Claude Ducarroz: Glücklich durch Glücklichmachen.

23. November 1939 –

 

Aufgenommen am 21. August 2018 in Freiburg i.Ü.

Claude Ducarroz – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> Hoffentlich wird die Feststellung beim Jüngsten Gericht nicht als Sünde angerechnet, dass das „Plans Fixes“-Porträt des Freiburger Priesters Claude Ducarroz geeignet ist, einen Besuch des Gottesdiensts zu ersetzen. Aber was der fromme Mann vor der Kamera tut, ist Gottesdienst: Verkündigung der frohen Botschaft. Und seine Rede ist deshalb so glaubwürdig, weil er als ganzer Mensch dahintersteht. <

 

Der Anfang der Begegnung erfolgt in einer Kirche. Zwei Männer, der Befrager (Jean-Marc Richard) und der Befragte (Claude Ducarroz), sitzen in den Bänken vor drei Glasfenstern. Das Triptychon zeigt die Leiden der Märtyrer. „Sie sind nackt“, erklärt der Priester. „Nackt vor dem Tod, wie wir es auch sein werden. Aber schauen Sie: Jedem Leidenden ist eine Frauengestalt beigeordnet. Die eine betet, die andere weint, und die dritte hebt dem Sterbenden das Haupt. Diese Frauen verkörpern das Handeln der Kirche: Beistehen durch Mitleid, Trösten durch Zuwendung, Aufrichten durch Solidarität.“

 

Nun führt die Aufnahme ins Büro des Priesters. Er blickt mit offenem Gesicht in die Kamera, und stets ist er greifbar, lesbar, kurz: authentisch. Die direkte, unverstellte Mitteilung von dem, was er denkt und fühlt, macht ihn glaub­würdig. Und sein Wort wird zum Zeugnis für die Realität, in der er lebt: Es ist die Realität des Evangeliums.

 

So erfüllt sich an Claude Ducarroz die Forderung des protestantischen Bieler Pfarrers Ernst Schwyn: „Es kommt nicht darauf an, dass ich ein Wort habe, sondern dass ich ein Wort bin.“ Ist das der Fall, wird die Begegnung zum Ereignis, zum Geschenk. Der Pfarrer ist nicht nur ein Verkündiger, sondern ein Zeichen für die Wahrheit jenes andern, der höher ist als alle Vernunft. Auf ihn baut der Glaube.

 

„Glauben heisst Vertrauen“, sagt Karl Barth.

 

Es geht im Glauben nicht um einen besonderen Bereich, etwa um den religiösen, sondern um das wirkliche Leben in seiner ganzen Totalität, um die äusseren so gut wie um die inneren Fragen, um das Leibliche wie um das Geistige, um das Helle wie um das Dunkle unseres Lebens. Es geht darum, dass wir uns auf Gott verlassen dürfen im Blick auf uns selber und auch im Blick darauf, was uns für andere bewegt, für die ganze Menschheit, es geht ums ganze Leben und ums ganze Sterben. Die Freiheit zu diesem so umfassend zu verstehenden Vertrauen ist der Glaube.

 

Der Vater der dialektischen Theologie, der neben dem Altphilologen Kurth von Fritz als einziger deutscher Hochschullehrer 1934 den „Eid auf den Führer“ verweigerte, fasste den Glauben als Verpflichtung auf, das Christentum zu bekennen und zu leben:

 

Die Kirche hat nicht nur die Aufgabe, christlichen Unterricht in direkter Form zu geben, sondern sie hat die Aufgabe, diesen christlichen Unterricht sichtbar zu machen in Worten, die eingreifen in die Probleme des Tages. Möchte jeder einzelne Christ in seinem Glauben sich klar sein: Bekenntnis ist Lebensbekenntnis. Wer glaubt, der ist aufgerufen mit seiner Person zu bezahlen, „payer de sa personne“. Das ist der Nagel, an dem alles aufzuhängen ist.

 

Glaube bedeutet also tätige Barmherzigkeit. Durch sie werden jene erreicht, die sich von Gott und Menschen verlassen meinten. Den Kontakt erfährt der Priester als Hin und Her: „Wir gehen zu den Menschen, und die Menschen kommen zu uns.“ Ein Beispiel: Aus dem Gefängnis im Elsass nahm ein Mörder Kontakt mit Claude Ducarroz auf. Er solle die Mutter schonend über seine Lage ins Bild setzen und sie beim Gefängnisbesuch begleiten.

 

Mit dem Verurteilten entstand ein Briefwechsel. Doch als der Priester mit der Mutter im Zuchthaus ankam, hatte sich der Mann umgebracht. Für Claude Ducarroz hinterliess er einen Gekreuzigten, den er aus Draht gefertigt hatte. „Der wird auf meinen Sarg kommen“, sagt der Priester.

 

Die erschütternde Hinterlassenschaft erreichte den Kirchenmann als Auftrag: „Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.“ (Matthäus 25, 36) Er liess sich freiwillig einsperren.

 

Das administrative Verfahren war kompliziert. Doch nach vierzehn Monaten kam Claude Ducarroz hinter Schloss und Riegel. Dank seinem offenen Wesen gelang es ihm, zu den Genossen in Beziehung zu treten, und er entdeckte ungeahnte menschliche Grösse hinter den Mauern. Bei seiner Entlassung schenkten ihm die Gefangenen ein Kreuz, das sie aus Zellengittern geschweisst hatten. „Ich bin nicht weniger schuldig als sie“, konstatiert der Kirchenmann. „Bloss wurde ich nicht verurteilt.“

 

Mit klaren Worten benennt Claude Ducarroz die pädophilen Verbrechen der katholischen Kirchenmänner bis hinauf zum Kardinal. „Ich bin erschüttert. Und ich bin traurig. Denken Sie an die Last, die die Opfer mit sich herumtragen mussten. Und niemand schenkte ihnen Glauben!“ Das Zölibat? „Zu meiner Zeit eine Selbstverständlichkeit. Aber heute?! Glaube definiert sich nicht durch Subtraktion, sondern durch Addition. Es gibt in der katholischen Kirche viele Priester, die verheiratet sind; ich denke an die Maroniten und die Griechisch-Katholischen.“ Öffnung ist für Claude Ducarroz unumgänglich. Darum betätigt er sich in der Ökumene.

 

Und die Ungerechtigkeit? Claude Ducarroz hat sie schon als Kind erlebt: „Warum musste der Vater so früh sterben? Und die kleine Schwester?“ Andererseits gibt es die Wirklichkeit der Osterbotschaft. Karl Barth: „Man muss die Auferstehung nicht in einen geistigen Vorgang umdeuten. Man muss es hören und sich erzählen lassen, dass es da ein leeres Grab gegeben hat, dass neues Leben jenseits des Todes sichtbar geworden ist.“ „Sie finden mich vielleicht verrückt (dingue)“, sagt Claude Ducarroz. „Aber für mich sind die Toten nicht tot. Sie sind um mich herum.“

 

Als es ans Sterben ging, bekannte meine Mutter: „Ich habe meinen Kinderglauben behalten. (J’ai gardé ma foi naïve.) Ich habe keine Angst. Bald werde ich zu Maman kommen. Und zu Lucy. Und zu Béatrice. Ich weiss zwar nicht, in welcher Form wir auferstehen werden – sicher anders, als wir es uns vor­stellen –, aber wir werden wieder zusammensein bei Gott. Das steht für mich fest.“

 

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Johannes 20, 29)

 

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