanuel Friedli hat die Rolle, die er im Leben der Bergbewohner spielt, im Band „Saanen“ seines „Bärndütsch als Spiegel bernischen Volkstums“ festgehalten. Das volkskundliche Werk brachte dem Verfasser den Dr. h. c. der Universität Bern ein, und nach seinem Tod in Saanen 1939 ein Grab an der Südwand der Kirche von Lützelflüh neben Jeremias Gotthelf und Simon Gfeller.

 

Das Kapitel „Weidefahrten“, erschienen 1927, zeigt den Hintergrund, der die Menschen im Alpenraum zur Gestaltung von Chaletfassaden und Scheren­schnitten animierte.

 

Der Hirtenknabe in Richard Wagners „Tannhäuser“ singt: „Frau Holda kam aus dem Berg hervor“, und bei Friedli heisst es:

 

„Üsi schöni Zit isch cho!“ Eine schöne Zeit für unsere Stalltiere, deren ganzes Leben ein Wechsel ist zwischen mehr als halbjähriger Kettenhaft und kaum halbjähriger Weidefrist! Drum die Freude am eersten uuslaa, wenn ’s äntlichen und äntliche gruenet [Freude am ersten Gang ins Freie, wenn’s endlich, endlich grün wird].

 

Im Saaner Dialekt (anschliessend in der hochdeutschen Übersetzung von mir) gibt Emanuel Friedli das Erlebnis des Frühlings bei den Tieren wieder:

 

D’Freud fehrt de Tieren i d’Bei, u scho im Stall chönne si nit meeh still staa. Si g’spüre’s, das o für sie „di schöni Zit“ chunnt, wa si us der muffelige Stallluft usi chönne. Scho bi däm mache si Freudegümpp, es ist fast schwär, si losz’laa u si us em Stall z’bringe. Allz wollt z’eerst si, u vor luter Freud gits bi’r Tür es G’stoor un es Wuri. Guggi mu nume d’s Freudi [Kuhname], die prächtigi Chueh daa! Das steit si ganz paff u darf sich chum verweigge. Der Chopf schräckt si uf u gugget, weiss nid wahi; si cha’s fast nid begriffe, dass’s under einist vorbi si sölli mit däm lenggwilige Stallban. Dä Blick! U wi si mit g’spitzten Ohren uf das G’summ im Gras lost! Scho lang hät d’s Freudi uf dä Momänt ’passet, u jetzt chunnt’s mu fast z’g’schwind. So steit’s es par Minuti. Aber den uberchunnt’s Läbe – u wie! Es macht Gümpp u Sprüngg u schleet hööij uf; ünz’s zahma Chuehli ist nid meeh wider z’b’chänne! Das schiesst umenandere, mu ist fast sälber niena meeh sicher. Es möchti di ganzi Matte für sich aleinig ha. Aber da si no anderu, u die hei d’s gliha Rächt! Die g’stabeliga Tieri chönnen uf d’s Mal gumpen u satze mit vürhi g’sträcktem Chopf u hinderusi g’ställter Ggauwe (Schwanz), es würd eimu fast angst darbii.

 

[Die Freude fährt den Tieren in die Beine, und schon im Stall können sie sich nicht mehr still halten. Sie spüren, dass auch für sie „die schöne Zeit“ kommt, wo sie aus der muffigen Stalluft herauskommen. Schon jetzt machen sie Freudensprünge, es ist fast zu schwierig, sie loszulassen und aus dem Stall zu bringen. Alles will zuerst sein, und vor lauter Freude gibt es an der Tür eine Stauung und eine Verwirrung. Schaut nur das Freudi [Kuhname], die prächtigen Kuh da! Sie steht ganz baff und kann sich kaum regen. Den Kopf streckt sie auf und schaut, weiss nicht wohin; sie kann fast nicht begreifen, dass es auf einmal vorbei sein soll mit dem langweiligen Stallbann. Dieser Blick! Und wie sie mit gespitzten Ohren auf das Gesumm im Gras hört! Schon lange hat Freudi auf diesen Moment gewartet, und jetzt kommt er ihm fast zu rasch. So steht es ein paar Minuten still. Aber dann bekommt es Leben – und wie! Es macht Sprünge und Sätze und schlägt hoch auf; unser zahmes Kühlein ist nicht mehr wiederzuerkennen. Es schiesst umher, man ist fast selber nirgends mehr sicher. Es möchte die ganze Matte für sich allein haben. Aber da sind noch andere, und die haben das gleiche Recht! Die steifen Tiere können aufs Mal hüpfen und springen mit vorgestrecktem Kopf und nach hinten gestelltem Schwanz, es wird einem fast Angst dabei.]

 

Wenn die Weiden ums Haus abgegrast sind, ziehen die Sennen mit den Tieren auf die Alp:

 

Voran schreitet die Meisterchue bedächtig und sicher, ihre grosse schwarze Treechle [grosse bauchige Glocke] hin und her bewegend, so dass ihr dumpfes Getön harmonisch in das der kleinern und feinern Glocken hineinklingt. Sie folgt sicher dem lockenden chom! chom! oder chuub! chuub! des voranschreitenden Sennen und duldet nicht, dass eine vorwitzige Kameradin ihr den Platz steitig mache. Im Anfang herrscht ein aufgeregtes Treiben im Herdenzug; ungezählte langgezogene, freudige und ungeduldige „muh, muh!“ durchschwirren die Luft. Die älteren Kühe ahnen, was diese Kumädi [Komödie] zu bedeuten habe. Sie trappe ruhig der Leitkuh nach. Die jüngeren Tiere sind aufgeregt, satze [springen] vor- und rückwärts, haschen hier am Strassenrand nach einem Büschel Gras und versetzen dort einer Kameradin mit den Hörnern einen Puff in die Seite. Sie sind kaum zu bändigen in ihrer ausgelassenen Freude. Und erst der junge Muni [Stier]! Der weiss sich nicht zu fassen in seinem Freiheitsdrang. Für ihn ist die Strasse zu wenig breit. Er bricht durch das Türli in die benachbarte Wiese ein und wüetet wi verruckt im hohen Gras herum. Dem sich nähernden Sennen entspringt er dann in grossen Ggümpe [Sprüngen].

 

Nach und nach ermüden sich die Tiere und folgen nun ruhig eini na der andere in schöner Linie, der bekiesten Strassenmitte ausweichend, dem Bord entlang.

 

Viel kommt auf die G’schidi [Intelligenz] der Heerkuh an. Etwa, wenn einmal in Frage steht, wo jetzt am Platze eines ergangne (nicht mehr gebrauchten) der neue Weg durchführe. Welche Klugheitsprobe, wenn an solchem Scheideweg die Heerkuh sich etwärist [erst einmal] in den Weg stellt, um keini dürhi z’lasse [keine durchzulassen], sich energisch an den hinter der Schar her schreitenden Herrn und Meister hinwendet und mit kurz abgestossenem Mu! frägt: Wa dürhi? [Wo durch?] Ein Wink mit dem Haaggestäcke [Hakenstock], und das Tier übt mit voller Wegkunde seine Führerrolle fort.

 

Diese Szenen entfalten sich in den Scherenschnitten von Jakob Hauswirth und Anne Rosat. Dabei haben Anne Rosats Augen auch anderes gesehen: Den Einmarsch der Wehrmacht in Brüssel. Die Flucht der Mutter mit den Kindern. Den Abzug der Deutschen. Die Ankunft der Amerikaner. Nach dem Krieg die Armut der Kinder in den benachteiligten Quartieren der belgischen Hauptstadt. Und dann das Elend der Kinder in den Schwellenländern.

 

So bleibt es nicht beim Ausschneiden von Kühen und Sennen mit der Nagelschere. Anne Rosat gründet mit ihrem Mann den Fonds Rosat-Colin, der Kindern mit geringen Chancen in Brüssel hilft, einen Weg zu finden. Und in Burkina Faso gründet sie die Association MAIA-Suisse, um Mädchen durch Schulung aus Armut und Abhängigkeit zu führen. Auch ihre Scherenschnitte vermitteln eine humanitäre Mission: Sie sollen den Menschen Freude am Leben geben. Anne Rosat zitiert: „Der Scherenschnitt ist keine hohe Kunst. Aber eine glückliche.“

 

„Woher nehmen Sie zu dem allem die Kraft?“, fragt Claude Langel, die Interviewerin, und hat dabei auch die Unterrichtstätigkeit im Pays-d’Enhaut im Auge und das Führen einer Familie mit fünf Kindern (davon drei eigenen).

 

Die Stärke, erwidert die Bergbewohnerin mit dem Blick fürs Menschliche in nah und fern, finde sie in sich selbst. Und in den Spaziergängen. Und in der Natur. Und in den Büchern. Und in der Musik. Und in der Kunst. Und im Glauben. Und im Gespräch mit dem Mann, mit dem sie seit 51 Jahren verheiratet ist. – Aus diesen Wurzeln nährt sich die Persönlichkeit von Anne Rosat, um ihre Früchte weiterzugeben an die Welt.

 

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