Sabine Süsstrunk: Forscherin an der EPFL. Hinter den Kulissen der Fotografie.

13. Juni 1962 –

 

Aufgenommen am 23. Januar 2023 in Lausanne.

Sabine Süsstrunk – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> Mit 37 Jahren wurde Sabine Süsstrunk 1999 Professorin an der ETH Lausanne. Dort leitet sie seither das Image and Visual Representation Lab, eine Einrichtung, die das Zusammenspiel von Wirklichkeit und Bild in Hirn und Maschine untersucht. Auf diesem Feld steht Sabine Süsstrunk an der Spitze der Forschung. Mehr als 150 Publikationen hat sie veröffentlicht und 10 Patente erworben. Und als erste weibliche Präsidentin des schweize­rischen Wissenschaftsrats (gewählt 2020) bekommt sie an vorderster Stelle die Wahrheit des Barockverses mit: „Was dieser heute baut / reisst jener morgen ein.“ (Andreas Gryphius) Das ist der Lauf der Welt ... und des Wissenschaftsbetriebs. <

 

Die Halbwertszeit des Wissens. 1919 konnte Max Weber noch sagen:

 

Jeder von uns in der Wissenschaft weiss, dass das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja: das ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft, dem sie, in ganz spezifischen Sinne gegenüber allen anderen Kulturelementen, für die es sonst noch gilt, unterworfen und hingegeben ist: jede wissenschaftliche „Erfüllung“ bedeutet neue „Fragen“ und will „überboten“ werden und veralten. Damit hat sich jeder abzufinden, der der Wissenschaft dienen will. Wissen­schaft­lich überholt zu werden ist nicht nur unser aller Schicksal, sondern unser aller Zweck. Wir können nicht arbeiten, ohne zu hoffen, dass andere weiterkommen werden als wir. Prinzipiell geht dieser Fortschritt in das Unendliche.  

 

Wenn Max Weber von Wissen sprach, das in 10, 20, 50 Jahren veraltet sei, so erleben die heutigen Wissenschaftsangehörigen viel kürzere Intervalle.

 

Was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden;

Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;

Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.

 

(Andreas Gryphius.)

 

Heute meldet die „Süddeutsche Zeitung“:

 

Google, wie wir es kennen, stirbt. Die Tatwaffe: künstliche Intelligenz. Der Täter ist Google selbst. Das Unternehmen plant, das Chatprogramm „Bard“ in seine Suche zu integrieren, eine Art KI-Assistent. Sollte es dazu kommen, würden sich das World Wide Web und seine Geschäftsmodelle grundlegend verändern. Aus der offenen Internet-Gesellschaft könnte eine Zweiklassengesellschaft zwischen Chaos und Premium werden.

 

Diese Prozesse werden von der Forschung begleitet, untersucht, reflektiert und befeuert. Für alle ist es überlebenswichtig, sich dort zu befinden, wo die Musik spielt. Veraltet ist jenes Wissen, welches Sokrates anstrebte: „Mich interessiert nicht, was heute so ist und morgen anders. Mich interessiert nicht, was heute ist und morgen nicht. Mich interessiert, was immer ist.“

 

Als der hoch angesehene Professor H. H., die unbestrittene Autorität in seinem Fach, die Pensionsgrenze erreichte und durch einen jungen, 32-jährigen Dozenten ersetzt wurde, der frisch von der Max-Planck-Gesellschaft herkam, übertrafen seine Beliebtheitswerte nach einem Semester die des Vorgängers. Zu diesem Wandel befragt, antworteten die Studenten: „Er hat das neuere Wissen.“ Das stimmte nicht. Die jungen Leute waren bloss dem Vorurteil des „Ageism“ zum Opfer gefallen: Alte Leute sind unbeweglich und zurückgeblieben.

 

In den Augen von Zwanzigjährigen ist wohl auch eine 61-jährige Instituts­leiterin wie Sabine Süsstrunk a priori alt. Das ist der Lauf der Welt und des Wissenschafts­betriebs. A posteriori, wie der alte Kant zu sagen pflegte, kann sich Sabine Süsstrunk dann gleichwohl als aufgeschlossen und progressiv erweisen – wie im konkreten Fall beim Gespräch über ihre Arbeit und Karriere in den „Plans Fixes“.

 

Es geht da, inhaltlich gesprochen, vorwiegend um jene Themen, die im Januar 2023 Wissenschaft und Öffentlichkeit beschäftigten, also um Sexual Harassment, Gendergerechtigkeit, die Stellung der Wissenschaft nach der eben überwundenen Coronakrise, den Stand der Bildtechnik und das Zusammenspiel von Kamera, Computer, Auge und Hirn sowie um das Problem, dass die Schweiz kürzlich wegen ihrer EU-Politik von den europäischen Forschungs­programmen ausgeschlossen wurde.

 

In 10, 20, 50 Jahren werden Studenten der Wissenschafts- und Mentalitäts­geschichte am Film der „Plans Fixes“ untersuchen können, vor welchen Problemen man 2023 stand, wie man sie einschätzte und welche Lösungen man für sie prognostizierte. Und die Nachgeborenen werden dabei lauter Dingen begegnen, die gestern gestern so waren und heute anders, gestern existierten und heute nicht.

 

Die Aufmerksamkeit der Betrachter aber wird laufend von Sabine Süsstrunks Ausführungen abgezogen auf die Aussage ihrer Hände. Während die Professorin spricht, hört sie nämlich nicht auf, ihre Finger zu befühlen, zu betasten und zu bekneten.

 

Zu dieser Haltung erklären die Körpersprachler Allan und Barbara Pease:

 

Auf den ersten Blick kann die Geste Zuversicht signalisieren, da einige Personen, die sie verwenden, oft auch lächeln. Die Geste der verschränk­ten Finger zeigt jedoch eine zurückhaltende, ängstliche oder negative Haltung. Sie wird von Königin Elizabeth bei königlichen Besuchen oder öffentlichen Auftritten gerne verwendet, normalerweise auf ihrem Schoss. Untersuchungen der Verhandlungsexperten Nierenberg und Calero über die Haltung der verschränkten Finger ergaben, dass sie auch eine Frustrationsgeste ist, wenn sie während einer Verhandlung einge­setzt wird, und signalisiert, dass die Person eine negative oder ängst­liche Haltung zurückhält. Diese Haltung wurde von Personen einge­nommen, die das Gefühl hatten, den anderen nicht überzeugen zu können oder zu glauben, die Verhandlung zu verlieren. Wir entdeckten eine Korrelation zwischen der Höhe, in der die Hände gehalten werden, und dem Grad der Frustration der Person: Das heisst, dass es schwieriger ist, mit einer Person zu verhandeln, wenn die Hände hoch gehalten werden, als wenn sie sich in einer mittleren oder niedrigeren Position befinden.

 

Bei Sabine Süsstrunk befinden sich die Hände in einer mittleren Position und damit, bis auf ein Take, immer im Bild. Es gehört nun aber zur Aufgabe eines professionellen Interviewers, den Partner vor sich selber zu schützen, namentlich wenn ihm Äusserungen unterlaufen, die ihm vor einem weiten Publikum schaden können. Deswegen führt eine profunde journalistische Ausbildung dazu, im Vorgespräch auf körper- und verbalsprachliche Ticks des Gegenübers zu achten und sie zu thematisieren: „Ich sehe, dass Sie immer wieder Ihre Finger kneten (oder ‚ähm‘ sagen).“

 

Der Gesprächsleiter nimmt daraufhin ein grosses Blatt (für die „Plans Fixes“ am besten im Format A3) und schreibt mit schwarzem Filzstift darauf: „Finger“. Nun wendet er sich zur Partnerin: „Bei der Aufnahme werden Sie diese Geste nicht machen!“ Er kreuzt das Wort mit grosser Gebärde durch und plaziert das Blatt so, dass die Augen der Interviewten unweigerlich darauf fallen müssen, wenn sie zu sprechen beginnt.

 

Mit dieser verhaltenstherapeutischen Massnahme werden sich zwei Dinge ereignen: (1) Immer, wenn die Person zum Tick anheben will, suchen ihre Augen das durchgestrichene Wort, und die Äusserung unterbleibt. (2) Nach dem Gespräch ist der Tick für immer verschwunden.

 

Die Ausführungen zeigen: Man kann immer dazulernen. Es ist nicht verboten, in 10, 20 oder 50 Jahren gescheiter zu werden. Am besten aber ist es, wenn man das Neue schon heute assimiliert.

 

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