Hugo Loetscher: Schriftsteller.

22. Dezember 1929 – 18. August 2009.

 

Aufgenommen am 29. Juni 2004 in Lausanne.
http://www.plansfixes.ch/films/hugo-loetscher/

 

> Hugo Loetscher ist in Zürich zur Welt gekommen und in Zürich gestorben. Die Aufnahme für die „Plans Fixes“ entsteht aber aus Gründen, die nicht erwähnt werden, in Lausanne. Und da zeigt sich: Loetscher ist im Französischen ebenso daheim wie im Züritüütsch. Er wäre es aber auch im Englischen und Portugiesischen – und ebenfalls, sagt er, im Lateinischen und Griechischen. Er ist offensichtlich ein Weltbürger, kein Seldwyler. <

Als Weltbürger, zu dem er sich von Jugend auf erzogen hat, versteht es Hugo Loetscher, sich in der Sprache der Ironie auszudrücken. Sie ist sogar seine bevorzugte, erklärt Rudolf Käser: „Das Werk Loetschers zeichnet sich durch Vielfalt der Formen und sprachlichen Register aus, aber auch durch eine stets durchgehaltene ironische Distanz. Als Reporter und Essayist schreibt Loetscher ebenso brillant wie als Romancier, er beherrscht begriffliche Analyse und bissige Satire so gut wie die Zelebration von Gefühlen und den versöhnlichen Ton des Geschichtenerzählers.“

Den „versöhnlichen Ton“ nun schlägt der 75jährige im Gespräch mit der Literaturkritikerin Mousse Boulanger an. Freundlich gibt er Auskunft, wie es kam, dass seine erzählenden und essayistischen Werke entstanden. Und er umreisst mit einfachen Worten die Notwendigkeit der Ironie.

Hinter der Ironie steckt die Einsicht, dass, wie Walther Killy zu sagen pflegte, „schwierige Sachen schwierig“ sind. Und dass die Sprache als Kommunikationsmittel problematisch, weil abgegriffen, ist. Das stellte um 1770 schon Georg Christoph Lichtenberg fest, seines Zeichens Physikprofessor an der Universtität Göttingen: „Es ist unglaublich, wie viel unsere besten Wörter verloren haben; das Wort vernünftig hat fast sein ganzes Gepräge verloren; man weiss die Bedeutung, fühlt sie aber nicht mehr“. Und an anderer Stelle notiert er nachdenklich: „In dem, was ich hier sage, ist mehr, als ich auszudrücken imstande bin.“

Sagen wir unumwunden: Die Sprache greift immer zu kurz. Und doch „ist es zu verwundern“, findet Lichtenberg, „dass man mit den Worten der gemeinen Philosophie [d.h. der alltäglichen Ausdrucksweise] von Dingen reden kann, die über dieselben hinaus sind“. Das Rezept: die Metapher, der Vergleich. Er hinkt zwar (darum die Notwendigkeit des ironischen Markers), aber er schafft auch Erleuchtung: „Wenn man ein altes Wort gebraucht, so geht es oft in dem Kanal nach dem Verstande [d.h. dem üblichen Wortsinn], den das Abc-Buch gegraben hat; eine Metapher hingegen macht sich einen neuen und schlägt oft gerade durch.“

Das Reden mit Hilfe von „Metaphern“, bei denen stets ein ironisches „Sozusagen“ mitschwingt, wird für Lichtenberg zum bevorzugten Weg, Wahrheiten auszudrücken: „So müsste man die Lehre von der allgemeinen Schwere [Newtons Gravitationslehre] vortragen können, ohne sich andrer Begriffe zu bedienen, als die beim Gänsespiel vorkommen.“

 

Das Augenzwinkern deutet der Wissenschaftler Lichtenberg an durch die Konstruktion: „müsste ... können“. Gleichwohl bleibt seine Forderung, sich einfach und klar auszudrücken, für jeden, der schreibt, unabweislich. Hugo Loetscher nimmt sie auf: „Keine Sprache ist dringender als eine, die, der Zweideutigkeit und Verwirrung bewusst, einfach und klar sein will und sich nicht scheut, behaftbar zu sein.“

Mit dem Sprachwechsel von Brillanz, Ironie und Versöhnlichkeit bewegt sich Hugo Loetscher durch die Welten. Schon beim Abfassen der Dissertation über „Die politische Philosophie in Frankreich nach 1945“ ging ihm auf, in welch weitem Feld sich das Denken der damaligen Elite bewegte: es war geprägt von den Polen „Engagement“ und „Absurdität“, also von Gegensätzen, die jede vereinfachende Eindeutigkeit ausschliessen. Darum vermied Loetscher zeitlebens das Konventionelle und Floskelhafte. Und selbstverständlich „das Selbstverständliche“. Denn dahinter verbirgt sich, wie Theodor W. Adorno nachwies, „das unverständlich Gewordene“.

Welcher Einwohner von Münchenbuchsee weiss schon, um nur ein banales Beispiel zu nennen, dass sich der Name seines Orts nicht von von Buchen, der Stadt München und einem (in Wirklichkeit nie vorhandenen) See ableitet, sondern von den Buchsbäumen (alemannisch: Buchsi), die den Mönchen (alemannisch: Münche) des ehemaligen Johanniterklosters gehörten, so dass die volkstümliche Ausdrucksweise „Münchebuchsi“ in Wirklichkeit die korrekte ist, und nicht die amtliche?

Hugo Loetscher, den der Wissensdrang in alle Kontinente geführt hat, merkt aber im Alter von vierzig, dass sein Leben nicht ausreicht, die Welt wirklich zu erkennen. Sein Weltbild wird – wie das eines jeden – von „Löchern“, wie er sagt, geprägt bleiben. Sie zu füllen übersteigt die Kraft des Menschen. Aber ihr Vorhandensein zu kennen, ihre Ausdehnung und ihre Ränder zu bestimmen, ist eine unumgängliche Aufgabe. Nur so gelangt man zur Bescheidenheit, die den Humanisten gegenüber dem Ideologen auszeichnet. (Friedrich Kluge: „Sich bescheiden ist ursprünglich ‚zur Einsicht kommen‘.“)

 

Im Satz „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ liegt schliesslich die Wurzel der Ironie – und auch der Befreiung von den Zwängen – falls es einem gegeben ist, sich nicht nur von der Seite, sondern auch von oben zu sehen. Diese Lektion hat Hugo Loetscher im Leben nicht nur erfahren, sondern auch dargestellt – als Erzähler, Reporter und Essayist. Man lese ihn nach.

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