Nag Ansorge: Cineast.

18. Februar 1925 – 16. Dezember 2013.

 

Aufgenommen am 6. Juli 2001 in Etagnières.
http://www.plansfixes.ch/films/nag-ansorge/

 

> Von den 345 Filmen, die zur Stunde bei den „Plans Fixes“ aufgerufen werden können, trägt der bewegendste die Nummer 192. Er hat die Geschlossenheit eines Kunstwerks. Dabei entstand seine Gestalt erst im Moment der Aufnahme, veranlasst durch den Entschluss des Porträtierten: „Jetzt rede ich!“ Was er zu sagen hatte, trug den Cineasten Nag Ansorge fort. Nun erreicht die Bewegung die Zuschauer beim Betrachten des Films. <

 

Mit der Nummer 192 beendet Nag Ansorge die Zusammenarbeit mit den „Plans Fixes“. Ein letztes Mal macht er noch die Montage in seinem Studio NAG Film. Dann kommen die Apparate, angeschafft für die Verarbeitung von Zelluloid-Streifen, ins Museum. Die Technik hat sich verändert. Die Aufnahmen entstehen heute elektronisch. Nag Ansorge ist 76. Seine Frau Gisèle, mit der er Animationsfilme durch Belebung von Quarzsand hervorgebracht hat, ist seit acht Jahren tot. Nun spricht er über sie und das, was hinter ihm liegt: das Leben, die Beziehung, die Filme.

 

Lange wollte er sich nicht in den Mittelpunkt stellen lassen. Es brauchte die hartnäckige Überzeugungsarbeit des Freundes Michel Bory, Nag Ansorge in die Aufnahme einwilligen zu lassen. Denn der Cineast ist einer, der lieber schweigt. Zwischen sich und die Wirklichkeit schiebt er ein Gerät: eine Kamera, einen Montagetisch. Sie ermöglichen ihm die Distanz, die er zur Nachdenklichkeit und zur Betrachtung braucht. Dabei geht ihm vieles auf. Denn durch Abstand fühlt er sich in die anderen ein.

 

Kein Zufall, hat Nag Ansorge an der ETH als Maschineningenieur promoviert und bis zum Alter von 33 Jahren bei Escher Wyss Zürich gearbeitet. Das Reden war nie seine Sache. Das Schweigen schon; die Stille ebenfalls; und das Hören und Schauen ohnehin.

 

Vor diesem Hintergrund erwies sich die Ehe mit Gisèle als Komplementarität. Sie war die Frau der Literatur und der Worte. Sie verfasste Erzählungen, Romane, Theaterstücke. 1989 errang sie mit dem Roman „Prendre d’aimer“ den Publikumspreis von Radio Suisse Romande. Und 1992 den Schiller-Preis mit „Les Tourterelles du Caire“. Nag aber war schon als Kind so still, dass der Lehrer die Eltern kommen liess: „Er spricht nicht.“

 

Als er sich aber an den „Plans Fixes“ zu beteiligen begann, hatte Ansorge Menschen vor der Linse, die sich und ihr Wesen dem Film bereitwillig anvertrauten. (Mit Ausnahmen freilich: Benno Besson wollte seinen Widerstand bis zum Schluss nicht ablegen; und andere wollten zwar reden, hatten aber nichts zu sagen.)

 

Beim Montieren ging dem Cineasten die Einmaligkeit des Formats gleich auf. Zunächst: Was eine Kameraeinstellung bedeutet. Dann: Was die Konzentration auf ein Gesicht an Aussage bringt: Ausdruck und Wesen verändern sich nämlich im Lauf der Aufnahme. Am Schluss trennt man sich vom Film mit dem Gefühl, einen Freund gewonnen zu haben. Und genau das ereignet sich nun bei der Nummer 192.

 

Die Ursprungsidee zu den „Plans Fixes“ entstand aus der Tatsache, dass es von Charles-Ferdinand Ramuz keine einzige Filmaufnahme gibt, obwohl der Dichter erst 1947 gestorben ist. Als die jungen Westschweizer Intellektuellen Michel Bory und Bertil Galland dieses Versäumnis bemerkten, beschlossen sie, zuhanden der Nachwelt ein Projekt aufzuziehen, das heute bei der Nummer 345 angekommen ist. Michel Bory stellte damals sein Velo vor dem Studio NAG Film ab und sagte zu Ansorge: „Ich habe eine Idee. Sie ist gratis. Sie können sie übernehmen.“

 

Die Freundschaft und das Vertrauen, die mit der Zeit aus der Zusammen­arbeit erwuchsen, bilden nun die Grundlage für das letzte Porträt, an dem Nag Ansorge beteiligt ist. Und weil es um ihn selber geht, entschliesst er sich zu reden, auch wenn es wehtut. Die Biografie beginnt zwar heiter im Lausanner Nobelhotel Cecil. Die Eltern versahen dort die Direktion. Doch bald schon taucht das ominöse Wort „Scheitern“ auf. (Der Psychoanalytiker bemerkt, dass es sich dabei um ein Synonym zu „Versagen“ handelt.)

 

Das Versagen führt zu Umwegen, und die Umwege führen zum richtigen Platz. Das ist die Lektion, die Gisèle und Nag aus dem Lauf der Dinge lernen. Nach verschiedenen erfolglosen Projekten entdecken sie den Quarzsand als Grundlage für ihre berühmten Animationsfilme. Das Scheitern und Versagen jedoch wird mit der Zeit auch zum unterschwelligen Thema der Ehebeziehung. Rasch und vornehm, aber mit starker innerer Beteiligung umreisst der Cineast das Erkalten der Gefühle und die deprimierende Kinderlosigkeit des Paars.

 

In diese Situation bricht, ungesucht, bei Nag eine zweite Liebe ein, und mit „der anderen“ zeugt er das Kind, das ihm Gisèle nicht geben konnte. Der Cineast kann nicht weiterreden. Und doch drängt das Geständnis ans Licht. Michel Bory kommt ihm zuhilfe und fasst die Tatsachen in wenigen Worten zusammen. Damit erhält der Porträtierte wieder Boden unter die Füsse: „Danke, Michel, dass du das für mich gesagt hast!“

 

Trotz des illegitimen Kindes bleibt die Ehe und das Filmteam der Ansorges intakt. Bedingung aber ist, dass Nag das Kind nie sehe. Bis zu Gisèles Abscheiden hält er sich an die Übereinkunft. Dann nimmt er mit dem zehnjährigen Sohn Kontakt auf. Doch bevor sie aufeinander zugehen, hat der Junge eine erste, entscheidende Frage: „Bin ich ein Kind der Liebe?“ „Ja.“ Auf diese Weise verwandelt sich das ursprüngliche Versagen zum Glück: „Daniel hat heute eine Familie und einen Vater.“

 

Das Porträt Nummer 192 aber, welches dem Verhältnis von Film und Leben nachspürt, hat die Geschlossenheit eines Kunstwerks und die Eindringlichkeit der Authentizität. Es bleibt unvergesslich wie jeder Mensch, der sich zur Offenheit entschliesst.

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