André Charlet: Musiker.

13. März 1927 – 24. Februar 2014.

 

Aufgenommen am 6. Oktober 1987 in Le Brassus.
http://www.plansfixes.ch/films/andre-charlet/

 

 

> Wer André Charlet begegnet – sei es im wunderschönen Porträt, das uns die Plans Fixes von ihm überliefern, sei es, zu seinen Lebzeiten, im unmittelbaren Kontakt – erhält von der ersten Gesprächsminute an die Überzeugung, es gebe auf Erden nichts Wichtigeres als die Musik. <

 

Er selbst vergisst, an der Pfeife zu ziehen. Das halbvolle Gobelet, in dem er mit der Rechten den Weisswein schwenkte (die Choppe steht noch am Rand des Tischs), stellt er ab, und mit der Linken zeigt er auf einen leeren Stuhl: „Da, ja da genau sass er!“ André Charlet beschreibt seine erste Begegnung mit „Monsieur Ansermet“. Charlet hat sich stets geweigert, den legendären Chef des Orchestre de la Suisse Romande anders zu nennen.

 

Ernest Ansermet war für ihn ein Vorbild, wie auch Ignaz Paderewski, dem er als Bub in den Strassen von Morges nachlief, beeindruckt von der Aura des exilierten polnischen Staatsmanns, Freiheitskämpfers, Pianisten und Komponisten. Zehn Jahre später, im zerbombten Wien, schaute er für fünfzig Groschen pro Abend vom Stehplatz im Flohboden aus unzählige Male Herbert von Karajan beim Dirigieren zu. – Ansermet, Paderewski, Karajan, diese Männer waren für ihn nicht Stars, sondern Vermittler. Und jetzt, wo er mit glühender Begeisterung von ihnen erzählt, ist er selber einer.

 

Immer wieder beugt er sich in der Gaststube des Hôtel de la Lande in Le Brassus am Tisch vor, um den Gesprächspartner zu erreichen. Er sucht seinen Blick. Er streckt die Hände nach ihm aus. Mit ganzer Person steht er für das ein, was er zu sagen hat: Dass die Musik ein gültiges Letztes ausspricht, welches uns im erfüllten Moment umwendet und zu besseren Menschen macht.

 

Obwohl das Erlebnis der „Kommunion“, wie Charlet das nennt, ein Mysterium ist, findet doch der Lehrerssohn, der seinen Geist unablässig mit Büchern genährt hat, plastische Formulierungen für das, was die Musik mit uns macht. Überzeugender könnte kein Musikwissenschaftler reden. Das Wunder erklärt sich dadurch, dass André Charlet in allem, was er tut und sagt, die Forderung des verstorbenen Pfarrers Ernst Schwyn umsetzt: „Es kommt nicht darauf an, dass ich ein Wort habe, sondern dass ich ein Wort bin.“

 

Und so erreicht André Charlet auch die Hörer, die am Samstagmorgen nach dem Erwachen um 9:15 Uhr am Radiowecker herumdrehen, um zu klassischer Musik noch etwas weiterzudösen. Espace 2, das Kulturprogramm von Radio Suisse Romande, ist der einzige Sender, der um die Zeit nicht Gesprächssendungen bringt oder Dudelfunk. Im Moment ertönt zwar bloss Chorgesang, aber man hofft auf Orchestrales in der nächsten Nummer.

 

Die Absage lässt aufhorchen: Es spricht ein ungemein rauhes, fast schon kratziges Organ, das dem Ideal der radiophonen Stimme ins Gesicht schlägt. So muss es geklungen haben, wenn sich Carl Maria von Weber verlauten liess. Gerhard Prause berichtet: „Der Neunzehnjährige, der gern und viel trank, erwischte eines Abends, als er nach einem Trinkgelage im Dunkeln nach noch mehr Wein suchte, versehentlich eine Flasche mit Salpetersäure, trank und brach zusammen. Man fand ihn noch zur rechten Zeit, aber seine Stimme war für immer lädiert.“ Als Komponist kompensierte Weber den Schaden, indem er der Klarinette eine Stimme gab, die bis in alle Zeiten innigste Schönheit und Beseelung ausspricht.

 

Charlets Instrument wurde der Chorgesang. Die Chorale du Brassus, die er von 1951–2004 leitete, erreichte durch ihren langjährigen Vertrag mit der Schallplattenfirma Decca Berühmtheit in der ganzen musikalischen Welt. Demgemäss kamen die Chorale du Brassus und der Choeur Pro Arte Lausanne (auch er jahrzehntelang von André Charlet geleitet) 1971 zum Einsatz bei der legendären Aufnahme von „Hoffmanns Erzählungen“ mit Richard Bonynge am Dirigentenpult, Placido Domigo als Hoffmann, Joan Sutherland in den weiblichen Rollen, Gabriel Bacquier in den Rollen der Bösewichte und Éric Tappy in den Dienerrollen.

 

Mit seiner kratzigen Stimme gestaltet jetzt  André Charlet seit 1954 Samstag für Samstag zwischen neun und zehn Uhr „L’art choral“. An die vierzig Jahre lang. Den Chorgesang nehmen die meisten Hörer anfangs bloss nebenbei auf. Dann mit Andacht. Denn die Botschaft fesselt, mit der Charlet die Verbindung zwischen den einzelnen Stücken herstellt. Der Mann hat etwas zu sagen. Und zwar in voller, ungeschützter Unmittelbarkeit. Er formuliert frei, das ist hörbar, und seine lebendige Rede erhöht den Wert der Zwischenmoderationen.

 

Damit werden die Sendungen zu Begegnungen – zunächst mit ihm, aber dann immer stärker auch mit der Musik, die er packend zu vermitteln weiss. Und das Geheimnis? Spontanität. „Vor dem Radiostudio hat es eine lange Treppe. Beim Betreten nehme ich mir vor: Auf der obersten Stufe hast du den ersten Satz! Dann sage ich zur Sekretärin, die sich in der Diskothek fantastisch auskennt, mit welcher Platte ich anfangen will. Während das Stück läuft, verlange ich das nächste und überlege mir, wie ich die Hörer zu ihm führen könnte.“ – Das erklärte mir André Chalet bei einem Schoppen Weisswein im Speisewagen zwischen Bern und Basel, wo er 1966–93 die Liedertafel leitete.

 

Im internationalen Bach-Jahr 1985 schilderte Charlet an zehn Samstagen hintereinander das Leben des Johann Sebastian Bach. In der letzten Sendung, die den Tod des Komponisten brachte, konnte Charlet nicht weiterreden. Die Tränen liefen ihm übers Gesicht. Der Techniker musste den Plattenspieler starten. Dann kamen die Zehn-Uhr-Nachrichten. Im Studio aber blinkte das Telefon: Das Walliser Erziehungsdepartment bestellte einen Satz von je dreissig Kassetten der Bach-Sendereihe für den Musikunterricht an den Schulen des Kantons.

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